Watch Indonesia! Information und Analyse, 17. August 2004

 

Die neuen Militärzivilisten

von Ingo Wandelt

 

2. Der lange Atem

Die einstigen Militärreformer an der Schwelle zur Macht


Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt begannen einige Generäle die ersten Fesseln der Suharto-Diktatur abzustreifen und die indonesischen Streitkräfte TNI auf eine Zeit nach Suharto vorzubereiten. Sie leiteten erste Reformschritte des Militärs ein und bedienten sich dabei Netzwerken persönlicher Beziehungen, die sie lange zuvor geknüpft hatten. Nunmehr im militärischen Ruhestand stehen sie an der Schwelle zur Macht im Staat. Sie haben gute Aussichten, nicht nur die Königsmacher zu sein, sondern auch den neuen König auf den Thron zu hieven und den Kurs des Staates in die Zukunft zu bestimmen.

Die Rede ist von der rot-weißen Fraktion (fraksi merah-putih) innerhalb der Kommandeurelite des indonesischen Heeres. Werfen wir einen Blick auf ihre historische Herausbildung.

General Leonardus Benjamin Murdani, kurz „Benny“ Murdani, war Mitte der achtziger Jahre der zweitmächtigste Mann Indonesiens hinter dem allmächtigen Staatspräsidenten Suharto. Als Befehlshaber der ABRI, der Streitkräfte Indonesiens, unterzog er das Militär der größten Strukturreform seit seiner Gründung in den Wirren des Freiheitskampfes gegen die Niederländer. Mit der Reform vollzog er einen einschneidenden Generationenwechsel in der Kommandeurelite, mit dem die Generäle der Gründerzeit, die Veteranen des Freiheitskrieges, in den Ruhestand entlassen und von einer neuen Führungsgeneration abgelöst wurden. Mit diesen neuen Kommandeuren, die im unabhängigen Staat Indonesien ihre Sozialisation erfahren hatten, sollte die Truppe ein neues Gesicht erhalten, ohne die Werte und Ziele ihrer Vätergeneration aus den Augen zu verlieren.

Die Streitkräfte Indonesiens waren nicht aus dem hervorgegangen, was in Indonesien als „Politik“ zu beschreiben gepflegt wird: die zivile Staatsführung und ihre Ränkespiele um Prestige, Einfluss und Macht. Der militärische Gründervater, General Sudirman, hatte der 1947 in Yogyakarta einrückenden niederländischen Armee nicht, wie ihm von der damaligen Staatsführung um Sukarno und Mohammad Hatta befohlen, seine Truppen der jungen TNI (der indonesischen Nationalarmee) übergeben. Stattdessen führte er sie ins Hinterland und eröffnete den Guerrillakrieg gegen die Besatzungstruppen. Mit diesem Akt des Widerstandes sowohl gegen die ehemaligen Kolonialherren, als auch gegen die eigene Zivilregierung, begründete Sudirman die Identität der indonesischen Armee, die sich versteht als eine gesellschaftliche Größe auf Augenhöhe mit dem Staat und seiner Führung: selbstbewusst, unabhängig und nur dem höheren nationalen Wohl verpflichtet.

Murdani verstand sich als in dieser Tradition stehend, war aber trotz seiner damaligen Machtposition im Militär mit zwei entscheidenden Mängeln behaftet. Er hatte seine Karriere in den militärischen Nachrichtendiensten durchlaufen, die traditionell zu den dienenden Diensten zählen und ihre Mitarbeiter nicht in die höchsten Führungspositionen zu bringen pflegen. Dazu war er katholischer Christ, was ihn in der indonesischen Gesellschaft zum Angehörigen einer Minderheit machte, einer machtvollen Minderheit zwar – aus Katholiken rekrutierte sich zu seiner Zeit eine hohe Zahl der Mitarbeiter der Dienste –, aber eben doch einer Minderheit in einer mehrheitlich islamischen Gesellschaft.

Murdani kompensierte diese Schwächen durch seinen hohen Intellekt und seine Fähigkeit vorausschauender strategischer Planung, was ihn seinen mehrheitlich durchschnittlich begabten Kameraden weit überlegen machte. Als geborener Militärführer, der er war, sorgte er nicht nur für einen ihm loyal ergebenen Stamm an Offizieren, sondern er kümmerte sich auch um die Karriereführung von jungen Nachwuchsoffizieren und legte damit Samen, die erst heute, lange nach seinem Fall von der Macht, politisch aufgehen und sein Erbe in die nun unter demokratischen Vorzeichen stehende Zukunft Indonesiens weiter tragen.

So wurde Murdanis Erbe nicht vernichtet, als er 1988 bei Suharto in Ungnade fiel und das Militär dem Prozess einer „de-Benny-isasi“ unterzogen wurde, mittels dessen seine Getreuen aus den Führungspositionen der Streitkräfte verbannt wurden. Mit seinem endgültigen Abtritt von der militärischen Bühne 1993 – er hatte fünf Jahre lang sein Gnadenbrot als machtloser Minister der Verteidigung fristen dürfen – waren bereits jene in entscheidende Positionen aufgestiegen, die sein militärisches Erbe weiter tragen sollten. Sie werden in Indonesien als die Fraktion Rot-Weiß (fraksi merah putih) der Streitkräfte bezeichnet.
 

Rot-weiß und grün

Suharto erkannte in Murdanis Karriereführung junger Offiziere eine Gefahr für seine Macht. Langfristig erschien am Horizont die Bedrohung durch eine neue Kommandeurelite, die nicht mehr auf Suharto, der selbst aus der Armee kam und die Armee als seine erste Machtbasis verstand und verwendete, eingeschworen war. Deshalb nutzte er die erst beste Gelegenheit, um 1988 einen General mit ausgewiesenen Qualitäten als Muslim zum Panglima (Befehlshaber) zu ernennen, den angesehenen General Try Sutrisno. Mit ihm begann die Fraktion der ABRI Hijau („ABRI-Grün“) heranzuwachsen, die sich mit ihrer Orientierung auf den Islam (mit Grün als der Farbe des Islam) ideologisch von der sich national und überreligiös orientierenden Mehrheitsströmung der Armeekommandeure abzugrenzen begann. Try Sutrisno selbst war kein reiner Exponent der späteren ABRI Hijau, bereitete aber sich zum Islam bekennenden Offizieren (1) den Weg an die Spitze. Erst in den neunziger Jahren sollte die Grüne Fraktion an Einfluss gewinnen, was aus ihrer personell recht dünnen Repräsentanz unter den Offizieren und Generälen in der ABRI zusammenhing.

Suhartos öffentlichkeitswirksame Wandlung zu einem gläubigen Muslim, seine Pilgerreise nach Mekka (haj), seine Hinwendung zum (zivilen) Minister Habibie als seinem politischen Ziehsohn und die Unterstützung der muslimischen Intellektuellenvereinigung ICMI trugen auf dem politischen Feld zur Unterstützung der fraksi hijau im Militär bei. Suhartos „Neue Ordnung“ kleidete sich zunehmend in der Farbe grün.

Suharto begann zunehmend, die Karriereführung der Offiziere (perwira) und Generäle (perwira tinggi oder Pati) in die eigenen Hände zu nehmen, indem er u.a. den Generalstab der ABRI (Staf Umum ABRI) faktisch entmachtete. So prüfte er zum Beispiel alle ihm vorgelegten Beförderungsvorschläge eigenhändig und setzte gegebenenfalls seine eigenen Kandidatenvorschläge gegen den Widerstand der Militärinstanzen durch. Zum Symbol dieser militärischen Palastpolitik wurde sein eingeheirateter Schwiegersohn, Prabowo Subianto, dem es dank präsidentieller Protektion gelang, binnen zehn Jahren (1988 – 1998) vom Oberstleutnant bis zum Generalleutnant aufzusteigen und dabei alle militärischen Aufstiegsrekorde in der ABRI zu brechen. In den letzten Jahren der Suharto-Präsidentschaft waren die Streitkräfte bereits soweit zu einer Palastarmee degradiert worden, dass nur Kommandeurkandidaten mit guten persönlichen Beziehungen zu Suharto und seiner Familie für die höchsten Führungspositionen qualifiziert waren.
 

Das Militär 1993 - 2001: Innere Widersprüche und Forderungen nach Reform

Im Rückblick kann das Jahr 1993 als Einschnitt für die Entwicklung des Militärs betrachtet werden. Die Ernennung von General Edy Sudrajat zum Panglima (Februar bis Mai 1993) und Verteidigungsminister (1993 – 1998) brachte einen General der Übergangsgeneration zwischen den Kriegsveteranen und den heranwachsenden Junggenerälen an zwei entscheidende Schaltstellen der Macht. Edy Sudrajat war der erste Repräsentant der rot-weißen Fraktion im Militär und Initiator wesentlicher Reformbemühungen in der ABRI.

Edy Sudrajat übernahm eine heruntergewirtschaftete Armee, die am Rande ihrer Leistungsfähigkeit arbeitete, weil ihr zu viele Aufgaben aufgebürdet worden waren, die nicht ihrem originären Auftrag zur Landesverteidigung entsprachen. Das waren vor allem die Aufgaben in den Sektoren innere Sicherheit und Kontrolle der Gesellschaft. Sie langfristig abzustreifen war das Thema, welches die inner- und außerhalb der Streitkräfte geführte Debatte um eine Militärreform bis 1998 beherrschen sollte.

Der Begriff Doppelfunktion (Dwifungsi) der ABRI bezeichnete die beiden Aufträge oder „Funktionen“ (fungsi) der Streitkräfte, sowohl für die Verteidigung der äußeren und inneren Sicherheit des Staates Sorge zu tragen – wofür das Akronym Hankam (pertahanan dan keamanan: äußere und innere Sicherheit) steht –, als auch die sozio-politische Führung (Sospol: sosial politik) der Gesellschaft zu schultern. Eine die Fähigkeiten der ABRI zunehmend übersteigende Auftragslast. Die angestrebte Militärreform lief deshalb auf die radikale Reduzierung oder gar die Abschaffung des Sospol-Auftrages hinaus, zugunsten einer Professionalisierung der ABRI im Sektor Hankam.

Edy Sudrajat begann mit einem Programm des back to basics, wie er es nannte, mit dem Ziel, die ABRI zu ihrem Kernauftrag der Verteidigungsfunktion zurückzuführen und sie dafür fit zu machen. Diese Initiative wurde seinerzeit mit dem Schlagwort Professionalisierung (profesionalisasi) gefasst. Sudrajats primärer Ansatzpunkt war die Beseitigung des beking (vom englischen backing), womit das Heranziehen von Personal und Einheiten der ABRI für Wach- und Sicherheitsaufträge im Industrie- und Objektschutz privatwirtschaftlicher Unternehmen und auch die Übernahme schmutziger Arbeiten, wie die gewaltsame Vertreibung von Wohnbevölkerungen von Landflächen für eine spätere privatwirtschaftliche Nutzung, gemeint ist. Die Fremdfinanzierung des Militärbudgets durch diese Art von Auftragsübernahmen gaben der ABRI zwar ein hohes Maß an Unabhängigkeit von staatlichen Finanzierungsquellen, brachte sie jedoch gleichermaßen in eine Abhängigkeit von privatwirtschaftlichen Akteuren. Jedem Offizier musste einleuchten, dass derjenige, der bezahlt, auch die Befehle gibt.

Als Sudrajat die Führung der ABRI übernahm, war ihr Offizierkorps zu groß. Die Rekrutierungs- und Ausbildungseinrichtungen der Streitkräfte produzierten einen Überschuss an Offizieren, die niemals in die Truppe gingen, sondern für Positionen in der staatlichen Verwaltung und Wirtschaft herangebildet wurden, die so genannten karyawan. Sie unterstanden de facto niemals der Führung der ABRI und brachten der Militärorganisation ABRI politisch wie finanziell wenig ein, was ihre Abschaffung überfällig werden ließ.

Auch die Repräsentanz der Streitkräfte in den Parlamenten war eine Überdehnung der Kräfte der ABRI. Die Abgeordneten der ABRI im nationalen Parlament und in den Regionalparlamenten brachten der Armee selbst immer weniger Vorteile ein, weil unter den Bedingungen der zunehmend personenzentrierten Herrschaft Suhartos und seines Familienclans die Interessen der first family immer mehr auch zu Lasten der ABRI gingen: Die unmäßige Gier der Kinder und Anverwandten des Diktators ließ vom Kuchen der staatlichen Finanzmittel immer weniger für die Armee übrig.

Die organisatorische Verbundenheit der Parlamentsfraktionen der ABRI mit der „Großen Familie der ABRI“ (Keluarga Besar ABRI, abgekürzt KBA), zu der auch die Fraktionen der Staatspartei Golkar und ihrer „Großen Familie der Golkar“ (Keluarga Besar Golkar, abgekürzt KBG) gehörte, ließ einige Generäle in der Öffentlichkeit die spitzfindige Frage stellen, ob diese politischen Familienbeziehungen nicht dazu geführt hätten, dass die Golkar-Familie (KBG) die ABRI-Familie (KBA) beherrsche und das Militär über diese politische Nähe zum Instrument einer Staatspartei degeneriert sei. Eine Ungeheuerlichkeit für die nationalistisch gesonnene rot-weiße Fraktion in der ABRI. Bestand doch in der Generalität die gemeinsame Haltung, in der Politik nur ein Gezerre von (zivilen) Parteien um Macht und Einfluss zu Lasten des Ganzen, sprich Staat und Nation Indonesien, zu sehen. Sich als Teil einer politischen Partei verstehen zu müssen, musste den Generälen einer Degradierung gleichkommen.

Ab den achtziger Jahren ging der größte Druck auf das Militär jedoch von ihrer instrumentellen Rolle als dem zentralen Repressionsapparat der Neuen Ordnung aus. Die in den Neunzigern zunehmend mit brutalen Mitteln betriebene Durchsetzung des staatlichen Herrschaftsanspruchs gegenüber zivilgesellschaftlichen Forderungen nach Demokratie ließ die ABRI zu einem sichtbaren Symbol einer unterdrückerischen Militärtyrannei werden. Die Folgen für den einzelnen Soldaten waren in einer öffentlichen Abscheu durch die Bevölkerung spürbar. Wie es mir einmal eine Sprachlehrerin für Deutsch, selbst Mitglied der Streitkräfte, die in Uniform zu ihrem Dienstort fahren musste, 1999 anschaulich erzählte: „Wenn ich heute zur Schule fahre, schauen mich die Leute so eigenartig an. Ich traue mich gar nicht mehr, den Bus zu nehmen. Das war früher ganz anders.“ Eine Reform des Militärs musste deshalb auch die Fremdbestimmung der Armee durch außermilitärische Interessen, sprich Staat und Familie Suharto-Indonesiens, thematisieren.

Zur Planung, Umsetzung und Durchsetzung ihrer sozio-politischen Führung und Lenkung der Bevölkerung hatte die ABRI parallel zum militärischen Generalstab einen zentralen Sospol-Führungsstab eingerichtet, den Staf Sosial Politik ABRI, der geführt wurde von seinem Stabschef dem Kassospol (Kepala Staf Sosial Politik ABRI). Diesem zentralen Sospol-Führungsstab unterstanden regionale Sospol-Stäbe in den drei oberen Territorialkommando-Führungsebenen von Kodam (auf der Ebene der Provinzen), Korem (auf der Ebene der Regierungsbezirke) und Kodim (auf Landkreisebene). Diese landesumspannende Führungsstruktur gewährleistete den Anspruch der Armee auf gesellschaftliche Führung.

Die Überdehnung der militärischen Kräfte durch ein Übermaß an Aufgaben musste für das Militär fatale Konsequenz haben: die zwangsläufige Fragmentierung und Schwächung der Kräfte und den schleichenden Verlust der Kontrolle durch die zentralen ABRI-Stäbe in Cilangkap (dem Ort des Führungsstabes der ABRI im Süden von Jakarta). Die Dwifungsi machte die Armee immer weniger führbar. Im militärischen Sektor bestand die Gefahr in der Tendenz zur Söldnerarmee, auf dem politischen Feld in Tendenzen zu sectarian politics und der Selbstpolitisierung von Teilen der Armee außerhalb der Kontrolle der Zentrale. Das Schreckensbild der finalen Selbstauflösung der Armee war denkbar geworden.

Die logische Konsequenz musste im Rückzug aus Politik und Sospol und in der Rückbesinnung auf die reine Landesverteidigung liegen. Was konsequent auf die Abschaffung der Dwifungsi hinauslief. Die konsequente Unterstellung der Armee unter eine zivile Führung war zu jener Zeit im Militär kein Thema; eine von Zivilisten fremdgeführte ABRI war für die Generalität undenkbar.

Ein Zurück zur Basis der Landesverteidigung traf auf einen Widerspruch: die Abwesenheit eines glaubhaft erkennbaren äußeren Feindes. Da es keinen äußeren Feind gab, benötigte Indonesien auch keine auf Landesverteidigung ausgerichtete Armee. Die ABRI war zu einer Armee zum Schutz des Staates vor dem Volk mutiert, und sie war mit einer Mannschaftsstärke von einer halben Million Mitgliedern in Relation zur Gesamtbevölkerung des Landes vergleichsweise klein.

Zugleich ließ das der Armee ureigene Misstrauen gegenüber der eigenen zivilen Führung sie immer wieder daran zweifeln, ob die Staatsführung überhaupt in der Lage wäre, ohne die aktive Unterstützung der Armee nicht nur den Staat zu lenken, sondern ihn überhaupt zusammenzuhalten. Die Armee neigt reflexartig zur Gleichsetzung von ziviler Führung und Egoismus, Eigennutz und Dummheit. Sie assoziiert bis heute Regierende mit Spielsüchtigen, die, wenn sie den Staat in ihre Hände bekämen, ihn sogleich verzocken und billig verhökern würden. Weshalb das Militär immer wieder auf einer diskreten „Führung von hinten“ bestanden hat, was es in das militärische Führungsprinzip tut wuri handayani (von hinten führen) gegossen hat (2). Die aus dem Prinzip herauslesbare Neigung zu einer militärischen Machtübernahme war jedoch niemals eine realistische Option. Die Personalstärke der Arme ist zu gering, um eine Militärdiktatur gegen die Bevölkerung gewaltsam durchzusetzen und durchhalten zu können.
 

Die Reform der neunziger Jahre

In der Folge der Absetzung Suhartos am 21. Mai 1998 unternahm die Führung der Streitkräfte folgende Schritte: Im April 1999 wurde die ABRI zurückbenannt in TNI (Tentara Nasional Indonesia, Nationalarmee Indonesiens); die Polizei wurde von den Streitkräften getrennt und als für die innere Sicherheit zuständig bestimmt; die karyawan-Positionen wurden ersatzlos abgeschafft; die Position des Kassospol und die Organisation der Sospol-Stäbe wurden im November 2001 aufgelöst (3).

Diese einschneidenden Reformschritte hatten weniger mit einem Gesinnungswandel der Militärführung zu tun als mit der Notwendigkeit einer strukturellen Anpassung an eine neue gesellschaftliche Lage, die im Zeichen von Demokratie und Reformasi dem Militär zusetzte. Die Transformation der Streitkräfte musste das Überleben der militärischen Organisation ermöglichen. Ein stures „weiter so“ hätte die Kluft zur Zivilbevölkerung nur weiter vergrößert. Ein Festhalten an der Neuen Ordnung hätte die ABRI über kurz oder lang zu einem toten Instrument nicht des Staates, sondern der Orde Baru und des Suharto-Clans gemacht. Möglich wäre auch ihre völlige Desintegration gewesen. Deshalb war bei gegebener Uneinsichtigkeit Suhartos für Reformen seine Ablösung nur noch eine Frage der Zeit.

Die Ursprünge der Militärreform der Neunziger haben nur am Rande mit geläutertem politischen Bewusstsein und demokratischer Gesinnung der Kommandoführung zu tun. Sie sind vielmehr das Resultat einer schonungslosen Lageanalyse des Militärs, gekoppelt mit den tastenden Versuchen, unter den repressiven Bedingungen der Neuen Ordnung erste Lösungswege zu suchen. Die Reformgeneräle der Neunziger waren kühle Rechner und klar denkende Stabsoffiziere, die, wie sie es auf der Stabsakademie gelernt hatten, aus einer Lageanalyse die konsequenten Maßnahmen abgeleitet hatten und nun daran gingen, das als notwendig Erkannte auch politisch umzusetzen - mit dem obersten Ziel des Überlebens ihrer Organisation, der Streitkräfte. Demokratie spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Mit einigem Recht darf behauptet werden, dass sich die Militärreformer der Neunziger als die konsequenten Schüler und Kinder des Generals Benny Murdani erwiesen.
 

Das Regime ab 1993: Politische Verkrustungen und das Erscheinen einer Alternative

Flashback zurück in die frühen Neunziger: Die allgemeinen Wahlen von 1992 brachten der Golkar den erwarteten Sieg, wenn auch mit einem um fünf Prozent - von 73% auf 68% - gesunkenen Anteil. Die Stimmenverluste für Golkar gingen zu Gunsten der PDI (Partai Demokrasi Indonesia) und der Sukarno-Tochter Megawati Sukarnopurti, die 1993 zur Parteivorsitzenden gewählt wurde. Die Stimmengewinne der PDI gingen nicht zuletzt auf die Unterstützung führender purnawirawan-Generäle zurück, die der Partei offene Unterstützung gaben. Auch die ABRI hatte sich für die Wahlen erstmals nicht auf die Golkar als ihren einzigen Partner eingeschworen und sich als für andere Parteien offen erklärt, was besonders der PDI zugute gekommen war. Mit der Führungsfigur Megawati, die zugleich das Symbol für ihren Vater, den verstorbenen Staatsgründer und ersten Präsidenten Sukarno, war, erschien zum ersten Mal eine glaubwürdige Alternative zum Alleinherrscher Suharto und seiner Neuen Ordnung. Im Zeichen der „Offenheit“ (keterbukaan, formuliert in Entsprechung zum Russischen glasnost) bemühte sich auch die Kommandospitze der ABRI um ein Freischwimmen von den alten Zwängen und um erste Reformen.

In der historischen Phase zwischen 1993 und 1998 traten jene Vertreter der Armeefraktion, die als fraksi merah putih bekannt wurde, an die Öffentlichkeit. Ihre führenden Repräsentanten von damals sind heute Spitzenkandidaten für die Wahl um das Präsidentenamt: Wiranto und Susilo Bambang Yudhoyono. Sie entstammen der militärpolitischen Dynamik jener Zeit. Nehmen wir sie in näheren Augenschein:

In historischer Perspektive darf General Edy Sudrajat als der erste Nachfolger Benny Murdanis gelten. Die militärpolitische Situation, die er 1993 vorfand, war jedoch eine andere. Er war als Militärführer nicht derart machtvoll wie Murdani vor ihm. Er hatte sich gegnerischen Militärfraktionen zu stellen. Als Heeresstabschef (Kasad) vermochte er den General Try Sutrisno auf die Position des Panglima zu hieven. Unter ihm diente er fünf Jahre als Kasad, von 1988 bis 1993, bevor er selbst an Sutrisnos Stelle trat und als Panglima (1993) und Verteidigungsminister (1993-1998) Schlüsselpositionen in Militär und Sicherheitspolitik übernahm. Edy Sudrajat vermochte es selbst nicht, ein ihm loyal ergebenes Netzwerk an Kommandeuren aufzubauen. Aber er gab Anstöße für die Heranbildung von personellen Kommandeursnetzwerken, die in ihrer Gesamtheit die fraksi merah putih bildeten, aber eben niemals eine organisatorische Einheit darstellten. Die Rot-Weißen blieben immer segmentierte Beziehung-„cluster“ (in der Terminologie von Kingsbury), die sich auf der Basis ihrer gemeinsamen Haltung zu Zweckbündnissen zusammenfanden und wieder auseinander gingen. Edy Sudrajat musste frühzeitig den Panglima-Posten zugunsten des „grünen“ Generals und Suharto-Loyalisten Feisal Tanjung abgeben und hatte sich dem steigenden Einfluss der fraksi hijau zu ergeben. Sein Ausscheiden aus dem Kabinett als Minister der Verteidigung 1998 war zugleich ein Zeichen seines Machtverlustes in den Streitkräften.

Die 1993 begonnene Phase der Offenheit wurde mit den Unruhen vom 27. Juli 1996 und dem Sturm auf die Parteizentrale der PDI in Jakarta abrupt beendet. Suharto selbst hatte die Absetzung der Parteivorsitzenden Megawati vor der im Jahr 1997 bevorstehenden Wahl verfügt, und es wurde ein Szenario eines verdeckten Militäreinsatzes angeordnet, diese Anweisung umzusetzen. Auf dem Parteinkongress der PDI in Medan intervenierte der Panglima ABRI, Feisal Tanjung, offen in den Verlauf und setzte die Absetzung Megawatis durch. Diese und ihre Anhänger reagierten mit Strafanzeigen gegen Regierungs- und Militärvertreter und eröffneten eine „Bühne der freien Rede“ auf dem Gelände der Parteizentrale in Jakarta. Diese zog Demonstranten aller Richtungen an und entwickelte sich zu einem Forum der freien Meinungsäußerung, was das Regime nicht zu akzeptieren bereit war. Am 27. Juli stürmten 800 Kader des von Suhartos Gnaden zum Parteivorsitzenden der PDI ernannten Soerjadi zusammen mit angeheuerten Schlägern, darunter verkleideten Spezialisten der Heeresspezialkräfte Kopassus, das Gelände der Parteizentrale und zogen brandschatzend weiter durch Teile der Innenstadt Jakartas. Die Stadt brannte. Dieses Muster eines kombinierten Einsatzes von verdeckt operierenden Spezialkräften, Militärs in Zivil und angeheuerten zivilen Hilfskräften sollte sich im Mai 1998 in derselben Stadt und 1999 in Osttimor wiederholen. Teile der Armee hatten den offenen Krieg gegen die eigene Bevölkerung eröffnet und leiteten damit das Ende Suhartos ein.

Warum die fraksi merah putih nicht zugunsten Megawatis eingriff, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Waren ihre Kräfte zu schwach, oder war, wie Kingsbury spekuliert, ihre politische Allianz mit Megawati nur eine taktische, die unter veränderten Bedingungen als negativ erachtet und aufgekündigt wurde?

Mit den Unruhen vom 27. Juli 1996 verschärfte sich die Spaltung innerhalb des Heeres zwischen der rot-weißen Fraktion, die nichts zugunsten Megawatis unternommen hatte, sondern dienstvorschriftsmäßig ihren Teil zu deren Absetzung beitrug, und der ABRI hijau, die zunehmend unter den Einfluss des Befehlshabers der Spezialkräfte Kopassus, Prabowo Subianto, geriet. Prabowo stellte Strukturen und Kräfte der unkonventionellen Kriegführung auf, die er zuerst in Osttimor einsetzte und auf ihre Tauglichkeit erprobte (4). Aus entwurzelten Jugendlichen, Bandenkriminellen und bezahlten Mitläufern stellte er paramilitärische Gruppen auf, die unter der verdeckten Führung der Kopassus oder örtlicher Militärkommandos in der Gesellschaft Furcht und Terror verbreiteten. Erste Einsätze solcher proxy forces begannen 1996, und eine Spur dieser schmutzigen Kriegführung zog sich durch die großen Städte und Industrieregionen Javas. Im Mai 1998 waren es provozierte Gewaltakte angeheuerter Banden dieser Art, welche die Massenunruhen in Jakarta und andernorts auslösten. Die Beweisführung einer Verbindung offizieller ABRI-Befehlsstellen mit den Akteuren paramilitärischer Gewalt konnte bis zum heutigen Tag vom Militär und einflussreichen Helfershelfern in Justiz und Politik verhindert werden. Dennoch, oder gerade deshalb, versetzte diese Form der provozierten mob violence dem Ansehen der Streitkräfte in der Gesellschaft den finalen Todesstoß. Die Armee sah sich im Juli 1998 genötigt, Prabowo als den Vater der neuen schmutzigen Kriegführung der ABRI aus dem Militärdienst zu entlassen und für zwei Jahre außerhalb des Landes zu „parken“, bevor er 2001 als Pensionär wieder ehrenvoll in die Reihen der purnawirawan aufgenommen wurde. Prabowo kandidierte 2004 als einer von fünf Bewerbern um die Golkar-Präsidentschaftskandidatur, verlor jedoch gegen Wiranto.
 

Die Pendawa Lima

Ab 1997 erschien die erste Konkretisierung einer personalen Struktur der fraksi merah putih in Gestalt der „Fünf Pandawa“ (Pendawa Lima), einer Gruppe, die je nach Blickweise mehr ein Mythos oder eine Hoffnung war als eine Gemeinschaft. Diese fünf vergleichsweise jungen Kommandeure, benannt nach den fünf Heroen der javanischen Schattenspielversion des Mahabharata, wurden als künftige Militärführer und Hoffnungsträger für eine militärische und politische Reform in der Nach-Suharto-Ära gehandelt. Kritisch bleiben Zweifel anzumerken, ob diese Gruppe, die ihre Ursprünge in Spekulationen im Umfeld der Golkar hatte, jemals ein zentrales Netzwerk innerhalb der fraksi merah putih darstellte oder eine Kopfgeburt politischer Analysten war. Unbezweifelbar haben es vier der einstmals fünf Pandawa in hohe Positionen gebracht, und drei von ihnen standen als Präsidentschafts- und Vizepräsidentschaftskandidaten im Juli 2004 zur Wahl.

Von ihrer Persönlichkeit her weisen die „Fünf Pandawa“ wenige Gemeinsamkeiten auf. Auch was Alter und militärischen Werdegang betrifft, sind sie voneinander verschieden. In ihrer Gesamtheit decken sie jedoch das Spektrum der Offiziere im Heer ab. Schauen wir sie uns nun einmal näher an (mit Stand von 1996 bis 1998) (5):
 

Generalmajor (**) Susilo Bambang Yudhoyono, Jahrgang 1949 / Akademiejahrgang 1973, Kostrad, Befehlshaber des Wehrbereichskommandos II Sriwijaya (Südsumatra), danach Assistent des Kassospol ABRI; der intellektuelle Kopf der Gruppe, vorgesehen für eine künftige politische Vertretung der Streitkräfte.

Generalmajor (**) Abdullah Makhmud Hendropriyono, 1945 / 1968, Kopassus und Nachrichtendienste, Sesdalopbang (eine speziell für ihn eingerichtete Position als „Sekretär für die operative Kontrolle von Entwicklung“ für operative nachrichtendienstliche Aufgaben in den Provinzen (6); qualifiziert für verdeckte nachrichtendienstliche Aufgaben.

General (****) Wiranto, 1947 / 1968, Kostrad, Befehlshaber der Kostrad (Pangkostrad) 1996-1997, danach Heeresstabschef (Kasad), im Februar 1998 zum Panglima ABRI ernannt. Seine Biographie weist außerdem Positionen als Chef des Wehrbereichs Jakarta (1994-1996) und eine dreijährige Verwendung als militärischer Sekretär des Präsidenten Suharto aus (1989-1993). Er war ein qualifizierter Truppenführer und Vertrauter Suhartos.

Generalmajor (**) Agum Gumelar, 1945 / 1968, Kopassus und Nachrichtendienste, Spezialist für Sicherheit und Politik im Stab der Fachoffiziere des Panglima, danach Befehlshaber des Wehrbereiches VII/Wirabuana (Sulawesi), dann Leiter der Militärhochschule Lemhannas in Jakarta; der „Springer“ mit Erfahrungen in einem breiten Spektrum militärischer Aufgaben.

Generalmajor (**) Farid Zainuddin, (?/?), Nachrichtendienste, Chef des Nachrichtendienstes der Streitkräfte BIA (1996-1997), führende Position im mächtigen Nachrichtendienst der ABRI und das einzige „Gefechtsopfer“ der Pendawa Lima. Er musste seine Position an Generalmajor Zacky Anwar Makarim abtreten, der mit der verdeckten Führung von paramilitärischen Gruppen in Jakarta (1998), Osttimor (1999) und Lombok (2000) beauftragt wurde.
 

Die fünf Generäle kombinierten die beiden wesentlichen Gruppierungen im indonesischen Heer, und zwar Kostrad (Heeresreserve) und Kopassus (Spezialkräfte), sowie die wichtigsten Einsatzkräfte und die militärischen Nachrichtendienste. Yudhoyono galt zu der Zeit als der Protegé Wirantos, der, obgleich nicht der älteste der Pendawa, unter ihnen eine Art von Führerrolle übernahm. Wiranto erreichte als einziger der fünf während seiner Dienstzeit eine Viersterne-Position. Hendropriyono hatte bereits 1993 die Ernennung Megawatis zur Vorsitzenden der PDI gefördert und war ein enger Freund des Suharto-Sohnes Bambang Trihatmojo. Ein enger Vertrauter Hendropriyonos ist Agum Gumelar, ein, wie er, über die Nachrichtendienstschiene aufgestiegener General, der sich ebenso als ein Klassenkamerad Wirantos und Förderer Megawatis ausweisen konnte. Die Karrieren der fünf Generäle verbinden sich in der Protektion durch Edy Sudrajat, und sie dürfen deshalb mit einiger Berechtigung als seine Ziehkinder betrachtet werden.

Die Pendawa Lima waren keine Rebellen. Sie waren etablierte Kommandeure, die das Vertrauen und die Protektion ihrer Vorgesetzten besaßen. Die fraksi merah putih gewann niemals eine öffentlich sichtbare Präsenz, und ihre Beziehungen mit- und untereinander mussten verborgen hinter den Kulissen entstanden und vollzogen worden sein.

Im Februar 1998 ordnete Suharto seine letzte Dienstpostenverschiebung von ABRI-Kommandeuren an, mittels derer er Generäle seines Vertrauens in Führungspositionen hob, die seine Wiederwahl zum Präsidenten im Folgemonat sichern sollten: Wiranto löste Feisal Tanjung als Panglima ab, Edy Sudrajat verließ den Posten des Verteidigungsministers und ging in den Ruhestand, und Prabowo Subianto wurde Kommandeur der mächtigen Kostrad. Susilo Bambang Yodoyono rückte auf den Posten des Kassospol auf, dessen Assistent er für sechs Monate gewesen war. Zwei der Pendawa Lima waren für würdig befunden worden, den alternden Diktator in seine nächste Amtsperiode zu geleiten. Sie sollten ihn schließlich überdauern.
 

Die Nach-Suharto-Zeit: machtbewusste Reformer

Es war der entschiedene Druck des Generals Wiranto, der Suharto zu seinem Rücktritt veranlasste. Wiranto soll seinem obersten Dienstherrn kundgetan haben, ihn nur dann schützen zu wollen, wenn er freiwillig den Präsidentensessel räume.

Der Rücktritt Suhartos machte General Wiranto zum de facto mächtigsten Mann Indonesiens. Er nutzte seine Position nicht zur politischen Machtübernahme, wie er seither nicht müde wird zu betonen. Verfassungsgemäß übernahm der Vizepräsident Habibie das höchste Amt im Staate. Es war Wiranto, und nicht der neu bestimmte Präsident Habibie, der seinen ärgsten Widersacher im Militär, Generalleutnant Prabowo Subianto, vom Stuhl des Kostrad-Kommandeurs entfernen und für einen erzwungenen, aber dennoch ehrenvollen Abschied aus den Streitkräften sorgen konnte. Die Kostrad übergab er wieder in die Hände eines Kostrad-Mannes, des Generalmajors Djamari Chaniago, den er bereits 18 Monate später auf den politisch unbedeutenden Posten des Generalstabschefs abschob. Danach begann Wiranto eine eigenartige Personalpolitik im Heer, ausgesprochen „grüne“ Generäle aus den Reihen der Kostrad wurden in wichtige Kommandeurspositionen gehievt – Generäle, die mit der Gewalt paramilitärischer Kräfte in Verbindung gebracht werden sollten: Kivlan Zein, Stabschef der Kostrad 1998, der im November 1998 die so genannten Pamswakarsa, paramilitärische Wach- und Schlägertrupps, in Jakarta rekrutierte und aufstellte – und zwar im Auftrag von Wiranto, wie Kivlan im Mai 2004 in einem Buch öffentlich erklärte, was Wiranto über seine Anwälte vehement bestreiten ließ. Kurz darauf entließ ihn Wiranto in eine bedeutungslose Position als General in besonderer Verwendung (was ohne Verwendung bedeutet). Oder Djadja Suparman, der mit dem Ausbruch der Gewalt auf Ambon und der Aufstellung der Laskar Jihad im März 2000 in Verbindung gebracht wurde – Wiranto enthob ihn kurz danach seines Postens als Kostrad-Chef.

Welche Spielchen hat Wiranto mit ihnen gespielt? Und was ist mit Wirantos Verantwortung für die Milizengewalt im Umfeld des Referendums für die Unabhängigkeit Osttimors? Wiranto hielt 1999 die oberste Kommandoverantwortung über das indonesische Militär, streitet jedoch bis heute jegliche persönliche Verantwortung für die Gewalt ab. Die Generalstaatsanwaltschaft in Osttimor hat ihn der Menschenrechtsverletzungen, begangen 1999 in Osttimor, beschuldigt. Die indonesische Untersuchungskommission KPPHAM hat eine Anklage empfohlen (7). Bislang ohne rechtliche Konsequenzen für Wiranto. Jedoch erscheint hinter dem mit ernstem und besorgten Gesicht auftreten Ex-General das Bild eines geschickten Manipulators und Strippenziehers, der die fraksi hijau und ihre Mittel geschickt zu instrumentalisieren verstand für ihm nützliche politische Gewalt, die niemals wirklich auf ihn zurückverfolgt werden konnte.

Susilo Bambang Yudhoyono profilierte sich spätestens im September 1998 als der führende militärpolitische Reformer in der ABRI, als diese unter seiner Führung ihre „Vier Neuen Paradigmen“ (Empat Paradigma Baru) formulierte und den Ausstieg aus den Fesseln der praktischen Politik und der Sospol-Aufgaben beschlossen. Als seine neuen Aufgaben wies sich das Militär die Professionalisierung auf die Rolle des Verteidigers des Staates vor äußerer Bedrohung und den Rückzug auf eine politische Position des „Lenkens von hinten“ (tut wuri handayani) zu. Yudhoyonos Klassenkameraden des Akademie-Jahrgangs 1973 begannen eine öffentlichkeitswirksame Intellektuellendebatte um eine umfassende Militärreform, die von Agus Wirahadikusumah („Agus WK“) und Saurip Kadi geführt wurde und als von Wiranto gebilligt galt. Yudhoyono selbst hielt sich aus dieser Debatte vollständig heraus, galt aber als ihr spiritus rector. Agus WK wurde Kostrad-Kommandeur, bevor er in seinem Reformeifer die Grenzen der Toleranz der konservativen Generäle überschritt, indem er für die Abschaffung der Territorialkommandos eintrat und einen Skandal um die Kostrad-interne Fremdfinanzierung der Öffentlichkeit bekannt machte – eine Maßnahme, welche die mächtige Fraktion der Kostrad-Generäle ihm als Verrat anlastete. In der Folge wuchs der militärinterne Druck auf Agus WK und zwang den Präsidenten, ihn als Kostrad-Befehlshaber abzusetzen und in den vorläufigen Ruhestand zu entlassen. Agus WK verstarb kurz darauf an Herzversagen.

Die von der Klasse 1973 getragene Reformbewegung im Militär war spätestens im Mai 1999 beendet, als Wiranto der parlamentarischen Kommission I die Absicht der Armee unterbreitete, die Zahl der Wehrbereichskommandos (Kodam) von zehn auf siebzehn zu erhöhen, von denen letztlich zwei realisiert werden sollten. Wiranto verhinderte im Dezember 1999 den militärischen Aufstieg Yudhoyonos, als er Tyasno Sudarto zum Kasad erhob und die Nominierung von Yudhoyono seitens der zunehmend schrumpfenden Reformfraktion im Heer missachtete. Yudhoyono war damit von Positionen des direkten Kommandos über Kampftruppen abgeschnitten und als militärinterner Rivale Wirantos ausgeschaltet.

Den Umstieg in die Rolle von Spitzenpolitikern schaffte als erster Wiranto, wenn auch gegen seinen Willen. Seine politischen Ambitionen begannen mit seiner Ernennung zum obersten Sicherheitsminister (Menko Polkam, Koordinierungsminister für Politik und Sicherheit) in der Regierung von Abdurrahman Wahid im Oktober 1999. Diesen Posten verlor er jedoch bereits im Februar 2000, als ihn der Präsident aus dem Kabinett warf. Wiranto verstand es jedoch, aus dem politischen Off heraus eine Karriere als charismatischer Politiker zu beginnen. Über öffentlichkeitswirksame Auftritte als Sänger und die Veröffentlichung einer professionell produzierten und gut verkauften CD mit indonesischen Schnulzen schuf er sich ein populäres Image eines zum Zivilpolitiker gewendeten Ex-Generals. In einer Zahl von Publikationen bestritt er alle gegen ihn gerichteten Vorwürfe seiner Verstrickung in Gewalt und Menschenrechtsverletzungen und portraitierte seine historische Rolle als die eines wohl gesonnenen, aber ewig missverstandenen Machers.

Susilo Bambang Yudhoyonos politische Profilierung verlief über die Institution des Kassospol, die er im Oktober 1999 verließ und seinen ersten Ministerposten annahm, den des Ministers für Bergbau und Energie im Kabinett Wahid. Bereits im August 2000 wurde er zum Menko Polkam, zum obersten Sicherheitsminister im Kabinett, ernannt. Dieselbe Position nahm er auch unter Präsidentin Megawati ein. Im November 2000 vorzeitig in den Ruhestand getreten und damit purnawirawan, besitzt er immer noch exzellente Kontakte ins Militär. Seine noch aktiven ehemaligen Klassenkameraden der Jahrgangsabschlussklasse 1973 der Militärakademie in Magelang, Zentraljava, besetzen leitende Positionen in den Führungsstäben der Streitkräfte. Zum Beispiel:
 


Auch die Befehlshaber der Wehrbereichskommandos Aceh, Südsumatra, Zentraljava und Kalimantan sind seine Jahrgangskameraden. Die Absolventen seiner Juniorklassen von 1974 und 1975 werden seine Altersgruppe jedoch bald ablösen – die Pensionierungsgrenze der 73er wird 2005 erreicht werden. Sollte er Präsident werden, so wird sich Yudhoyono mit dieser neuen Generation von Kommandeuren auseinanderzusetzen haben.
 

Das Ende der alten Klassifikationsmuster

Die „interne Reform des Militärs“ (reformasi internal TNI) war eigentlich im November 2001 an ihrem Endpunkt angelangt. In jenem Monat wurde die Position des Kaster aufgelöst und eine wesentliche Forderung der politischen reformasi eingelöst: der institutionelle Rückzug des Militärs aus den politischen Institutionen des Staates. Zugleich, und von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, verschwand das Thema der Territorialreform des Heeres und die Forderung nach Auflösung der Territorialkommandos in der Versenkung. Das Heer bestand auf seiner Präsenz in den Provinzen und auf seiner vom Staat unabhängigen Finanzierungsbasis, die in einer Vielzahl von oft extralegalen Finanzierungsquellen überall im Lande besteht. Das neue Führungsduo in TNI und Heer, das mit Megawati an die Spitze der Streitkräfte gelangte, hatte anderes im Sinn: Endriartono Sutarto und Ryamizard Ryacudu verstehen unter Reform das Zurück zu alten Grundwerten mit dogmatischer Wirkkraft, die sie für die weitere Existenz des Staates als unverzichtbar ansehen und deren Verteidigung sie als die Hauptaufgabe der TNI betrachten. Diese Grundwerte sehen sie verankert in der Abkürzung NKRI, was für Negara Kesatuan Republik Indonesia, „Einheitsstaat der Republik Indonesien“ steht. NKRI ist der neue Glaubenssatz und das Dogma für einen Staat, der sich nicht sehr von dem der Neuen Ordnung unterscheidet, der zwar keinen Suharto mehr an seiner Spitze sieht, dessen Regierung aber im Geiste Suhartos Stabilität und innere Sicherheit zu Hauptgaranten staatlichen Seins verabsolutiert hat. Endriartono (Jahrgang 1971) und Ryamizard (eingetreten in die Militärakademie im Jahrgang 1973, aber abgeschlossen im Jahrgang 1974) stehen für die schleichende Absetzung der Ideale der Jahrgangsklasse 1973 der Akabri von der Reformagenda des Militärs, auf der allein die Tagesordnungspunkte der Verbesserung der Finanzlage der TNI und der Disziplinierung der Truppe anstehen. Merah-putih ist auf einen dogmatischen Schmalspurdogmatismus reduziert worden, der mit Reform nichts mehr im Sinn hat und nationalistischen Konformismus repräsentiert. Auf welcher Seite sie politisch stehen, ist eingedenk der politischen Neutralität, die sie der TNI verordnet haben, schwer einzuschätzen. Es spricht einiges dafür, dass sie sich auf die Seite des Siegers schlagen werden und dass sie bereits SBY als Sieger ausgemacht haben.

Die internen Differenzen der Rot-Weißen mit der fraksi hijau wurden schon 2001 beigelegt, als der Hauptexponent der ehemals „Grünen“, der zwangspensionierte ehemalige Generalleutnant Prabowo Subianto, in allen Ehren wieder in die Keluarga Besar TNI aufgenommen wurde. Große ideologische Differenzen zwischen beiden Gruppierungen bestehen nicht mehr, mit der einzigen Ausnahme, dass die Vertreter der fraksi hijau bei Beförderungen erhebliche Nachteile zu erleiden hatten. Politisch sind „grüne“ Exponenten im Wahlkampfteam Wirantos auszumachen.
 

Die Pendawa Lima heute

Die fünf Pendawa gehen aktuell im Kampf um die Spitzenpositionen im Staate getrennte Wege. Agum Gumelar, der dritte in ihrem Bunde, trat als Partner von Hamzah Haz für die Vizepräsidentschaft an. Die fraksi merah putih hat den Kommandostab an Generäle wie Endriartono Sutarto (Panglima TNI und Akademie-Jahrgang 1971) und Ryamizard Ryacudu (Kasad und Jahrgang 1974) abgegeben. Beide sind eng mit Megawati liiert und würden bei Abwahl der Präsidentin ihre militärischen Positionen verlieren.

Megawatis Militärpolitik spielte Wiranto und Yudhoyono indirekt in die Hände. Ihre Ernennung der beiden „security first generals“ (nach Honna 2003), Endriartono Sutarto zum Panglima und Ryamizard Ryacudu zum Kasad, überließ das politische Feld zwei Generälen, die keinerlei politische Ambitionen zeigten und die Truppe unpolitisch, d.h. jenseits der Ränkespiele der zivilen Politikelite sehen wollten. Das Militär hatte sich damit als politische Kraft von selbst ausgeschaltet, und auch Bestrebungen von Hari Sabarno, Innenminister und General i. R., das Militär über eine für 2003 vorgeschlagene Revision des Sicherheitsgesetzes in die Politik zurückzubringen, scheiterten Megawati ernannte zudem den ehemaligen Pendawa Lima Hendropriyono zum Leiter des Staatlichen Nachrichtendienstes BIN (Badan Intelijen Negara) mit Sitz im Kabinett und gab dem Dienst Befugnisse, wie sie seit Murdani kein Nachrichtendienstchef mehr besessen hat (8), und die vor allem zu Lasten des militärischen Nachrichtendienstes BAIS TNI gingen. Das Militär darf jedoch keineswegs als politisch schwach gelten. Die Macht der Streitkräfte auf die politische Entscheidungsfindung ist stark geblieben, besonders in den autonomer gewordenen Provinzen. Das System der Territorialkommandos garantiert die Verhandlungsmacht des Militärs vis-á-vis den Regierungsinstanzen und seine Position als Vetomacht der Demokratie. Es fehlt ihm jedoch eine zentrale politische Führung, was zwangsläufig zu einer Zersplitterung des Militärs in zahlreiche, meist regional basierte Gruppen und Grüppchen führen musste. Der Rückzug aus der Politik hat die inneren Tendenzen zur Fragmentierung der Streitkräfte gefördert.

Die Pendawa Lima sind heute bestenfalls nur noch in ihrem politischen Kampf gegen Megawati vereint und zeigen damit einen irritierenden Kollektivcharakter als Verräter ihrer einstigen politischen Beschützer, denen sie einst ihre Karriere verdankten. Als historisches Phänomen der fraksi merah putih haben sie ihre Rolle gespielt in einem Historiendrama, für das nun der Vorhang gefallen ist. Ihre Akteure sind jedoch nach wie vor die political players der anstehenden Zukunft. Es sind eben jene Repräsentanten eben jener Pendawa Lima, die den Wiedereinzug des Militärs in die Politik durch die demokratische Hintertür anführen und die Akzeptanz der civil supremacy seitens der Streitkräfte infrage stellen.

Wiranto und SBY waren in ihren so unterschiedlich verlaufenen Karrieren nur den corporate interests der Institutionen des Militärs und des Regierungsapparates, dem sie zeitweilig angehörten, verantwortlich. Werden sie als Präsident ihre demokratische Verantwortung für die Gesamtheit von Volk und Staat übernehmen und mehr sein, als Interessenvertreter ihrer großen Militärfamilie?
 

Anmerkungen

(1) Die Mehrheit der Kommandeure der ABRI waren Muslime, die sich allerdings nationalistisch, also merah putih, verstanden. Mit der Ära Try Sutrisno ging die schleichende Islamisierung des Offizierkorps einher, während der der zahlenmäßig geringe Anteil der Christen im indonesischen Offizierkorps nicht länger Vorteile aus ihrer Religionszugehörigkeit zogen, sondern bei Beförderungen zunehmend an eine „gläserne Decke“ stießen, die ihnen den Eintritt in Führungspositionen verwehrte.
(2) Tut wuri handayani, Javanisch für „führen von hinten“, ist ein pädagogischer Leitsatz für die Erziehung von Kindern und steht für den Lehrer, der seine Erziehungsbefohlenen von hinten, d.h. von ihnen unbemerkt, zu einem ihnen guten Tun anleitet. Das Prinzip entstammt den Lehrsätzen des pädagogischen Ansatzes des among aus dem nationalistischen Schulsystem der Taman Siswa des Ki Hadjar Dewantara. Die indonesischen Streitkräfte haben den Leitsatz zum Prinzip Nummer vier der elf Führungsprinzipien der Streitkräfte (11 Asas Kepemimpinan ABRI resp. TNI) gemacht.
(3) Der Sospol-Stab war zuvor umbenannt worden zum Staf Teritorial (Territorialstab), und die Position des Kassospol in Kepala Staf Teritorial/Kaster (Chef des Territorialstabes). Die Abschaffung dieses Sospol-Führungsstranges ging einher mit der militärinternen Diskussion über das Für und Wider einer Abschaffung der Territorialkommandos (Komando Teritorial, Koter) des Heeres. Schließlich verzichtete das Heer zwar auf den Territorialstab, keineswegs aber auf die territoriale Basis. Die Zahl der obersten Territorialkommandos, der Kodam (Komando Daerah Militer), wurde sogar um zwei, einen in Aceh und einen auf den Molukken, aufgestockt.
(4) Vgl. Douglas Kammen (1999): “Notes on the Transformation of the East Timor Military Comand and its Implications for Indonesia”, in: Indonesia, No. 67 (April), S. 61-76, und ders. (2001): “The Trouble with Normal: The Indonesian Military, Paramilitaries, and the Final Solution in East Timor”, in: Benedict R. O’G. Anderson (ed.): Violence and the State in Suharto’s Indonesia, Southeast Asia Program Publications, Cornell University, Ithaca, New York, S. 156-188.
(5) Alle Angaben folgen Damien Kingsbury: „Watch these five!“, Inside Indonesia, no. 53, January-March 1998 (www.insideindonesia.org/edit53/Kingsb.htm), und The Politics of Indonesia, 2nd edition 2002, S. 224-227.
(6) Seine Aufgaben lassen sich nicht nachvollziehen. Eine Quelle sieht ihn als „in effect the president’s assistant to deal with regional security matters. He became a kind of roving operator, observing and monitoring likely places of unrest in remote parts of the country. His concept of arming civilians emerged during this period.”
(7) Für eine gute Beschreibung der Problematik vgl. Yun Honna. „TNI leaders played a part in the mobilization of ‚pro-integration’ militias in East Timor and the killings of pro-independence citizens. The degree to which Wiranto was involved in these actions is not clear, but it seems certain that he directly reinstated Zacky (Anwar Makarim), Sjafrie (Sjamsoeddin) and the others who previously belonged to the Prabowo clan to engage in special missions in East Timor where their ‘skills’ in ‘black-bag’ jobs could be brought to bear. This fact suggests that, at the least, Wiranto had confidence in them and was both aware, and in full control, of military actions in East Timor.” (Yun Honna (2003): Military politics and democratization in Indonesia, Routledge Curzon, London and New York, S. 175)
(8) Die Macht eines Hendropriyono hat sich über die von ihm betriebene Ausweisung von Sidney Jones, Leiterin des Jakarta-Büros der International Crisis Group, im Juni 2004 gezeigt. Über die Motive Hendropriyonos sind zahlreiche Spekulationen angestellt worden. Ein persönliches Motiv muss in der Sorge um seine politische Zukunft gesehen werden, die für ihn allein in der Wiederwahl Megawatis zur Präsidentin liegen wird. Kein anderer Präsident wird ihn als Chef des staatlichen Nachrichtendienstes belassen wollen. Ein ernsthafter Konkurrent um seine Position ist Agum Gumelar, der in einem Kabinett Susilo Bambang Yudhoyono oder Wiranto für den Chefsessel des BIN qualifiziert wäre.
 
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