Becak
heißen die dreirädrigen
Fahrradrikschas in Indonesien. Die Becak sind nicht-motorisiert. Sie werden
mit Muskelkraft betrieben, wobei die Becak keine Gangschaltung besitzen.
Der Fahrer sitzt erhöht hinter dem Fahrgastsessel. Die Becak dienen
als Nahtransportmittel, bevorzugt in Wohngebieten, die mit öffentlichen
Verkehrsmitteln nicht erreichbar sind. Der Preis einer Becakfahrt liegt
zwischen dem Preis für eine Busfahrkarte und dem einer Taxifahrt.
Ein Becak kostet um 1000 DM. Die Becakfahrer rekrutieren sich aus der Volksgruppe
der Mitteljavaner. Häufig sind sie nicht die Besitzer ihres Fahrzeugs.
Jakarta
hat als Sondergebiet den Status einer
Provinz. 1988, zur Zeit des Wirtschaftsbooms, wurden die Becak per Erlass
der Provinzregierung Jakarta aus dem Stadtgebiet verbannt, mit der Begründung,
die Becak stellten ein Verkehrshindernis dar und die Arbeit als Becakfahrer
sei inhuman. Die Becak wurden zum Teil einfach im Meer entsorgt, die Fahrer
in ihre Dörfer zurückgeschickt oder dem Transmigrations-programm
einverleibt .
Die Armut
nahm während der Wirtschaftskrise
1997/1998 gravierend zu: von offiziellen 16% stieg die Zahl der unter der
Armutsgrenze lebenden Bevölkerung Indonesiens auf geschätzte
60%. Viele der Armen zogen nach Jakarta, unter ihnen Bettler, Straßenkinder,
Straßenhändler, Prostituierte und auch Becakfahrer. Seit 1999
verfolgt die Provinzregierung Jakarta mehrere Programme zur “sozialen Wohlfahrt”,
die letztlich darauf hinauslaufen, dass die Armen vertrieben werden. Die
Armen werden als Behinderung der öffentlichen Ordnung aufgefasst.
Das Team zur Bekämpfung der Armut setzt sich zusammen aus Einheiten
von Wachdiensten, Polizei und Militär. Die Sicherheitskräfte
sind bewaffnet mit Schusswaffen, Eisen- und Gummiknüppeln sowie Tränengas.
Die Methoden umfassen repressive Maßnahmen, wie Razzia, Vertreibung,
Konfiszierung, Zerstörung, mit dem Ziel, die „öffentliche Ordnung“
wieder herzustellen. Betroffen von den Maßnahmen sind insbesondere
die Armen des informellen Sektors und illegale Siedler. Oft kommt es zu
Widerstand, mit Gewaltanwendung auf beiden Seiten.
Razzien
gegen Becakfahrer begannen im Jahr
2000 auf der Grundlage des Erlasses von 1988. Im Jahr 2001 wurden die Operationen
verstärkt, die Anzahl der Sicherheitskräfte erhöht und die
Methoden repressiver. Es gab mehrfach Widerstand, mit Verletzten auf beiden
Seiten. In der ersten Jahreshälfte wurden laut Angaben des stellvertretenden
Gouverneurs von Jakarta, Abdul Kahfi, 3.516 Becak konfisziert, die Hälfte
davon soll ins Meer geworfen worden sein, andere wurden in die Dörfer
geschickt bzw. in Jakarta gelagert. Nach Angaben von Urban Poor Consortium,
einem Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, das sich mit dem Problem
der städtischen Armut befasst, stimmen die offiziellen Daten nicht.
Offensichtlich haben Beamte die Becak zwar konfisziert, doch anschließend
verkauft. Die Aktionen zur sozialen Wohlfahrt kosten nicht nur Steuergelder,
sondern sind darüber hinaus zur Quelle neuer Korruption geworden.
Zur Jahresmitte 2001 waren noch 10.000 Becak in Jakartas Wohngebieten in
Betrieb, nicht jedoch auf den großen Verbindungsstraßen.
Verbände der Becakfahrer,
eine neue Gewerkschaft, mehrere Nichtregierungsorganisationen,
als deren wichtigste das Urban Poor Consortium zu nennen ist, sind eine
Neuerscheinung, die es bei der ersten Vertreibung 1988 in dieser Form nicht
gab. Ihrer Meinung nach sind repressive Methoden nicht geeignet, das Problem
der Armut zu bekämpfen, vielmehr verschärft Gewalt den sozialen
Konflikt. Statt Kampf gegen die Armen verlangen sie Angebote in Form alternativer
Arbeitsplätze. Die bekannte Rechtshilfeorganisation LBH nennt die
Razzien ungesetzlich. Gouverneur und Stadtparlament haben mehrfach zugesichert,
dass für die Becakfahrer Arbeitsplätze geschaffen und Kredite
zu günstigen 11% für den Erwerb eines Hauses oder eines Fahrzeugs
als Erwerbsgrundlage zur Verfügung gestellt würden. Außerdem
wurden Identitätsausweise versprochen, damit die Fahrer legal in Jakarta
bleiben können. Keine dieser Zusagen ist bisher realisiert worden,
auch nicht für Fahrer, die freiwillig ihr Becak abgegeben haben. Wo
die dafür verbliebenen Mittel geblieben sind, ist unklar. Der Gouverneur
von Jakarta Sutiyoso hat mehrfach Gespräche mit organisierten Becakfahrern
und mit Nichtregierungsorganisationen abgelehnt.
Der Höhepunkt
der Auseinandersetzungen wurde im
August und September 2001 nach der Bildung der neuen Regierung unter Megawati
erreicht. Fast täglich drangen Sicherheitskräfte überfallartig
nachts in die Privatunterkünfte der Becakfahrer ein. Jedes mal wurden
mehrere Hundert Becak konfisziert. Oft gab es Widerstand. Am 14. August
erreichte die Auseinandersetzung gewalttätige Ausmaße. Hunderte
von bewaffneten Sicherheitskräften wurden von Becakfahrern und lokaler
Bevölkerung angegriffen. Gezielt wurden Polizeifahrzeuge zerstört,
ein Wachmann starb, ein weiterer erlitt schwere Verletzungen. Mehrfach
demonstrierten Becakfahrer gegen die Razzien und trugen das Problem an
die Öffentlichkeit. Der Gouverneur von Jakarta lehnt bisher jegliches
Einwenden ab und besteht auf rigoroser Durchführung der Aktionen zur
“sozialen Wohlfahrt”. Ansätze auf friedliche Konfliktlösung sind,
nach dem Wiedererstarken autoritärer Praxis in Indonesien, nicht zu
sehen. Die Becakfahrer haben massenweise ihre Parteiausweise der Demokratischen
Partei – Kampf (PDI-P), der Partei Megawatis, die vor allem durch die Stimmen
der Armen an die Macht gekommen ist, zurückgegeben.
Das Problem
der Becak in Jakarta wird mit gewalttätigen
Maßnahmen gegen die Armen angegangen. Die für die Aktionen bereitgestellten
Mittel fließen nur in die Rekrutierung und Ausrüstung von Sicherheitskräften.
Die Gelder, die als Ausbildungs- und Starthilfe gedacht waren, sind an
unbekanntem Ort verschwunden. Zur gleichen Zeit bereichern sich Offizielle
durch den Verkauf der Becak in andere Provinzen. Die Rolle von Gewerkschaften
und Nichtregierungsorganisationen als Moderatoren im Prozess einer friedlichen
Konfliktlösung wird nicht verstanden. Sie werden von der Stadtverwaltung
Jakarta als diejenigen angesehen, die das Problem der Armut an die Öffentlichkeit
bringen und somit dem Ruf Indonesiens schaden. Intervenierung im Sinne
von wirklicher Armutsbekämpfung kann genau an dieser Schwachstelle
ansetzen: Unterstützung zivilgesellschaftlicher Organisationen, Protestbriefe
an den Gouverneur von Jakarta, Hilfsangebote für alternative Ausbildungen
für die betroffenen Fahrer und ihre Familien und für Startkapital
für Kleinbetriebe mit gleichzeitiger strikter Kontrolle zur Verhinderung
von Korruption, Revision der Kooperation bei der Ausbildung von Militär
und Polizei.
| Zurück zur Hauptseite | Watch Indonesia! e.V. | Back to Mainpage |