Kapitel/Bab 5

Gesundheit

(vgl. auch soziale Sicherung, Städte, Umwelt)

Seit 1979 ist das von der UN-Weltgesundheitsorganisation WHO deklarierte Konzept der Basis-Gesundheitsversorgung auch Teil der nationalen Gesundheitspolitk in Indonesien. Doch noch immer ist man weit von davon entfernt, den Gesundheitszustand der Bevölkerung auf ein Niveau zu heben, das es allen ermöglichen würde, ein sozial und wirtschaftlich produktives Leben zu führen. Indonesien nimmt hinsichtlich seiner Standards im Gesundheitswesen die letzte Stelle innerhalb der ASEAN-Staaten ein (WHO 1991).

Das Hauptproblem stellt die Armut dar: Hunger und vor allem Mangelernährung, zu wenig oder verschmutztes Trinkwasser, unhygienische Wohnverhältnisse, unzureichende Abfallbeseitigung sind die wichtigsten Ursachen für viele Krankheiten. Ein Großteil der schwangeren Frauen leidet unter Eiweißmangel; die Säuglingssterblichkeit liegt bei ca. 7,1 Prozent, die Kindersterblichkeit liegt bei ca. 11,1 Prozent. Vielfach ist der Grund Tuberkulose - die häufigste Todesursache unter der ländlichen Bevölkerung. In einzelnen Gebieten kommt es auch immer wieder zu Malaria- und Choleraseuchen. Da es kein staatlich subventioniertes Versicherungssystem gibt, sind für viele Menschen die Kosten für Arztbesuche oder Krankenhausaufenthalte unerschwinglich. Zudem befinden sich die meisten Arztpraxen in den großen Städten, sodaß Kranke aus ländlichen Regionen oft weite Wege für eine Behandlung zurücklegen müssen. In sehr abgelegenen Gebieten sind die Pflegestationen der christlichen Missionarsstellen die einzigen Anlaufpunkte, wo moderne, westlich orientierte Medizin bereitgestellt wird. Die politische und ökonomische Elite läßt sich - wie 1996 auch Präsident Suharto in Deutschland - im Ausland behandeln. Insofern kann man von einer Zwei-Klassen-Medizin sprechen, denn für die Mehrheit der indonesischen Bevölkerung ist die Behandlung durch medizinische Spezialisten so gut wie ausgeschlossen.

Nur 2,5% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) werden für den Gesundheitsbereich veranschlagt. In anderen asiatischen Ländern sind 4 und mehr Prozent des BIP üblich (Koesobjono-Sarwono).Internationale Fonds und Organisationen wie UNICEF und WHO unterstützen regelmäßig die Programme zur Basis-Gesundheitsversorgung (Primary Health Care). Der größere Teil der bereitgestellten Mittel (ca. 76%) wird für Medikamente
ausgegeben und lediglich 24% für öffentliche Gesundheitsleistungen.

Die indonesische Regierung, deren Wirtschaftspolitik vielfach zur Vertiefung der sozialen Gegensätze beigetragen hat anstatt eine Umverteilung des Reichtums anzustreben, versucht, den Gesundheitsproblemen durch das nationale Gesundheitsprogramm PUSKESMAS beizukommen. Seit 1969 wurden in weiten Teilen Indonesiens öffentliche Gesundheitszentren eingerichtet, die der Gesundheitsvorsorge und medizinischen Betreuung v.a. der einfachen Bevölkerung dienen sollen. Allerdings sind in vielen Fällen die PUSKESMAS-Stellen unzureichend mit Medikamenten ausgestattet, z.T. gibt es keinen Arzt und oft ist das Personal nicht ausreichend qualifiziert und unterbezahlt. Überfordert von den akuten Krankheitsfällen sind die Zentren kaum in der Lage, zusätzlich Aufklärungsarbeit über Krankheitsursachen und Vorsorgemaßnahmen zu leisten. Häufig besteht die Behandlung in einer schnellen Abfertigung mit starken Medikamenten, wobei die Patienten nicht über Nebenwirkungen, Immunisierungseffekte und Folgen von Überdosierungen unterrichtet werden.

Entsprechend dem autoritären Charakter der staatlichen Entwicklungspolitik ist auch das PUSKESMAS-Konzept nicht an Mitsprachemöglichkeiten der Bevölkerung orientiert. Viele Mißstände im Gesundheitsbereich werden durch den hierarchischen Charakter der Entwicklungsprogramme mitverursacht. Maßnahmen der Gesundheitsplanung entsprechen vielfach nicht den realen Bedürfnissen der lokalen Gemeinde, Impulse zur Selbstverwaltung und Eigenverantwortlichkeit der Gemeinden werden unterbunden.

Die Eigendiagnose der PatientInnen bleibt meist unberücksichtigt und traditionelle Behandlungsmethoden finden keine Anwendung. Zudem benutzt die Regierung die PUSKESMAS-Einrichtungen zur Implementierung staatlicher Programme, wie dem Familienplanungsprogramm KB (Keluarga Berencana), in dessen Rahmen Frauen zur Anwendung von Verhütungsmethoden aufgefordert werden, ohne ausreichende Informationen über mögliche gesundheitsschädigende Wirkungen (z.B. von Drei-Monats-Spritzen)
zu erhalten.

Viele IndonesierInnen bevorzugen bei leichteren oder chronischen Beschwerden einen spirituellen Heiler (dukun), der in seiner ganzheitlich ausgerichteten Behandlung sein über Generationen angesammeltes Wissen über Natur und menschliches Verhalten integriert. Auch traditionelle Geburtshelferinnen und Masseurinnen beziehen ihre Kenntnisse aus der Volksheilkunde und verwenden natürliche Arzneien, die jedoch immer mehr von Produkten der Pharmaindustrie verdrängt werden. So gerät das Wissen über traditionelle Heilmethoden, das in der Vergangenheit leicht zugänglich war und z.T. selbst hergestellt werden konnte, zunehmend in Vergessenheit.

Javanische Jamu-Verkäuferinnen beziehen ihre Produkte (jamu = traditionelle Medizin aus Java) inzwischen von großen Unternehmen, die Rezepturen der ursprünglichen Volksmedizin für die kommerzielle Massenproduktion teilweise mit Monopolanspruch verwerten.

Einige NGOs in Indonesien versuchen, das Wissen über traditionelle Medizin zu sammeln, zu erhalten und anzuwenden. Ihre Aktivitäten in Graswurzelprojekten zielen v.a. darauf ab, die einfache Bevölkerung darin zu fördern, eigenständig und ohne großen Kostenaufwand Gesundheitsvorsorge zu betreiben. Oft fehlt es jedoch an Unterstützung durch qualifizierte Ärzte.

Weil kein allgemeines soziales Versicherungssystem existiert, werden im Kampung (auf lokaler Ebene der Stadtviertel oder Dörfer) kleine Gesundheitsfonds ("dana sehat") eingerichtet, um für den Ernstfall vorzusorgen. Nur Staatsbedienstete oder Selbständige leisten sich eine private Absicherung.

Bestimmend für die Planung, Finanzierung und Implementierung nationaler Gesundheitsprojekte sind die Gesundheitsministerien(Departemen Kesehatan) der Provinzen. Die Gesundheitsbehörden der Distriktebene (Kabupaten) sind verantwortlich für die lokale Organisation zur Gesundheitsversorgung. Hier sind besonders die Regionalgruppen der nationalen LKMD (Lembaga Ketahanan Masyarakat Desa - Dorfgemeinschaftsorganisation) und PKK (Pembinaan Kesejahteraan Keluarga - Familienwohlfahrtsorganisation) tätig.

Quellen:

WHO (1991). Safe Motherhood. Executive Summary of Assessment and Recommended National Strategies. Vol. 4,17.Dec. pp. 3-26.

KOESOBJONO-SARWONO, Soelita (1993). Community Participation in
Primary Health Care in an Indonesian Setting.

relevante Adressen:

indonesisches Gesundheitsministerium:
Menteri Kesehatan (Minister of Health)

Verzeichnis der Gesundheitsministerien in den Provinzen (Departemen Kesehatan)
 

Weltgesundheitsorganisation (WHO)
 

Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF)

UNICEF Representative in Indonesien:

Deutsches Komitee für UNICEF
 

Deutsche Initiativen für internationale Hilfe im Gesundheitswesen (s. auch unter "Wirtschaft und Entwicklung"):

action medeor

Aufgabenkreis: Förderung und Aufbau von Basisgesundheitsdiensten überwiegend in ländlichen Regionen; Verteilung von Medikamenten und medizinischen Geräten an Krankenhäuser, Pflegestationen und Ärzte.
(dse)
 

Ärzte für die Dritte Welt e.V.

Aufgabenkreis: Humanitäre, kurativ-medizinische Hilfe; Durchführung von Gesundheitsprogrammen für marginalisierte Gruppen; Entsendung von Ärzten; Aufbau von Basisgesundheitsdiensten und Sozialstationen, Ausbildung von medizinischem Personal.
(dse)
 

Ärzte ohne Grenzen e.V.
Deutscher Zweig der 1971 in Frankreich gegründeten Organisation Médecins sans Frontières (MSF)

Aufgabenkreis: Medizinische Hilfe: medizinische Basisversorgung; Hygiene- und Sanitärmaßnahmen; Ernährungsprogramme für unterernährte Kinder; Impfprogramme; Ernährungsprogramme für Säuglinge und Kleinkinder. Humanitäre Hilfe in Kriegs- und Krisengebieten: Verteilung von Medikamenten; medizinische Ausbildung einheimischen Personals; Beschaffung medizinischer Geräte sowie Anlagen für die Trinkwasserversorgung und spezielle Kommunikationsmittel.
(dse)
 

Deutsche Ärztegemeinschaft für medizinische Zusammenarbeit e.V.

Aufgabenkreis: Humanitäre und medizinische Soforthilfe; Lieferung von Arzneimitteln, Verbrauchsmaterial, medizinischen Geräten, Kindernahrung, langfristige Gesundheitsprojekte; Fortbildung von medizinischen und paramedizinischen Fachkräften.
(dse)