Die militärischen Präsidentschaftskandidaten haben ihre Lebensläufe als Mittel des Wahlkampfes entdeckt. Gut aufpoliert dargebracht, will die persönliche Vita mehr als eine reine Auflistung ihrer ehemaligen militärischen Kommandopositionen sein. Sie dient als der implizite Ausweis ihrer Führungsqualitäten und untermauert ihren Anspruch auf Führung des Staates. Wer im Militär gute Führungsarbeit geleistet hat, so die transportierte Botschaft, der wird auch als politischer Führer seiner Verantwortung für Staat und Gesellschaft gerecht werden können.
Die Lebensläufe der Militärkandidaten sind kaum nachprüfbar, und Schönungen müssen einkalkuliert werden. Yudhoyonos offizielle militärische Vita stand in der Form, wie sie in seinen Wahlkampfmaterialien präsentiert wird, bereits mit seiner Ernennung zum Chef des sozio-politischen Stabes der Streitkräfte fest. Sein Wahlkampfteam hat sie wortgetreu übernommen und nur die Positionen ab 1997 angefügt. Das ist nicht ungewöhnlich, sondern Ausdruck einer Tradition im indonesischen Militär: Der neu ernannte Kommandeur und Inhaber einer hohen militärischen Führungsposition (von drei Generalssternen aufwärts) erhält in aller Regel vom zentralen militärischen Führungsstab seinen persönlichen militärischen Lebenslauf, der an die Öffentlichkeit ausgegeben wird und offiziellen Charakter besitzt. Alle Pressemedien können nur auf ihn zurückgreifen, und warum sollte ein Wahlkampfteam von der offiziellen Lesart einer Generalsbiographie abweichen wollen? Eine externe Prüfung ist kaum möglich, zumal die offizielle Version nur unverfängliche Angaben wie die persönlichen Biodaten, die Abfolge der militärischen Positionen, erworbene Bildungsabschlüsse und Auszeichnungen aufführt. Die Details bleiben militärische Verschlusssache. Kein Wunder, dass alle externen Beobachter dasselbe Bild vom militärischen Kandidaten zeichnen.
Dennoch bieten die Viten der Generäle lesenswerte Lektüre, gewähren sie doch einen Einblick in das Werden und Entstehen einer Karrierelaufbahn. Gezielt gelesen und mit biographischen Rahmendaten abgeglichen, ergeben sich Einblicke, inwieweit eine Karriere von außen gefördert und gelenkt worden ist, und Hinweise auf protegierende Gruppen und Personen sowie deren Interessenlage.
Es wäre ein Fehlschluss, die Karriere eines Offiziers allein auf sein eigenes Vermögen und seine spezifischen Leistungen zurückführen zu wollen. In allen Armeen dieser Welt gilt, dass die Laufbahn einer militärischen Führungspersönlichkeit immer der beständigen Protektion von Vorgesetzten bedarf, die ihren Schützling von Position zu Position bis zu den hohen Weihen der oberen Kommandopositionen ihrer Streitkräfte geleiten. Karriereführung ist der Begriff für das Prinzip, dass nur der Kandidat, der sich dem dauerhaften Wohlwollen und den beschützenden Armen sehr vieler Vorgesetzter sicher sein kann, die Höhen der Militärorganisation zu erklimmen vermag. Nur wenige Auserkorene genießen die Protektion, die sie quasi von der Wiege (der Militärakademie) bis zur Bahre (dem Dienstgrad bei Beendigung ihrer Dienstzeit) wohlwollend geleitet. In den indonesischen Streitkräften sind es weit weniger als ein Prozent der Heeresoffiziere. Die Lektüre seiner Vita weist Susilo Bambang Yudhoyono als einen Auserkorenen aus.
Wer waren die Persönlichkeiten
und Gruppierungen, die Susilo Bambang Yudhoyono (SBY) zur militärischen
Führung – und darüber hinaus auch für die politische Führung
– auserkoren hatten? Wer waren seine Förderer, und welches ihre Interessen,
denen er sich bei Gelegenheit erkenntlich zu zeigen hat? Wagen wir einige
prüfende Blicke mit der Hoffnung auf Einblick.
Der junge SBY wird in seinen biographischen Darstellungen als Bücherwurm beschrieben, der seine Freunde mit seinem Wunsch, ins Militär einzutreten, überraschte. War er doch ein Jüngling mit aufgeprägter Neigung zur Abfassung lyrischer Gesänge von melancholischer Stimmung, was vielleicht seine Ursache hatte in der Isolierung von seinen Eltern, die ihn bei seinem Onkel Sasto Suyitno, dem lurah (Dorfvorsteher) des Dorfes Ploso, zwölf Kilometer vom Heimatort entfernt, unterbrachten, um dort die Schule zu besuchen. Damit wuchs SBY unter ähnlichen Bedingungen auf wie der junge Suharto, der seine Sozialisierung ebenfalls fern von seinen Eltern in einem javanischen Dorf erfuhr. Damals wurde er Susilo oder kurz Sus gerufen; sein Kürzel SBY erhielt er erst, als er zum Minister aufgestiegen war. Mit seinen Freunden gründete er die Band Klub Rajawali, in der er Bass spielte und als Sänger für die traurigen Lieder auftrat, deren Texte er oft auch verfasste.
Seine erste Bewerbung für die Akabri 1968 wurde abgelehnt. Die Biodaten geben als Grund die verspätete Anmeldung an. Es mag aber sein, dass SBY mit 19 Jahren noch zu jung war. Die Akademie war zu jener Zeit gerade neu gegründet worden, und ihr Kommandeur Solichin musste aus den zahlreichen Bewerbern die 389 Kandidaten für die Klasse 12 auswählen, die 1972 den ersten Abgangsjahrgang der Akabri bilden sollten.
SBY begann am 10.11.1968 ein Studium am Technikinstitut Surabaya (Institut Teknik Surabaya), dass er bald zugunsten eines Lehramtsstudiums an der Pädagogischen Hochschule (IKIP) Malang, Ostjava, aufgab. Auch dieses Studium war nur die Überbrückung bis zum Eintritt in die Akabri, der ihm im Januar 1970 gelang. Er wurde Kadett des Ausbildungszweiges Infanterie (cabang infantri) und Mitglied des ersten Jahrganges, der 1973 abschloss und die ersten Offizieranwärter produzieren sollten, die ihre militärische Sozialisation unter den Bedingungen und Vorgaben der Neuen Ordnung erhielten. Seine Altersklasse war die erste, welche den ideologischen Vorgaben des Dharma Pusaka 45 ausgesetzt war, einem ideologischen Erziehungsprogramm, das den sozio-politischen Führungsanspruch des Militärs formulierte und landesweit durchsetzen sollte. 1972 an der Seskoad in Bandung entstanden, wurden die Zielvorgaben des Dharma Pusaka 45 in die militärischen, und bald darauf auch in die zivilen Schulcurricula integriert und zum zentralen ideologischen Instrument der mentalen Formung des manusia Pancasila (Pancasila-Menschen). Daraus wurde ab 1978 die ideologische Zwangsschulung P4 entwickelt, der jeder Staatsbürger Indonesiens über die Dauer seiner Schulausbildung – von der Grundschule bis zur Universität – ausgesetzt war (1).
SBY war nur ein Jahr Kadett unter dem Kommandeur Solichin. Im Januar 1970 wurde mit Generalmajor Sarwo Edhie Wibowo ein sehr bekannter und umstrittener General zum Kommandeur der Akabri ernannt (2). Wir werden auf ihn im Weiteren näher zu sprechen kommen. Die Klasse des SBY war die erste Jahrgangsgruppe junger Kadetten, derer sich Sarwo Edhie persönlich annahm. Aus ihr gingen 434 Offiziere hervor, unter ihnen solche, die später auf ihre Weise als Reformgeneräle gelten sollten, wie Agus Wirahadikusumah (Kostrad-Kommandeur, mittlerweile verstorben), Ryamizard Ryacudu (heute Heeresstabschef) und Prabowo Subianto, der künftige Kommandeur der Kopassus und Schwiegersohn Suhartos. Die beiden letzteren erlitten das Schicksal der Rückstufung und schlossen die Akademie erst mit dem Jahrgang 1974 ab. Die Anforderungen an diese Klasse waren hoch, und schon leichte Disziplinarvergehen oder ungenügende Leistungen wurden mit Rückstufung hart geahndet.
Kommandeur Sarwo Edhie Wibowo machte die Akabri zur Kaderschmiede für eine neue Generation von Führungsoffizieren, die im Geist des militärischen Führungsanspruches der Suhartoschen Neuen Ordnung heranwachsen sollte. Drei Jahrzehnte später sind es ihre Absolventen, die Indonesien in die junge Demokratie führen. Die Generationen nach Yudhoyono, die Akmil-Klassen von 1974 und jünger, haben heute die führenden Kommandopositionen in den Streitkräften inne, und es erscheint wie eine Ironie der Geschichte, dass die junge Demokratie des Landes kurz davor steht, von den militärischen Kindern Suhartos geführt zu werden (3).
Susilo Bambang Yudhoyono schloss die Klasse von 1973 als Klassenbester ab und erhielt dafür die Verdienstmedaille Adhi Makayasa. Zu seiner Zeit in der Akabri ist wenig mehr bekannt. Wer gab ihm die Protektion, die ihm den Zugang zum Zweig Infanterie verschaffte? Welche Rolle spielte Sarwo Edhie? Wurde er, wie es Brauch an der Militärakademie ist, der Pate des jungen SBY?
Die Klasse von 1973 gründete
bereits auf der Akademie einen Bund der Jahrgangsklasse 1973 mit dem Namen
Yayasan Cadaka Dharma, innerhalb der junge SBY bereits spöttisch-anerkennend
als ihr „lurah“ (Dorfchef) galt. Dieser Bund soll bis zum Ausscheiden SBYs
aus dem Militärdienst bestanden haben. Es mag sein, dass Sarwo Edhie
dieser Klasse besondere Aufmerksamkeit gewährte, was die Bewunderung
zu erklären vermag, die der Präsidentschaftskandidat SBY seinem
Mentor und späteren Schwiegervater öffentlich immer wieder zukommen
lässt.
Die ersten sieben Jahre der Offizierlaufbahn des SBY standen im Zeichen der Heranbildung eines künftigen Kampftruppenführers. SBY fand seine Heimat bei der luftgestützten Infanteriebrigade (Brigif Linud) 17 Kujang I in Westjava, einem der prestigeträchtigsten Kampfverbände der Heeresreserve Kostrad.
Seine erste Verwendung (1974-1975)
war die eines Zugführers eines Infanteriezuges/Schützen am luftgestützten
Infanteriebataillon (Yonif Linud) 330/Tri Dharma in Cicalengka bei Bandung.
Es ist anzunehmen, dass SBY auch eine Ausbildung zum Fallschirmjäger
erhalten hat. Obgleich seine folgende Verwendung erneut die eines Zugführers
war, und zwar am Yonif Linud 305/Tengkorak (Karawang, Westjava) der Kostrad,
erhielt der junge SBY ab 1976 die Möglichkeit zu mehreren Ausbildungslehrgängen
in den USA. Als Oberleutnant nahm er 1976 teil am US Airborne and Ranger
Course in Fort Benning, Georgia, einem der wichtigsten Ausbildungszentren
für Kampfführung der US-Spezialkräfte, und schaffte zeitgleich
seinen Master of Arts im Bereich Management an der Webster University.
1977 kehrte er zum Yonif 330 zurück und wurde im selben Jahr zum ersten
Mal für den Stabsdienst abgestellt, und zwar als Offizier im Stabsdienst
des Führungsstabes der Brigif Linud 17. Ein Jahr darauf (1979) begann
seine erste Einsatzverwendung in Osttimor, über die nichts bekannt
zu sein scheint. Für zwei Jahre (1979 – 1981) war er der Kommandeur
einer Schützenkompanie des Yonif Linud 330 der Kostrad mit dem Dienstgrad
Hauptmann und muss in den direkten Kampfeinsatz einbezogen worden sein.
Für zwei Jahre war er als Adjutant (im Englischen: aide de camp) am Generalstab des Heeres abgestellt, nahm diese Position jedoch kaum wahr. Er durchlief in diesem Zeitraum weitere Ausbildungen in den USA, und zwar den Infantry Officer Advance Course in Fort Benning, den er mit dem honor graduate für Dschungelkriegführung (Jungle Warfare) abschloss. Damit war seine Karrierelaufbahn als Kommandeur für die Aufstandsbekämpfung (counterinsurgency) und den Einsatz gegen Rebellen vorgezeichnet.
1983 setzte er diese Karriere
fort mit einem Lehrgang in Panama, wo die US Army ihre der wichtigste Schulungsstätte
für counterinsurgency eingerichtet hatte. Im Jahr darauf, und mittlerweile
zum Major befördert, folgte ein Lehrgang für Panzerabwehrwaffen
(anti-tank weapon course) in Belgien und der Bundesrepublik Deutschland
(1984), der aber, was den deutschen Teil des Lehrganges betrifft, nicht
mehr nachzuweisen ist (5). SBY gehörte damit zu
der letzten Altersschicht von indonesischen Offizieren, die in den Genuss
von speziellen Ausbildungen der US Army und der NATO gelangten; die Generationen
nach ihm sollten diese Vorzüge nicht mehr genießen können.
Die Gründe dafür sind mir nicht bekannt.
Im Jahr darauf (1985) nahm
SBY an einem Bataillonsführerlehrgang in Bandung teil. Formell war
er in der Zeit von 1983 bis 1985 der Kommandeur der Schule für Infanterieausbildung.
Seine erworbenen Kenntnisse
in der Aufstandsbekämpfung konnte Yudhoyono in zwei Einsätzen
über insgesamt drei Jahre in Osttimor praktisch anwenden: 1986 wurde
er Kommandeur des Yonif 744/Satya Yudha Bakti, des Stammbataillons des
Korem 164/Wira Dharma mit Hauptquartier in Dili. Damit war er der wichtigste
Kommandeur des örtlichen Territorialkommandos (6)
der ABRI in Osttimor und direkt für militärische Kampfeinsätze
verantwortlich. Auch über diese Zeit seiner militärischen Verwendung
ist nichts bekannt. 1988 wechselte er als aide de camp in den Operationsstab
des für Osttimor zuständigen Kodam Udayana in Denpasar, Bali,
um bald darauf einer neuen Karrierephase entgegenzusehen.
Im November 1995 wurde SBY zum indonesischen Chief Military Observer der UN Peace Forces (UNPF) bestimmt. In der Folge erhielt er seinen ersten Generalsstern als Brigjen (Brigadegeneral) und übernahm für fünf Monate die Position als Chef des Stabes am Kodam Jaya (März bis August 1996), wo er für die stabsmäßige Durchführung der verdeckten Militäroperation gegen die Parteichefin der PDI, Megawati Sukarnoputri, verantwortlich zeichnete. Auch dieser militärische Beitrag Yudhoyonos, für die er als counterinsurgency Spezialist bestens qualifiziert war, bleibt bis heute unklar.
Bereits im August 1996 erhielt er seinen zweiten Stern und wurde Mayjen und Pangdam (Befehlshaber eines Kodam) des Wehrbereichs II/Sriwijaya in Palembang, Südsumatra. Während dieser Zeit begann er als Mitglied und intellektueller Führer der Pendawa Lima bekannt zu werden. Er verblieb auf dieser Verwendung exakt ein Jahr, um danach seine letzte Laufbahnphase einzuleiten, die ihn an die Spitze des Sospol-Stabes der ABRI führen sollte. Im August 1997 wurde er „Assistent für sozio-politische Führung des Chef des Stabes für sozio-politische Führung der Streitkräfte“ (Assospol Kassospol) und direkter Untergebener von Generalmajor Yunus Yosfiah, dessen Posten er bereits im April 1998 übernehmen sollte. Zu jener Zeit galt SBY als der „thinking general“ und führender Kopf der Reform des Militärs.
Den Sturz Suhartos und der Neuen Ordnung erlebte SBY als Kassospol und damit ohne Kommandobefugnisse über Kampftruppen. Sein Beitrag zum Regimewechsel lag immer mehr im politischen Bereich. Die Sondersitzung der MPR 1998 sah ihn, obwohl kein Abgeordneter des Parlamentes (DPR), dennoch als Fraktionschef der parlamentarischen Militärfraktion (7); 1999 wurde SBY Mitglied der Gebietsdelegiertenfraktion (Fraksi Utusan Daerah) der Golkar (8).
1998 und 1999 profilierte er sich und seine Jahrgangsklasse von 1973 in zwei Bücherpublikationen, in denen er Aufsätze seiner ehemaligen Klassenkameraden zur Reform der Streitkräfte und ihrer Dwifungsi zusammenfasste. Als Herausgeber fungierte sein Klassenkamerad Agus Wirahadikusumah.
SBY reformierte die Position des Sospol-Stabes in Richtung auf dessen finale Abschaffung, die erst nach ihm im November 2001 vollzogen werden sollte. Im September 1998 änderte er dessen Namen zu Staf Teritorial (Ster) und den seiner Position zu Kepala Staf Teritorial (Kaster) und leitete die Auflösung der sospol-Stäbe in den Kodam ein. Zeitgleich erhielt er die Beförderung zum Letjen (Generalleutnant), seinem formell letzten Dienstgrad.
Als ihm im November 1999 aufgrund des Widerstandes seitens des Panglima Wiranto der Aufstieg zum Heeresstabschef (Kasad) verwehrt wurde, schied er aus dem aktiven Militärdienst aus und übernahm, obgleich damals noch aktiver General, die Position des Ministers für Bergbau und Energie im Kabinett des Präsidenten Abdurrahman Wahid. Erst nach Inkrafttreten der neuen Bestimmungen des Gesetzes über die Streitkräfte trat er im November 2000 offiziell in den Ruhestand und wurde purnawirawan, General im Ruhestand.
Als Zivilist amtierte Susilo Bambang Yudhoyono als oberster Sicherheitsminister für zwei Präsidenten: von August 2000 bis Juni 2001 als Menko Polsoskam für Abdurrahman Wahid, und als Menko Polkam für Megawati Sukarnoputri. Im Mai 2004 trat er als Minister zurück und kandiert seither für das Amt des Staatspräsidenten der Republik Indonesien.
Sein Ehrgeiz, das höchste
Amt im Staat zu gewinnen, begann mit seiner gescheiterten Aufstellung für
die Position des Stellvertretenden Staatspräsidenten bei der Sitzung
der MPR im Juli 2001. Nach der Niederlage fanden sich aus historisch noch
nicht vollständig nachvollzogenen Prozessen heraus einige Interessengruppen,
die ihn zur Gründung einer eigenen Partei und zur anschließenden
Kandidatur um das Präsidentenamt drängten. Ab Mai 2002 wurde
die Gründung einer damals noch wenig beachteten Partai Demokrat –
übersetzbar als „Demokratenpartei“, aber auch als „Partei des Demokraten“
– bekannt, die zwar mit dem Namen SBY warb, ihn selbst aber nicht zu einem
Bekenntnis zur Partei bewegen konnten. Vielleicht zuerst nur als ein Testballon
für seine politische Akzeptanz in der Politikszene Indonesiens gedacht,
outete sich SBY nach positiver Resonanz im folgenden August als treibende
Kraft eben jener Partai Demokrat. Der weitere Verlauf ist bekannt: Susilo
Bambang Yudhoyono hat die erste Runde der Präsidentschaftswahl vom
5. Juli 2004 gewonnen und hat ernsthafte Chancen, die Präsidentschaft
im September für sich zu gewinnen.
Sarwo Edhie Wibowo, der 1989 verstarb, war ein charismatischer Militärführer mit Vorbildcharakter für eine Gattung junger Militärs, die im direkten und aggressiven Angehen von Problemen die Lösung von militärischen Aufträgen sahen. Sarwo Edhie wurde immer dann gerufen, wenn Waffengewalt angesagt erschien. Die Kampagne zur gewaltsamen Eingliederung Westpapuas (1961-1963), die Militäraktionen gegen Malaysia im Verlauf der „Konfrontasi“ mit dem Nachbarland (1963-1967) und die Zerschlagung der PKI (1965-1967) waren solche Momente, in denen er zu glänzen verstand. Er entwickelte die Strukturen und Einsatzformen der Heeresfallschirmjäger RPKAD („die roten Barette“), aus denen viel später die Kopassus hervorgehen sollte. Er war anfänglich ein unpolitischer Offizier, der sich im Laufe seiner Karriere zu einem politischen Verfechter einer reinen Militärlehre entwickelte, die ihn zum Gegenspieler und Rivalen Suhartos machen sollte.
Sarwo Edhie reifte in seiner Karriere zu einem Fürsprecher eines militärgeführten Indonesiens heran, das sich mit Gewalt all seiner Gegner zu entledigen habe, zugleich aber nicht in die Hände eines Despoten fallen dürfe. Nachdem seine Kommandotrupps der RPKAD ihre blutigen Spuren im Verlauf der Kommunistenhatz durch Java und Bali gezogen hatten, setzte er seine Truppen in gleicher Manier auf die Reste der PNI (Partai Nasional Indonesia) an, der Partei des damals noch amtierenden Präsidenten Sukarno, dessen faktische Macht bereits 1966 an den General Suharto übergegangen war. Er identifizierte alle Kräfte der alten Sukarno-Herrschaft als Feinde des neuen Indonesiens und war bestrebt, sie vom Boden des Landes zu tilgen. Zugleich wandte er sich auch gegen die Herrschaftsansprüche des Generals Suharto und kann wahrscheinlich als der historisch erste Opponent der Neuen Ordnung gelten, die ohne ihn kaum möglich gewesen wäre. Es waren die Heereskommandeure und Suharto, die ihn, den starrköpfigen Hitzkopf, nur dadurch zu bändigen wussten, dass sie ihn aller Kommandos enthoben und auf Positionen ohne Zugriff auf Truppen abschoben. Er war ihnen zur Gefahr geworden. Die politische Vision des Sarwo Edhie, hätte er sie denn verwirklichen können, wäre möglicherweise die Herrschaft einer nationalistischen Militärjunta im Stile Birmas gewesen, wobei die kulturelle Basis dieser Herrschaft im Kriegertum des mittelalterlichen Java gelegen hätte. Sarwo Edhie war verzückt vom Ideal des ksatria, des javanischen Kriegers, dem nachzustreben immer sein Ideal gewesen war.
Seine Absetzung tat seinem Ansehen innerhalb der Truppe keinen Abbruch. Sarwo Edhie war immer ein Kommandeur gewesen, der von seinen Männern das Äußerste verlangte, sich aber auch für jeden seiner Männer einzusetzen verstand und deshalb die oberste Loyalität nicht einzufordern brauchte. Sie wurde ihm freiwillig offeriert. Er war es, der unter den schwierigen finanziellen Bedingungen der frühen sechziger Jahre die RPKAD aufbaute, der seinen Vorgesetzten die notwendigen Finanzmittel abtrotzte und das Ansehen einer Elitetruppe im Heer aufbaute, die bis heute in der Kopassus fortgeführt wird. Alle Kommandeure der Kopassus, unter ihnen auch der spätere Militärchef Benny Murdani, stehen in der Tradition der charismatischen Führungspersönlichkeit Sarwo Edhies. Mit ihm verbinden sich die militärischen Werte der bedingungslosen Erfüllung des militärischen Auftrages mit allen Mitteln, mit der Einschränkung und Bedingung, dass jeder militärische Führer die ihm gegebene Befehlsgewalt nicht zu seinen eigenen Zwecken zu missbrauchen habe. Die soldatische Loyalität gebührt der militärischen Organisation als großes Ganzes, und nicht dem einzelnen Kommandeur. Auch nicht dem einzelnen politischen Führer. Das Militär hat fest und unbeugsam ewigen Grundwerten zu folgen und sich nicht korrumpieren zu lassen. Es ist deshalb kein Widerspruch, dass die historische Funktion des Sarwo Edhie, einem der Gründerväter der Neuen Ordnung und zugleich ihr größter Kritiker, dann wieder entdeckt wurde, als die Gestaltung der Nach-Suharto-Zeit auf die Agenda des Militärs gesetzt wurde. Sein Erbe liegt in der historischen Korrektur eines 1965 falsch eingeschlagenen Weges, den zu korrigieren nun die Aufgabe seiner Nachfolgegeneration ist.
Die historische Rolle des ehemaligen Heeresfallschirmjägergenerals Sarwo Edhie Wibowo als Förderer einer neuen Offiziergeneration wäre fast unbemerkt geblieben, wäre nicht mit SBY sein erfolgreichster Schützling hervorgetreten. Die Offiziere, über die Sarwo Edhie Wibowo in seiner Lebenszeit eine Patenschaft übernahm, sind nicht bekannt. Es ist zu vermuten, dass die „Reformklasse“ von 1973 aus seiner Führung hervorgegangen ist. Einige der Offiziere, die aus seiner erweiterten Familie hervorgegangen sind, jedoch kennen wir. Neben SBY ist es Blasius Erwin Sudjono, Akademiejahrgang 1975, Halbchinese und Katholik, der zurzeit der Kommandeur der zweiten Infanteriedivision der Kostrad ist. Er hat, wie SBY, eine Tochter des Generals geehelicht. Ein Sohn Sarwo Edhies, Pramono Edhie Wibowo, ist Absolvent des Akademiejahrgangs 1980 und, wie sein Vater, in die Kopassus eingetreten. 1999 kommandierte der die Antiterroreinheit D 81 der Kopassus (die ehemalige Grup V) und war danach bis 2001 militärischer Adjutant des Heeres bei Präsidentin Megawati Sukarnoputri. Seine derzeitige Position ist nicht bekannt.
Die im Wahlkampf verbreiteten Biographien Yudhoyonos ziehen vielfache Verbindungslinien zur Figur des Sarwo Edhie Wibowo, seinem verstorbenen Schwiegervater. Da ist u. a. die Geschichte der umfangreichen Privatbibliothek des RPKAD-Generals, die Yudhoyono in einem Presseinterview erzählt: Er, Yudhoyono, war, wie sein Schwiegervater, ein eifriger Leser und Sammler von Büchern und bereits als junger Leutnant von der umfangreichen Bücherkollektion seines Schwiegervaters von einigen tausend Werken, darunter viele aus dem Ausland, begeistert. Nach dessen Tode betrübte es ihn mit anzusehen, wie die Kollektion der Verwahrlosung ausgesetzt war, und er erinnerte sich an den unverwirklichten Traum seines Schwiegervaters, der Bibliothek einen angemessenen und großzügig ausgestatteten Ort zu geben. Also sprach er zur Schwiegermutter: „Mutter, lass mich den Willen des Vaters erfüllen. Überlasse mir die Büchersammlung des Vaters, und ich werde sie weiter führen.“ Er nahm die Sammlung in seine Obhut und schuf ihr in seinem Haus bei Bogor einen angemessenen Rahmen. „Nun, damit habe ich seinen Willen fortgeführt, als meine persönliche Ehrerweisung.“ (9)
Susilo Bambang Yudhoyono
stellt sich selbst in die Nachfolge seines Schwiegervaters und präsentiert
sich als Sachwalter seines Erbes. Eines Erbes, das er eben nicht im Blutrausch
der Neuen Ordnung verortet sehen will, sondern in der Tradition des Werte
bewussten Entgegentretens gegen jegliche Despotie und damit für etwas,
das man mit einigem Wohlwollen als Demokratie bezeichnen mag.
Die Klatschpresse Indonesiens hat auch schon seine Freundin (pacar) identifiziert. Es ist Annisa Larasati Pohan, geboren 1981 in Boston, ein hoch gewachsenes Fotomodell (164 cm Körpergröße) und bereits ein Promi in der nationalen Gesellschaftsszene. Die Zeitschrift Gadis setzte sie 1997 auf ein Titelblatt, und vier Jahre darauf errang sie den Titel des „Shampoo Girl 2001“. Sie wurde Radiomoderatorin des Senders OZ und präsentiert im Fernsehsender RCTI jeden Samstag das Sportquiz „Bundesliga“ (die Sendung heißt wirklich so). Auf die Frage nach ihrer Beziehung zu Agus Harimurti Yudhoyono gibt sie sich zurückhaltend: „Ich bin in der Tat seine Freundin ..., aber ich möchte (ihn) rasch heiraten. Hauptsache, das geschieht, bevor ich 25 bin.“ (11)
Wenn Agus Harimurti Yudhoyono
dem Karrierebild seines Vaters folgt, ist ihm in den nächsten drei
Jahrzehnten eine große Militärkarriere gewiss, und er wird die
Militärdynastie Yudhoyono erfolgreich eine Generation weiter führen.
Ähnlich wie Suharto,
der mit Übernahme der Präsidentschaft 1967 über seine Ehefrau
die Bindung an das Herrscherhaus des Sultanspalastes Mangkunegaran von
Surakarta suchte, ist sich auch SBY der politischen Wirkmächtigkeit
dynastischer Herrschaft bewusst und präsentiert sich als ein Mann,
hinter dem personifizierte Geschichte steht. Sein Anspruch auf die Führung
des Staates ist ernst zu nehmen.
(1) Vgl. Ingo Wandelt (1989): Der Weg zum Pancasila-Menschen, Frankfurt und New York.
(2) Sarwo Edhie Wibowo war Kommandeur der Akmil in Magelang vom 9. Januar 1970 bis zum 9. Januar 1974. Sein Sohn, Pramono Edhie Wibowo, Jahrgang 1980 der Akmil, trat wie sein Vater der Kopassus bei und diente 1998 als Kommandeur der Grup I (Fallschirmjäger) und der Grup V (Antiterror). Er war bis März 2003 der persönliche Heeresadjutant Megawatis, eine Position, die vor ihm u.a. Wiranto innehatte. Pramono darf als ein künftiger Kandidat für höchste Positionen in Heer und TNI gelten.
Sarwo Edhies Schwiegersohn, und Schwager von SBY, ist Erwin Sujono (auch Blasius Erwin Sudjono), Akmil-Klasse 1975, der zurzeit Kommandeur der Infanteriedivision I Kostrad mit dem Dienstgrad Mayjen (**) ist.
(3) Die Frage, welche Akmil-Klasse die eigentliche erste Altersschicht der Neuen Ordnung war, ist widersprüchlich zu beantworten. Ich sehe die 73-er Klasse als die eigentliche Pionierklasse an, weil sie als erste dem 1973 publizierten Dharma Pusaka 45 ausgesetzt war. Die Klassen von 1974 (mit Heeresstabschef Ryamizard Ryacudu) und 1975 (mit dem stellvertretenden Heeresstabschef Djoko Santoso) haben es in noch größerer Intensität erlitten und könnten mit einigem Recht als die eigentlichen ersten Produkte der Gehirnwäsche der Neuen Ordnung gelten.
(4) http://www.kompas.co.id/kompas-cetak/0406/24/Sosok/1105275.htm
(5) Nach Recherchen von Moritz Kleine-Brockhoff, Jakarta
(6) Ein Korem (Komando Resor Militer) ist die zweite Ebene der territorialen Präsenz des Heeres unterhalb des Kodam (Komando Daerah Militer) und deckt ungefähr die Fläche eines Kabupaten ab. Im Osttimor zur Zeit der indonesischen Herrschaft wurde die Provinz nur mit einem Korem abgedeckt
(7) Als Kassospol führte SBY die Aufsicht über die Fraktion der Streitkräfte in Parlament und Volksdelegiertenkongress (MPR), und es ist wahrscheinlich, dass er wegen dieser Aufsichtsfunktion, obwohl kein ordentliches Mitglied, in die MPR berufen wurde.
(8) Es ist unklar, ob er das Parteibuch der Golkar besaß. Als Gebietsdelegierte konnte eine Partei auch parteilose Delegierte benennen.
(9) http://www.sby-oke.com/page.php?.action=wawancara§sekarang=2
(10) http://www.suaram.org/update/urgent_appeal_20030618.htm
(11) http://www.gatra.com/2004-05-02/artikel.php?id=36598
nächster Teil: 5.
Netzwerkrekonstruktion - Wer sind die neuen Militärzivilisten im Wettstreit
um die Macht in Indonesien?
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