Indonesien-Information Nr. 2, 1997 (Wirtschaft)

Buchbesprechung:

"Kunci Budaya" - Geschäfte in Indonesien

Thomas Brandt, Direktor für Marktforschung bei der deutsch-indonesischen Handelskammer EKONID in Jakarta, hat ein Buch über den 'kulturellen Schlüssel zum Erfolg' geschrieben. "Kunci Budaya" richtet sich an Geschäftsleute und Entsandtkräfte deutscher Unternehmen, denen Brandt ein Gefühl für die kulturellen Besonderheiten Indonesiens vermitteln will, die auch für den Geschäftsalltag von großer Bedeutung sind.

"Stellen Sie nicht unaufhörlich Vergleiche mit Ihrem Heimatland an!", lautet einer der Tips, die Thomas Brandt seiner Leserschaft mit auf den Weg gibt. Sein Buch "Kunci Budaya" richtet sich an Geschäftsleute, die selbständig oder als Entsandtkraft eines Unternehmens in Indonesien tätig werden wollen. In einfühlsamer Weise versucht der Autor diesem Publikum, ein Gefühl dafür zu vermitteln, was im indonesischen Geschäftsalltag anders laufen könnte als von zu Hause gewohnt. Der Autor gibt sich Mühe, in Stil und Sprache auf sein Zielpublikum einzugehen, indem er seine Inhalte in kurze übersichtliche Abschnitte packt, die dem Buch ein wenig den Charakter eines Nachschlagewerkes geben. Wer sich Zeit und Muse nehmen will, sich tiefer einzulesen, kommt dennoch auf seine Kosten, muß sich allerdings damit abfinden, in einigen Kapiteln auf Wiederholungen zu stoßen.

Unverkennbar verfolgt der Autor auch das Anliegen, Entsandtkräfte vor der Ungeduld ihrer deutschen Mutterunternehmen in Schutz zu nehmen, indem er beispielsweise wiederholt darauf aufmerksam macht, daß bestimmte Dinge in Indonesien einfach ihre Zeit brauchen. Viele der in diesem Zusammenhang beleuchteten Aspekte sind nicht nur für die Geschäftswelt typisch, sondern spiegeln sich beispielsweise auch in der indonesischen NGO-Szene wider, so daß das Buch auch für Leute, die in diesem Bereich arbeiten, lesenswert ist. Gleichwohl stehen der entwicklungspolitisch vorbelasteten LeserIn hierfür natürlich andere, möglicherweise ergiebigere Quellen zur Verfügung.

Unterschiedliche Führungsstile

Interviews mit mehr als 150 Gesprächspartnern aus 9 verschiedenen Ländern sind in das Buch eingeflossen. Obwohl der Autor bemüht ist, in der zusammenfassenden Auswertung auch indonesische Stimmen zu Wort kommen zu lassen, so überwiegt letztendlich doch die Sichtweise der westlichen Manager. Diese müssen sich auf andere Gewohnheiten bezüglich des Führungsstils gefaßt machen. Dazu gehören die mangelnde Motivation von Mitarbeitern, die geringe Neigung zur Delegation von Aufgaben und der Bapakismus: "ABS - Asal Bapak Senang, Hauptsache der Chef ist happy", ist das geflügelte Wort, mit dem IndonesierInnen das quasi Nicht-Vorhandensein eines kooperativen Führungsstiles bezeichnen. Selbstredend werden solche eingefahrenen Gewohnheiten unter Gesichtspunkten westlicher Managementmethoden als hinderlich betrachtet. Brandt stellt sich jedoch nicht die Frage, ob oder wie einige äußerst erfolgreiche indonesische Firmenbosse unter denselben Bedingungen gute Ergebnisse erzielt haben.

Der Autor appelliert an das Verständnis der westlichen Manager: Konflikten sollte man aus dem Wege gehen, dieses brauche eben mehr Zeit und jenes müsse man sich ein bißchen mehr kosten lassen. Die Möglichkeit, daß in bestimmten indonesischen Eigenarten auch eine positive Chance für den westlichen Manager liegen könnte, läßt sich bestenfalls erahnen.

Das Bestreben, dem Westler Anpassung an die Verhältnisse abzuverlangen ist gut und richtig. Thomas Brandt tendiert jedoch dazu, die Möglichkeit einer schrittweisen Veränderung als hinderlich betrachteter Gewohnheiten z.B. durch Vorbildverhalten, Schaffung von Transparenz u. dgl. eine Absage zu erteilen. Veränderung scheint nur möglich zu sein, wenn sie sich von selbst vollzieht. Unter der Überschrift "Führungsstil im Wandel begriffen" heißt es: "In den letzten Jahren erfährt das einst und auch heute noch vielfach unterwürfige Verhältnis zum Vorgesetzten Änderungen. Die jüngere Generation wird zunehmend selbständiger und kritischer. Sie ist in stärkerem Maße bereit, Verantwortung zu übernehmen. Immer seltener wird zum westlichen Ausländer aufgesehen. Vielleicht haben die Indonesier dafür auch zu viele zweitklassige westliche Manager erleben müssen, so daß nicht mehr grundsätzlich mit Bewunderung auf diese geschaut wird. Das Verhältnis zu Vorgesetzten ist offener geworden, vereinzelt wird auch schon einmal im Gespräch Kritik geübt."

Gesellschaft, Politik und Wirtschaft

Brandt gibt einen landeskundlichen Überblick und handelt kurz Geschichte, Politik, Kultur und Religion ab. Recht ausführlich schildert er die Rolle verschiedener Gruppen der indonesischen Gesellschaft. Im Kapitel "Die indonesische Frau in der Geschäftswelt" zeichnet Brandt ein recht ausgewogenes Bild zwischen offizieller Gleichstellung von Frauen und deren Benachteiligung in der Realität. Auf dem Papier vorhandene Frauenrechte wie Menstruations- und Mutterschaftsurlaub sowie "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" seien in der Realität nur schwer durchsetzbar. "Von Chancengleichheit kann nicht gesprochen werden", faßt der Autor zusammen. Von Chancengleichheit kann aber wohl auch in Deutschland nicht gesprochen werden, solange Autoren wie Brandt mit Begriffen wie "Der Manager", "Der Indonesier", "Der Mittelsmann" und "Die Sekretärin" durchgehend bestehende Klischees bestätigen.

Als bedeutendste ethnische Gruppe hat Brandt völlig zurecht die Javaner (und deren Frauen?) ausgemacht, denen er ein eigenes Kapitel widmet. Wie viele andere Autoren auch, zeichnet Brandt hier das Bild des archetypischen Javaners, der - geprägt von der "höfischen Kultur" - Wert legt auf "Höflichkeit und Etikette", "Harmonie", "konformes Verhalten" und "Konfliktvermeidung". Bei aller Richtigkeit der Grundtendenz, gelingt es Brandt ebensowenig wie vielen anderen Autoren, deutlich zumachen, daß wohl kaum ein einziger Javaner dieser archetypischen Charakterisierung hundertprozentig entspricht. Bei allem unbestreitbaren Hang zur Konfliktvermeidung ist beispielsweise Streit selbstverständlich auch auf Java an der Tagesordnung.

Brandts Versuch einer differenzierten Darstellung mißlingt spätestens an dem Punkt, wo er Javaner mit Indonesiern gleichzusetzen beginnt (Fazit des Kapitels auf S. 96). Ohne Brandt damit unrecht tun zu wollen, muß darauf verwiesen werden, daß Präsident Suharto genau nach dieser Sichtweise versucht, seinen autokratischen Herrschaftsanspruch zu legitimieren. Die einfache Gleichung hierfür heißt: "Javaner haben dem Ideal der alten höfischen Etikette zu entsprechen - alle Indonesier haben so zu sein wie die Javaner - und ich, Suharto, bin ihr König, dem sie im Streben nach Harmonie, konformem Verhalten und Konfliktvermeidung bedingungslos zu gehorchen haben."

Auf unsicheres Terrain begibt sich Brandt bei der Abhandlung einer weiteren Ethnie: der chinesisch-stämmigen Minderheit. "Heute hat sich die Gruppe der Indonesier chinesischer Abstammung in starkem Maße in die indonesische Gesellschaft integriert. Indonesier chinesischer Abstammung sehen sich als Indonesier." Dem mag so sein, aber es fehlt der Hinweis, daß die selben Sätze nicht ohne weiteres im Passiv ausgedrückt werden können: "Heute ist die Gruppe ... in starkem Maße integriert. Indonesier chinesischer Abstammung werden als Indonesier gesehen," wäre eine leicht zu widerlegende Behauptung. Anders ausgedrückt: der Tatsache, daß die chinesisch-stämmige Minderheit ungeachtet ihrer gezwungenermaßen hohen Anpassungsbereitschaft noch immer diskriminiert wird, wird der Autor nicht gerecht. Gewaltsame Konflikte und anti-chinesische Pogrome unter der Neuen Ordnung finden keine Erwähnung. Im geschichtlichen Überblick wird lediglich die Benachteiligung der Gruppe unter Präsident Sukarno erwähnt, ohne darauf hinzuweisen, daß es unter Sukarno chinesische Massenorganisationen (z.B. BAPERKI) und sogar chinesisch-stämmige Minister (z.B. Oei Tjoe Tat) gegeben hat - um nur zwei unter Suhartos Herrschaft völlig undenkbare Phänomene zu nennen.

Unangenehme Wahrheiten

Die besondere Rolle der chinesisch-stämmigen Minderheit bezüglich der Wirtschaft des Landes wird deutlich. Zwei Drittel der indonesischen Wirtschaft werden von dieser Gruppe kontrolliert, schreibt Brandt. "Viele pribumi (eingeborene Indonesier, d. Red.), die Firmen leiten, arbeiten auf die eine oder andere Weise eng mit Indonesiern chinesischer Abstammung zusammen". Daß dies insbesondere für die Familie des Präsidenten gilt, der gleichzeitig im politischen und kulturellen Bereich der Diskriminierung der chinesisch-stämmigen Indonesier Vorschub leistet, wird nicht erwähnt.

Man darf annehmen, daß Thomas Brandt um die zwiespältige Rolle der Suharto-Familie weiß. Dennoch vermeidet es Brandt, der offenbar nicht geneigt ist, seine Arbeitserlaubnis in Jakarta zu riskieren, die Dinge klar beim Namen zu nennen, sondern baut darauf, daß zwischen den Zeilen schon deutlich wird, was gemeint ist. Diese Art, unangenehme Wahrheiten nicht explizit zu benennen, ist typisch für die indonesische Gesellschaft unter der Neuen Ordnung. Im allgemeinen verstehen die Leute schon, was gemeint ist, da sie darin geübt sind, zwischen den Zeilen zulesen. Daß Thomas Brandt sich dieser Ausdrucksform bedient, beweist, daß er sich hervorragend an die Gegebenheiten des Gastlandes akklimatisiert hat. Fraglich bleibt allerdings, ob Brandts Zielgruppe, die 'Indonesien-Neulinge', in der Lage ist, solche Mitteilungen zu entschlüsseln.

Dies gilt auch und insbesondere für alle diejenigen Kleinunternehmer und Mittelständler, die das Buch vielleicht in die Hand nehmen, um herauszufinden, warum es so schwer ist, mit indonesischen Partnern ins Geschäft zu kommen. Sie mögen sich nach Lektüre von "Kunci Budaya" viele Fragen stellen: "Liegt es an der Kultur? An der Sprache? Dem gelegentlichen Verstoß gegen die Etikette? War ich zu laut? Oder zu direkt? Oder ...?"

Die richtige Antwort dürfte sich auf Seite 137 finden. Dort heißt es unter der Überschrift "Beziehungen": "Indonesien hat nicht nur viele Minister, hier kennt auch fast jeder einen Minister persönlich." Doch wie lernt ein deutscher Mittelständler so eben mal einen indonesischen Minister kennen?

Weiter heißt es: "Regierung und Militär sind immer noch tragende Säulen im indonesischen Wirtschaftsleben. Für westliche Geschäftsleute ist das häufig ungewohnt. Die Macht der Regierung ist auf jeder Ebene spürbar, da sie in sehr vielen Bereichen direkt oder indirekt in das Geschäftsleben involviert ist.

Grundsätzlich ist die Macht der Behörden ein Thema, welches man nicht unterschätzen darf und mit dem man möglicherweise viel Zeit verbringen wird. Im Behördendschungel verlieren sich viele Neuanfänger in Indonesien - nur allzuoft befinden sie sich in dem Glauben, sie hätten ein Produkt und einen Preis, und dann könne es losgehen. In der Privatwirtschaft ist die wirtschaftliche Macht auf wenige Konglomerate oder vielmehr auf wenige Einzelpersonen, die 'großen Player', verteilt. Das große Geschäft ist hier nur einigen wenigen vorbehalten, auf die man quer durch alle Branchen wiedertrifft..."

Diesen Zeilen ist kaum etwas hinzuzufügen. Brandt versucht, einen Ausweg aufzuzeigen, indem er empfiehlt, man müsse sich die richtigen "Mittelsmänner" suchen, die den Weg zu den Schaltstellen der Macht für einen ebnen. Investitionswilligen deutschen Mittelständlern bleibt also die Möglichkeit, bei Brandts Dienststelle, der EKONID, anzufragen, wieviel ein Mittelsmann für die Geschäftsanbahnung kostet, falls so jemand im Angebot ist. Oder sie beschließen, daß der 'kulturelle Schlüssel zum Erfolg' vielleicht doch eher in Polen oder Tschechien begraben liegen muß... <>

Thomas Brandt: Geschäfte in Indonesien - "Kunci Budaya" - Der kulturelle Schlüssel zum Erfolg, 285 S., DM 78,- ist erhältlich beim: goasia Verlag Tegeleck 19 23843 Bad Oldesloe Fax: 4531 - 88 61 38

 
 
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