Die Serie von drei aufeinander
folgenden Wahlen, die dieses Jahr in Indonesien stattfinden, sorgt für
eine Umbesetzung der staatlichen Gremien und Institutionen der Staatsführung
mit neuem Führungspersonal. Dazu bewirken sie auch eine Enthüllung
oder Explikation von dem öffentlichen Blick entzogenen Strukturen,
die dem Machtgefüge des Staatswesens unterliegen. Zeiten des Umbruchs
wie diesen ist es gegeben, zeitweilig verhüllte Sachverhalte und latente
Mechanismen offenbar zu machen, verborgene Strukturen an die Oberfläche
zu bringen, Verborgenes zu offenbaren und Implizites explizit zu machen.
Das betrifft im Falle Indonesiens das verborgene Wesen, die verhüllte
Natur der nach wie vor mächtigsten Kraft des Landes, dem Militär
und seiner „Großen Familie“.
Anlass und unfreiwillige
Agenten dieser Enthüllung sind jene Persönlichkeiten, die als
zivile Ex-Militärs posieren und sich in demokratischen Wahlprozessen
um die obersten Staatsämter bewerben. Benennen wir sie der Klarheit
halber, ohne intendierte Diskriminierung, aber terminologisch angemessen,
als die neuen Militärzivilisten Indonesiens. Damit geben wir der Behauptung
der Betroffenen, sie seien ihrem gesellschaftlichen Status als ausgeschiedene
Kommandeure gemäß keine Militärangehörigen mehr und
somit Zivilisten, eine Form und widersprechen ihr zugleich mit der Gegenthese,
sie seien es als Mitglieder und Hineingeborene in die „Große Familie
der Streitkräfte“ in der Wirklichkeit doch immer. Also Militärs,
die sich aus strategischen Überlegungen und Absichten heraus selbst
der Uniform entledigt haben, sie aber implizit immer noch tragen. Deshalb
Militärzivilisten. Diese These unterliegt dem Gebot des quod erat
demonstrandum, was mit dieser losen Serie von Beiträgen ansatzweise
geschehen soll.
Die indonesischen Streitkräfte sind qua Wahlgesetz für die Wahlserie 2004 ihres aktiven und passiven Wahlrechts entledigt. Ihr Personal darf an den Wahlen weder teilnehmen, noch sich als Kandidaten aufstellen und wählen lassen. Die Streitkräfteführung hat wiederholt und gebetsmühlenartig diese Rechtsbestimmung bekräftigt und sich für parteipolitisch neutral erklärt. Folgt daraus die völlige politische Abstinenz des Militärs und Sicherheitsapparates?
Nein, diese Behauptung ist oberflächlich und greift nicht in die Tiefe der dem analytischen Blick verborgen Natur des indonesischen Militärs. Ansatzpunkt für deren Widerlegung sind die Militärzivilisten selbst und besonders ihre im Wahlkampf plakativ aufgestellten Biographien, Lebensläufe und Viten. Deren Analyse offenbart die Grundmuster indonesischen militärischen Seins und Werdens von Offizieren als einer lebensumspannenden Karriere, die niemals wirklich ihr Ende findet und die den Kommandeur zu einem lebenslang seiner Gemeinschaft verpflichteten Angehörigen mit dem Status eines putativ Verwandten sein lässt.
Die Präsidentschaftskandidaten Susilo Bambang Yudhoyono für die Partai Demokrat, Wiranto für die Partai Golkar und Agum Gumelar als Bewerber für das Vizepräsidentenamt im Duett mit Hamzah Haz von der Partai Persatuan Pembangunan (PPP) gehören dem Stand der purnawirawan, der Generäle im Ruhestand, an, die im karrieregeführten Lebensablauf eines indonesischen Offiziers die finale Phase seines Dienstlebens darstellt. Als purnawirawan ist ein Offizier und General noch lange kein Rentner, sondern ein sich der Uniform entledigt habender scheinziviler Akteur im militärischen wie im zivilen Gemeinschaftsleben, wobei es gerade die Möglichkeit des Wechselns zwischen diesen sozialen Lebenssphären ist, die den formal pensionierten Militärführern ihren den Militärinteressen wertvollen Instrumentalcharakter verleihen. Sie sind Militärs und Zivilisten zugleich, die es vermögen, die der Lage angemessene Rolle flexibel anzunehmen und sich das zur Rolle passende Kostüm überzustreifen. Ein Vermögen, dass es der indonesischen Armee als „Großer Familie“ ermöglicht, einen weitaus umfassenderen Zugriff auf die Zivilgesellschaft zu besitzen, als es alle konkurrierenden zivilgesellschaftlichen Vereinigungen aufbieten können. Das Machtpotential der Streitkräfte liegt nicht nur in ihrer landesweiten Präsenz in Form von territorialen Heereskommandos und ihren see- und luftstreitkräftemäßigen Entsprechungen, sondern auch im Reservoir ihrer Omnipräsenz in der Gesellschaft überhaupt. Es gibt überhaupt keinen zivilen Bereich, der per se als militärfrei anzunehmen ist. Diese Situation ist weder neu noch unbekannt; allein, es bedurfte der Kandidatur der drei Militärzivilisten für das höchste Staatsamt, um die verborgene Realität offenbar werden zu lassen.
Nach dem aktuellen Stand
der Stimmenauszählung hat Susilo Bambang Yudhoyono („SBY“) mit 33,6%
die relative Mehrheit der Stimmen im ersten Wahlgang erhalten. Zweite wurde
Amtsinhaberin Megawati mit 26,2%. SBY’s Militärkamerad Wiranto liegt
mit 22,2% auf Platz drei. Somit kommen laut offiziellem Auszählungsergebnis
SBY und Megawati in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen. Wiranto
hat jedoch das Wahlergebnis vor dem Verfassungsgerichtshof angefochten.
Es bleibt abzuwarten, wie dieser entscheidet.
Ein dem Militär entstammender Präsident wird mit einiger Gewissheit einige der führenden Mitarbeiter seines nationalen Wahlkampfteams in seinen Mitarbeiterstab und vielleicht auch als Minister berufen. Dazu zählen die purnawirawan, denen der neue Präsident sein Vertrauen schenken wird.
Die künftige Macht der purnawirawan wird in dem Einbringen ihrer Erfahrungen aus der militärischen Stabsarbeit in ihr Arbeitsumfeld liegen sowie in der Umformung der staatlichen Administration nach militärischem Vorbild. Dazu bedarf es keiner großen Zahl von Ex-Generälen. Allein indem sie Knotenpunkte, Schaltstellen und Kommunikationslinien von Verwaltung und politischer Entscheidungsfindung besetzen, den zivilen Amts- und Mandatsträgern als Berater oder nur als Kollege oder Partner zur Seite stehen, werden sie in der Lage sein, die großen wie kleinen Linien der Politik wenn nicht zu entscheiden, so doch entscheidend zu lenken. Zumal ehemalige Stabsoffiziere mit einem sich angeeigneten Durchsetzungsvermögen und einer persönlichen Überzeugungskraft ausgestattet sind, die ein solches Auftreten dies nicht gewohnten Zivilisten schwer macht, den angemessenen persönlichen Widerstand in der Sache entgegen zu setzen. Nicht unterschätzt werden darf die relative finanzielle Unabhängigkeit der purnawirawan, die nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst auf den institutionellen Bahnen der nachdienstlichen Versorgung des Ex-Militärführungspersonals in materiell gut ausgestattete Positionen gehievt werden und von dem geringen regulären Gehalt, das sie vom Staat oder den Parteien erhalten, weitestgehend unabhängig sind.
Nicht nur in staatlichen Einrichtungen, sondern auch in Parteiorganisationen können die zivilen Kräfte von den erfahrenen Stabsoffizieren derart an den Rand gedrängt werden, dass eine schleichende Militarisierung von innen her einsetzt, die den Charakter von Parteien grundlegend verändern kann. Dies eingedenk der Tatsache, dass keine Partei eine der militärischen gleichwertige landes- und gesellschaftsumspannende Organisation aufzubieten vermag. Die militärischen Patronagebeziehungen tun das übrige, die Gefahr einer heimlichen Machtübernahme von außen her zur Realität werden zu lassen: auch nominelle Zivilisten können einen militärfamiliären Hintergrund aufweisen und ihre Loyalität im Entscheidungsfall dem Sicherheitsapparat, und nicht dem Staat oder dem Gemeinwohl aussprechen.
Eine reale Gefahr besteht in der Übernahme der Diskursherrschaft in der Gesellschaft durch die Netzwerke der „Großen Familie der Streitkräfte“, wenn die staatlichen Organe der Medien und Kommunikation in die Hand von purnawirawan gelangen und eine Meinungsführerschaft in der Gesellschaft anstreben. Die Besetzung der Themen ist zum Beispiel im Kürzel und Symbol NKRI zu fassen, welches, vom Militär in den öffentlichen Diskurs eingebracht, nicht nur die wörtliche Aussage „Einheitsstaat der Republik Indonesien“ trifft, sondern die unbedingte Loyalität jedes Bürgers zu eben jenem NKRI meint und einfordert. Mit der Maßgabe, dass es der Sicherheitsapparat ist, der jegliches Abweichen vom Pflichtbekenntnis zur NKRI definiert, identifiziert und ahndet. Denn Worten können Taten folgen.
Von entscheidender Bedeutung
zur Durchsetzung militärischer Interessen in einem purnawirawan-geführten
Indonesien werden die persönlichen Beziehungen des Präsidenten
zum Sicherheitsapparat und zur „Großen Militärfamilie“ sein.
Dazu zählt das Einvernehmen mit dem Führungsstab in Cilangkap,
im Süden von Jakarta, und das Auskommen mit dem Territorialapparat
in den Provinzen. Welche Beziehungen wird ein SBY, der dem Akademiejahrgang
1973 entstammt, mit den bald in führenden Kommandopositionen sitzenden
Generälen der Jahrgänge 1975 und 1976 pflegen? Welche Patronagebeziehungen
bestehen bereits, und welche wird er zu errichten und zu pflegen verstehen?
Wie wird er den finanziellen Bedürfnissen und Wünschen dieser
Kommandeure entsprechen wollen und können? Wie wird sein persönlicher
Ressourcenzugriff sein, welcher sich aus privaten – öffentlich wie
verdeckten – Vermögen und aus Beziehungen zu Privatfinanciers ergeben?
Schwierig, dies zu beantworten, wo doch allein schon die Finanzierung des
Wahlkampfes aller Parteien und Kandidaten nicht nachvollziehbar war.
Es ist bereits die Bildung eines eingängigen und sprechbaren Rufnamens, die „SBY“ in eine historische Parallele zu Suharto setzt. Jener legte sich damals die Titulierung „Pak Harto“ („Väterchen Harto“) zu, ließ eine imagebildende Standardbiographie auflegen – anno 1969 noch verfasst vom deutschen Journalisten und Geheimdienstler Rudolf O’G Roeder mit SS-Kriegsverbrechervergangenheit und Wohnsitz in München – und ward fortan für das Ausland der smiling general, für das Inland das „Kind vom Dorfe“ (anak desa), so der Titel der Roederschen Biographie in ihrer indonesischen Übersetzung.
Dieser Susilo Bambang Yudhoyono pflegt sich seit 2002 “SBY” rufen zu lassen und lässt eine Biographie mit dem Titel “Der Demokrat” (Sang Demokrat) auflegen, was besonders sein Image im Ausland auf einen global positiv besetzten Wert ausrichten soll. Für die eigene Bevölkerung legt er sich ein anderes Mäntelchen um. Krasser ist nämlich eine Gemeinsamkeit beider, die vor allem Javanern auffallen wird. Wie damals „Pak Harto“ ist heute „SBY“ um die Eingliederung in eine anerkannte Herrscherdynastie javanischer Herkunft bemüht. Damals war es die Herrscherlinie der Fürsten des Kraton (Herrscherpalastes) Mangkunegaran in Surakarta, Zentraljava, die dem unbekannten General mit dem ewigen Lächeln auf den Lippen einen Hauch von Autorität verleihen sollte. Heute ist es die Militärdynastie des Sarwo Edhie Wibowo, die auf Java nicht irgendeine Dynastie ist, sondern eine Personifizierung und symbolische Historienverknüpfung zur Kultur der javanischen ksatria (Ritter) in eben jener Gestalt des verstorbenen Heeresspezialtruppenkommandeurs. Beiden Emporkömmlingen ist gemeinsam, den Zugang zur Herrschaft legitimierenden Dynastie über die Ehefrau, und somit über die Einheirat, gefunden und begründet zu haben. Solche Genealogie bildenden Imagekampagnen fährt nicht jemand, der es bei einer beliebigen Präsidialherrschaft belassen will. So jemand plant für einen langen Zeitraum, denn so jemand ist ein Mann mit Herrschaftsanspruch. Ein Herrscher vom javanischen Typ und jemand, der Macht nicht zu teilen pflegt. Aus diesem Holz ist ein „SBY“ geschnitzt.
Die offizielle Biographie
des „SBY“ ist nicht wortwörtlich zu nehmen. Ohne den Verfassern und
dem Biographieträger selbst zu nahe treten zu wollen, werden wohl
die dargestellten Lebensabschnitte aufpoliert, beschönigt oder gar
der schöpferischen Phantasie von „Hofpoeten“ entstammen. Darauf kommt
es auch gar nicht an. Allein von Relevanz ist die Präsentation des
Lebensweges eines Mannes von niederer Geburt, der aus eigenem Vermögen
und dennoch legitim – durch die Heirat mit der Herrschertochter - bis an
die Spitze des Staatswesens gelangt und damit den mythischen Vorbildern
eines Gajah Mada des javanischen Mittelalters oder auch, wenn auch mit
Abweichungen, des Heroen Hang Tuah der malaiischen Herrschertradition folgt.
Lesenswert ist dafür auch der leider noch nichts ins Deutsche übersetzte
Roman Arok Dedes von Pramoedya Ananta Toer (erschienen 1999 bei Hasta Mitra),
in dem der Autor die blutige Machtübernahme eines Renegaten in einem
zentraljavanischen Staat im 8. Jahrhundert n. Chr. beschreibt. SBY beschreitet
hingegen den gewaltlosen, sprich demokratischen Weg; die kulturellen Grundmuster
sind hingegen identisch.
Ein ganz anderes Bild ergäbe
sich beim Unterliegen beider Militärkandidaten und dem Sieg der Amtsinhaberin
Megawati Sukarnopurti. In dem Fall käme die Kraft ins Spiel, die dem
öffentlichen Blick vollends entzogen ist und die der eigentliche Sieger
der reformasi ist: der staatliche Nachrichtendienst BIN (Badan Intelijen
Negara) und sein Kommandeur Hendropriyono. Er, der einst selbst zu den
auserkorenen Pendawa Lima (die „fünf Pandawa“) zählte und sein
persönliches Schicksal eng an Megawati geknüpft hat, ist ein
mächtiger Mann, und sein ihm unterstellter Dienst ist für verdeckte
operative Tätigkeiten bekannt. Obgleich erheblich restrukturiert und
sich nominell zivil gebend, ist der BIN nach wie vor ein Produkt der Neuen
Ordnung und ihrer Militärkultur. Sein Führungspersonal hat dieselbe
Militärakademie durchlaufen wie Wiranto und Susilo Bambang Yudhoyono
und zählt wie sie zur „Großen Militärfamilie“. Die Explikationen
um die Wahl herum haben einen Bereich verhüllt belassen, und das ist
der Nachrichtendienstsektor. Er verdient gleichwohl unsere Aufmerksamkeit.
nächster Teil: 2.
Der lange Atem - Die einstigen Militärreformer an der Schwelle zur
Macht
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