S aarbrücker Zeitung, 7.9.1999

 

Welle der Gewalt schwappt über Osttimor 

Armee und Milizen bringen Tausende aus Dili - Residenz von Bischof Belo gestürmt - US-Außenministerin Albright verurteilt die Massaker

Situation in Osttimor spitzt sich dramatisch zu. Zehntausende sind von der Insel geflohen. Sogar die Residenz von Bischof Belo wurde niedergebrannt. 

Dili (ap). Die Situation in Osttimor hat sich am Montag dramatisch zugespitzt. Banden von Unabhängigkeits-Gegnern zogen vor den Augen indonesischer Sicherheitskräfte plündernd und mordend durch die Städte. Bei Massakern sollen bis zum Mittag mehr als 170 Menschen ermordet worden sein. Die Milizen luden Augenzeugen zufolge gemeinsam mit indonesischen Truppen Tausende Menschen auf Lastwagen und deportierten sie aus der Hauptstadt Dili.

25 000 Menschen verließen nach Schätzungen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz allein in der Hauptstadt Dili ihre Häuser, Zehntausende flohen von der Insel. Beim Angriff auf die Residenz des Friedensnobelpreisträgers Bischof Carlos Belo, wo 6000 Menschen zuflucht gesucht hatten, kamen nach Angaben des Unabhängigkeitsführers Carrascalao mindestens 39 Menschen ums Leben. Belo selbst blieb unverletzt. Er wurde mit einem UN-Hubschrauber in die Stadt Bacau geflogen, von wo aus er später nach Dili zurückkehren will. Neben dem Amtssitz Belos wurde auch der Sitz des Roten Kreuzes gestürmt, wo mehr als 2000 Menschen waren. Über deren Schicksal wurde nichts bekannt. Der Polizeichef Osttimors, General Rusmanhadi räumte ein, die Lage sei außer Kontrolle.  

UN-Sprecher Nick Birnback sagte, es gebe klare Hinweise für ein Einverständnis zwischen Milizen und der Armee. Birnback widersprach Berichten, wonach die Uno bereits die Evakuierung aller Mitarbeiter vorbereiteten. Unterdessen äußerte US-Außenministerin Madeleine Albright in Vietnam ihre Betroffenheit. Indonesien müsse sich um die Situation kümmern oder der Internationalen Gemeinschaft erlauben, ins Land zu kommen.  

Der indonesische Verteidigungsminister General Wiranto kündigte die Entsendung weiterer Soldaten an. Der UN-Sondergesandte für Osttimor, Jamsheed Marker, traf sich mit Präsident Habibie. Über die Inhalte der Unterredung wurde nichts bekannt. Eine Pressekonferenz brach Habibie verärgert ab, als ihn Journalisten auf die Gewalt in Osttimor ansprachen. Australien versetzte unterdessen seine Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft. Truppen würden nur mit Zustimmung Jakartas nach Osttimor entsandt, sagte Verteidigungsminister John Moore. Acht Bundesbürger, die sich als Beobachter in Osttimor aufhielten, trafen am Montag in Australien ein, wie die Sprecherin der Organisation Watch Indonesia, Monika Schlicher, mitteilte. Ein weiterer Beobachter sitze noch in Bacau fest. Der Staatsminister im Auswärtigen Amt Ludger Volmer schloss unterdessen militärische und wirtschaftliche Konsequenzen nicht mehr aus.
 

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