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Die gesellschaftspolitische Lage in Indonesien und Osttimor: einzelne Themen, zu denen wir arbeiten |
Mit dem Rücktritt von Präsident Suharto 1998 bestand die Hoffnung auf einen politischen Neuanfang, verbunden mit einem Demokratisierungsprozess, der zunächst auch eine Reihe von nennenswerten Verbesserungen mit sich brachte. Politische Gefangene wurden entlassen, die Presse-, Versammlungs- und Organisationsfreiheit wurden wieder hergestellt und freie Wahlen abgehalten.
Diese ersten positiven Veränderungen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Menschenrechtslage insgesamt wieder verschlechtert hat. Tagtäglich erreichen uns Schreckensmeldungen aus Aceh, den Molukken, Sulawesi, Papua und West-Timor, wo Konflikte eskaliert sind und mit Grausamkeit ausgetragen werden. Die Zahl der Binnenflüchtlinge in verschiedenen Regionen Indonesiens beträgt nach amtlichen Schätzungen inzwischen ca. 1,3 Millionen Menschen.
Der Übergang in die Demokratie steht unter schwierigen Bedingung. Soziale Spannungen aufgrund der anhaltend desolaten Wirtschaftslage in Folge der Asienkrise sowie die von noch immer einflussreichen Kräften des alten Systems, namentlich des Militärs, betriebenen Machtkämpfe tragen zur Destabilisierung der Regierung bei. Das Land befindet sich in einer dauernden Zerreißprobe zwischen den alten Machteliten und den reformwilligen Kräften. Noch immer ist die Politik in Indonesien geprägt von Korruption und Vetternwirtschaft. Demokratiefähigkeit muss auf allen Ebenen erst mühsam erworben werden, und ein Machtwechsel allein kann die jahrzehntelange systematische Unterdrückung der zivilgesellschaftlichen Kräfte nicht wettmachen.
In Aceh hat sich die Lage durch ein massives Aufgebot an Militär- und Polizeikräften dramatisch verschärft, täglich sterben ungefähr fünf bis sechs Menschen bei den Auseinandersetzungen zwischen der bewaffneten Unabhängigkeitsbewegung GAM und den indonesischen Sicherheitskräften. Angesichts der Brutalität beider Seiten ist die Arbeit von Hilfsverbänden und Nichtregierungsorganisationen vor Ort fast unmöglich geworden.
Mit dem Mord an Theys Eluay im November 2001 und der Verwicklung von indonesischen Sicherheitskräften in diesen Fall ist die Aussicht auf Entspannung in West-Papua wieder in weite Ferne gerückt. Die neue Autonomiegesetzgebung, die im Dezember 2001 in Kraft trat, wird von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt.
Die Lage in Osttimor hat sich seit dem Morden und den Zerstörungen 1999 trotz vieler Hürden positiv entwickelt. Ende August 2001 fanden ohne Zwischenfälle freie Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung statt. Das pluralistische Wahlergebnis lässt auf eine demokratische Zukunft Osttimors hoffen. Am 20. Mai 2002 wurde Osttimor endgültig in die Unabhängigkeit entlassen.
Doch das Blutvergießen vor und nach dem Referendum im August 1999 wird noch lange ein Trauma bleiben. Wichtig wäre eine konsequente Strafverfolgung der Täter und Verantwortlichen. Unter dem Druck des Militärs sind sowohl die Regierung wie auch die Behörden Indonesiens hierzu, wie sich immer deutlicher zeigt, nicht in der Lage. Umso wichtiger ist internationaler Druck auf Indonesien und die Forderung nach einem internationalen Tribunal. Watch Indonesia! wird sich weiterhin dafür engagieren.
Äußerst Besorgnis erregend sind auch die jüngsten Entwicklungen in Jakarta und anderen Großstädten Indonesiens, bei denen staatliche Behörden gewaltsam gegen die städtischen Armen vorgehen. Nicht nur, dass ihnen die Sicherung ihres täglichen Einkommens durch Konfiszierungen von Becaks (Fahrradrikschas) sowie Zerstörungen von Garküchen genommen wird, oftmals verlieren die Menschen darüber hinaus durch Vertreibungen ihre gesamte Lebensgrundlage. Derzeit bemüht sich Watch Indonesia! gemeinsam mit anderen Nichtregierungsorganisationen mittels Öffentlichkeitsarbeit auf das Unrecht aufmerksam zu machen und auf eine Beendigung der Gewalt hinzuwirken.
Zum Aufbau eines
demokratischen Staates und zur friedlichen Lösung der vielfältigen
Konflikte brauchen die zivilgesellschaftlichen Kräfte einen langen
Atem. Watch Indonesia! versucht die Kräfte partnerschaftlich zu unterstützen,
indem wir die deutsche Presse und Öffentlichkeit kontinuierlich über
die aktuellen Entwicklungen informieren, den Finger auf Menschenrechtsverletzungen
legen und gleichzeitig Druck auf die politischen Entscheidungsträger
auf nationaler und internationaler Ebene ausüben.
Zu Gast waren unlängst Wardah Hafidz, Koordinatorin des Urban Poor Consortiums in Jakarta (Januar 2002); der Menschenrechtsanwalt Munir, ausgezeichnet mit dem Alternativen Nobelpreis 2000 und Leiter der Verschwundenenorganisation Kontras (Oktober 2001);John Rumbiak von der Menschenrechtsorganisation ELS-HAM aus West-Papua (Oktober 2001).
Wir setzen uns ein für eine umfassende Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen im Sinne von Frieden und Versöhnung. Wir unterstützen und begleiten die Arbeit der Wahrheitskommission, der Osttimoresischen Gerichtsbarkeit, beobachten aktiv den stockenden Prozess der Einrichtung eines ad-hoc Tribunals zu Osttimor in Indonesien und setzen uns ein für ein Internationales Tribunal.
Ein Forum, auf dem wir diese Forderungen vorbringen, ist die alljährliche UN-Menschenrechtskommissionssitzung im Frühjahr in Genf. Hierzu verfassen wir, auch gemeinsam mit Partnern, Positionspapiere, z.B. 2001 "Nicht Zurückhaltung, sondern aktives Handeln wäre Ausdruck deutscher Realpolitik gegenüber Indonesien" oder 2002 „Permanent Impunity – Indonesia’s Play on Time“. Diese Lobbypapiere richten wir an die deutsche Delegation (Auswärtiges Amt, Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, Deutsche Vertretung in Genf) und über Partner an die Menschenrechtskommission in Genf. Wir arbeiten eng mit dem Forum Menschenrechte zusammen.
Zur Vorbereitung der Menschenrechtskommissionssitzung in Genf 2001 empfing Außenminister Joschka Fischer am 8. März 2001 Vertreter des Forum Menschenrechte. Watch Indonesia! war eingeladen, den Input zu Indonesien, einem von drei Themenschwerpunkten, zu geben.
Zu dem Referendum über den Verbleib
Osttimors bei Indonesien oder die Loslösung haben wir uns mit zehn
von uns entsandten Teilnehmern an der Wahlprozessbeobachtung der Internationalen
Föderation für Osttimor (IFET) beteiligt. Die Anwesenheit von
ausländischen Beobachtern diente der psychologischen sowie moralischen
Unterstützung und dem Schutze der zivilen Bevölkerung.
Gemeinsam mit dem West-Papua Netzwerk weisen wir unermüdlich auf die Menschenrechtsverletzungen hin. Im Juni 2000 haben wir gemeinsam eine Fachtagung zu Papua in den Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung ausgerichtet. Im Herbst 2001 waren wir Mitorganisator der Zweiten Internationalen West-Papua Solidaritätskonferenz. Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und Kirchen in Papua wurden eingeladen.
Im September 2000 beteiligten wir uns
an der internationalen Human Rights Fact-Finding-Mission in die Krisenregion
Aceh. Die Reise war auch als ein Zeichen der Anteilnahme und der moralischen
Unterstützung für die Familie des zuvor ermordeten Anwaltes Jafar
Siddiq gedacht.Die Übergriffe von Militär und Polizei auf gewaltlose
Zivilisten und insbesondere auf Mitarbeiter von humanitären und Menschenrechtsorganisationen
sind durch nichts zu rechtfertigen. Mord, Folter und willkürliche
Verhaftungen sind zu verurteilen, egal gegen wen sie sich richten. Wir
setzen uns mit aller Kraft dafür ein, dass der Recht- und Gesetzlosigkeit
in Aceh und West-Papua ein Ende bereitet wird.
Watch Indonesia! hat in unzähligen Kampagnen und durch Öffentlichkeitsarbeit gegen Waffenlieferungen nach Indonesien protestiert. Unter dem Eindruck der von indonesischen Militärs zu verantwortenden Gräueltaten in Osttimor vor und nach dem Referendum 1999 verhängte die EU ein auf vorläufig vier Monate befristetes Embargo für Waffenexporte und militärische Zusammenarbeit. Trotz massiver Proteste hob die EU das Embargo auf und vergab eine einzigartige Gelegenheit, Kritik an der Machtposition und dem Verhalten des Militärs Ausdruck zu verleihen.
Eine besondere Belastung für Mensch
und Umwelt stellen die Zellstoff- und Papierfabriken in Sumatra dar. Zu
dieser Problematik fanden sich die NGOs Urgewald, Rettet den Regenwald,
Bioforum Indonesia und Walhi in Süd-Sumatra und Watch Indonesia! zu
einer informellen Arbeitsgemeinschaft zusammen. Zwei der großen Zellstoff-
und Papierfabriken, die unter umwelt-, sozial- und entwicklungspolitischen
Erwägungen kritisch zu sehen sind, wurden teilweise unter Beteiligung
deutscher Firmen und versehen mit Hermes-Ausfuhrbürgschaften errichtet.
Durch die gemeinsame Lobby- und Medienarbeit haben wir erreicht, dass das
Beispiel der Zellstoff- und Papierfabriken auf Sumatra eine wesentliche
Rolle bei der Neuformulierung der Kriterien für Hermes-Bürgschaften
durch die entsprechende Arbeitsgruppe, bestehend aus Abgeordneten des Deutschen
Bundestages, NGOs, der Wirtschaft und der Hermes AG, spielte. Sowohl die
ebenfalls an der Finanzierung beteiligte Kreditanstalt für Wiederaufbau
(KfW), das Bundesministerium für Wirtschaft als auch die Hermes AG
selbst suchten den Dialog mit den NGOs und luden zu hochkarätig besetzten
Arbeitstreffen ein. Die Gespräche werden 2002 fortgesetzt werden.
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