Indonesien - der dornige Weg in die Demokratie

FRAUENORGANISATIONEN IN INDONESIEN

FRAUEN GEGEN GEWALT

Drei riesige Schatten verdüstern den Start in ein neues Indonesien: das politische Erbe der noch präsenten Vergangenheit, der nagende Hunger in den Bäuchen von Millionen und die brutale Gewalt. Über das Ausmaß, die Folgen und den Ursprung der Gewalt wird intensiv diskutiert. Wie das Ergebnis der Auseinandersetzung mit dem Problem der Gewalt auch lauten mag, eines ist überdeutlich: Frauen sind aufgrund bestimmter spezifischer Formen einer breiteren Palette an Gewalttaten ausgesetzt als Männer. Frauen sind wie alle Menschen betroffen, als sexuelle Objekte und als Mittel zum Zweck. Frauen in Indonesien sind aber nicht nur Opfer; sie gehören zu den Aktivsten in der Bewegung gegen Gewalt.

von Marianne Klute

Die Frauenbewegung in Indonesien hat eine lange Geschichte. Wenn in Indonesien der Kartini-Tag gefeiert wird, dann wird der engagierten Frauen Anfang des Jahrhunderts gedacht, die sich für eine Schulbildung für Mädchen einsetzten. Das Bild der javanischen Prinzessin Kartini entspricht dem staatlich gefeierten Ideal einer zwar fortschrittlichen, doch gehorsamen und angepassten sanften Frau. Indonesien hat jedoch mehr Frauen aufzuweisen, die sich für Emanzipation einsetzten, in der Unabhängigkeitsbewegung kämpften und ihre Vorstellungen von Gleichberechtigung in das Grundgesetz einbrachten. Viele sind vergessen, manche totgeschwiegen. Bis 1965 noch konnten sich indonesische Frauen verschiedenen, unabhängigen und parteipolitisch gebundenen Frauenorganisationen anschließen. Mit dem Beginn der Suharto-Ära erlitt die Frauenbewegung einen Bruch; die kommunistisch orientierte Gerwani wurde verboten, Dutzende von Frauenorganisationen verschwanden von der Bildfläche, andere wandelten sich zu Ehefrauenorganisationen. Während der Suharto-Ära (1965 - 1998) wurden emanzipatorische Gedanken immer weiter zurückgedrängt, für Frauen gab es keine Möglichkeit mehr, sich unabhängig oder in Parteien politisch zu organisieren. Stattdessen waren Landfrauen und Frauen von Militärs automatisch in staatlichen Massenorganisationen organisiert und wurden dort ideologisch fest geleitet, die Ehefrauen von Beamten mussten der Dharma Wanita (Pflicht der Frauen) angehören. Sie nahmen innerhalb dieser Organisationen eine Stellung ein, die exakt der ihrer Ehemänner im Staatsgetriebe entsprach. Diese staatlichen Organisationen spiegeln die Hierarchie im Machtgefüge wider und dienten in erster Linie der Kontrolle. Sozialarbeit war palliativ gestattet, die Ursachen sozialer Probleme durften jedoch nicht hinterfragt werden, ebensowenig die Auswirkungen der Politik auf die Gesellschaft, und noch weniger durften die Frauenorganisationen politisch aktiv werden. "Indonesische Frauen, im Unabhängigkeitskampf politisiert, von Sukarnos populistischer Politik moblisiert, wurden während der militärisch kontrollierten Neuen Ordnung domestiziert."1

Entmündigte Frauen

Die politische Entmündigung der Frauen der Neuen Ordnung ging Hand in Hand mit der rasanten Modernisierung. Sie wurden durch die Industrialisierung in neue Arbeitsbereiche gedrängt. Sie begannen zunehmend, sich als Ware zu begreifen, als Opfer der Entwicklungspolitik Indonesiens. Durch die Grüne Revolution verarmen insbesondere die Frauen, sie verlieren ihre traditionellen Arbeitsplätze im Reisanbau, auf den Märkten und in Familienbetrieben, die ihnen ein eigenes Einkommen und damit relative Unabhängigkeit erlauben. Sie wandern zunehmend in die Städte und Industriegebiete, wo Frauen und besonders junge Mädchen das Gros der billigen Arbeitskräfte stellen, die fast nur für den Markt der reichen Länder produzieren, gegen eine Bezahlung, die kaum für das Existenzminimum reicht. Tausende verdingen sich als Devisenbringerinnen im Ausland, sie arbeiten in arabischen Staaten und den südostasiatischen Nachbarländern als Dienstmädchen oder in Malaysia und auf der indonesischen Industrieinsel Batam vor Singapore in Fabriken. Rechtsschutz für Arbeitsmigratinnen fehlt, den Arbeiterinnen im eigenen Land ergeht es nicht viel besser. Arbeitsschutzgesetze sind immer noch dürftig, Gewerkschaften sind erst jüngst nicht mehr verboten. Frauen betrachten sich als Figuren auf dem Schachbrett der internationalen Allianz zwischen der politischen Elite Indonesiens und den Großunternehmen. Während der Suharto-Ära genoss diese Allianz den Schutz des Militärs, das deren Interessen gegen jeden Störenfried verteidigte. Soldaten schlugen Streiks nieder und räumten jeden aus dem Weg, der oder die im Wege stand. Die junge Arbeiterführerin Marsinah, die im Mai 1993 grausam ermordet wurde, ist zu einer Heldin der zum Schweigen Verdammten geworden, die Gewerkschafterin Dita Sari ist erst im Herbst 1999 auf weltweiten Druck von Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften aus der Haft entlassen worden. Gewalt gegen die eigene Bevölkerung galt unter Suharto als sicheres Mittel, Ruhe und Ordnung zu schaffen. Gewalt hatte Methode; die immer wieder gleichen Muster und Abläufe erschienen aufmerksamen Beobachtern schon früh als Beleg, dass der Staat Gewalt planmäßig und systematisch einsetzte, um die Menschen vor Furcht erstarren zu lassen, damit sie es nicht wagten, zu protestieren und die als westlich verschrieenen Menschenrechte einzufordern. Eine starke Betonung der beherrschenden Vaterfigur (Bapak), ein Abfärben der gewalttätigen Politik in alle Lebensbereiche, traditionelle Missachtung der Frauen, Männer, die ihre Unzufriedenheit und ihre Unterlegenheit an anderen abreagieren, die unverarbeitete Konfrontation mit fremden Werten, mit der sozialen Umwälzung durch die Modernisierung mögen mit dazu beitragen, dass Indonesier heute befürchten, in einer "Kultur der Gewalt" zu versinken.

Gewalt gegen Frauen

Frauen erleben häufiger Gewaltangriffe als der Rest der Bevölkerung. Frauen erleben Gewalt in mehr Formen als Männer, durch Staat und Militär, am Arbeitplatz, in der Gesellschaft und zu Hause. Sie sind zudem mehr als diese indirekter Gewalt ausgesetzt, die ihnen ein menschenwürdiges Leben unmöglich macht. Sie werden nicht nur in der Gesetzgebung und im Arbeitsleben diskriminiert. Frauen sind schlechter ernährt und ärmer als Männer. Die Müttersterblichkeit liegt nach unicef-Angaben bei 650 pro 100.000 Geburten: Diese extrem hohe Zahl ist nach Meinung von Fachleuten das deutlichste Indiz für die Diskriminierung im Gesundheitssektor.2 Erschreckend ist auch das hohe Maß der Gewalt im privaten Bereich. Der Staat sieht die häusliche Gewalt als der Privatsphäre zugehörig an; Vergewaltigung oder Prügel in der Ehe sind keine Straftaten. Durch diese Auffassung macht sich der Staat selbst indirekt für die häusliche Gewalt verantwortlich. Die Daten, die Krisenzentren und Frauenhäuser zusammengetragen haben, lassen vermuten, dass Frauen und Mädchen zu Hause, am Arbeitsplatz und im öffentlichen Leben oft physische Gewalt angetan wird, ganz zu schweigen von den Diskriminierungen und seelischen Verletzungen. Gewalt nahm und nimmt in den so genannten Konfliktzonen Aceh, West-Papua und dem bis September 1999 annektierten Ost-Timor brutale Ausmaße an. Frauen dieser Gebiete waren fast zwangsläufig Opfer staatlicher und militärischer Gewalt: Vergewaltigungen, Folter, Elektroschocks, Mord, Zwangsprostitution wurden bewusst als Waffe eingesetzt, um die Bevölkerung als Ganzes zu terrorisieren. Viele Aussagen belegen, dass es sich bei Folter und sexueller Gewalt an Frauen nicht um einzelne Ausschreitungen der Soldaten handelt, sondern dass sie systematisch geplant waren. Die Täter konnten vor Verfolgung sicher sein. Ein erster Prozess fand kürzlich statt; das Prozedere erinnert eher an einen Scheinprozess. Gewalt gegen Frauen gehörte unter Suharto zu den Tabuthemen, konnte genau so wenig diskutiert werden wie die so genannten SARA-Themen.3 Sie wurden höchstens folkloristisch dargestellt und schöngeredet. In diese Lücke stoßen schon seit einigen Jahren Frauen-NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen). Die Frauen-NGOs sind in Indonesien mehr als Frauenhäuser, Selbst- oder Rechtshilfegruppen; ihre Arbeit stellt gleichzeitig das autoritäre, patriarchalische Staatssystem in Frage.

Frauen organisieren sich

Die ersten unabhängigen Frauenorganisationen der Neuen Ordnung entstanden Anfang der 80er Jahre aus der Unzufriedenheit mit der Marginalisierung und Diskriminierung der Frauen. 1982 wurde Yasanti, Yayasan Annisa Swasti, in Yogyakarta gegründet. Yasanti entwickelte Programme für Arbeiterinnen und Landarbeiterinnen, die zu Hause Gewalt erfahren. Zwei Jahre später wandte sich die Gruppe Kalyanamitra (Partnerin) in Jakarta ebenfalls den Arbeiterinnen zu, um dann den Arbeitsbereich auf Aufklärung und Information und die Entwicklung eines Netzwerks auszudehnen. Kalyanamitra ist heute als Krisenzentrum eine der ersten Adressen für den gewaltlosen Einsatz um die Rechte der Frauen. Diese beiden ersten Gruppen zeigen die Richtung der neuen Frauenbewegung in Indonesien: sie beschränkt sich nicht auf eine kleine Elite von städtischen Mittelschichtsfrauen und ihre feministischen Anliegen, sondern zieht Frauen an, die nicht nur Ehefrau und Mutter sind, so dass heute von einer breiten Basis der gewachsenen Zusammenarbeit zwischen Städterinnen, Akademikerinnen und Studentinnen mit den Arbeiterinnen und Landfrauen gesprochen werden kann. Vor etwa zehn Jahren wagten sich die ersten unabhängigen Frauengruppen an die Öffentlichkeit. Sie griffen Tabuprobleme auf, die in der indonesischen Gesellschaft bisher verschwiegen wurden. Eine der ersten Aktionen des Krisenzentrums Kalyanamitra war 1991 eine breit angelegte Anti-Vergewaltigungs-Kampagne. Mit den Worten "Vergewaltigung (in allen ihren Formen) ist die Manifestation der Macht des Vergewaltigers gegenüber seinem Opfer... Muss das immer wieder geschehen? Stoppt Vergewaltigungen!"4 forderte das Krisenzentrum die Rechtssprechung heraus. Ohne Erfolg - Vergewaltigung bleibt nur außerhalb der Ehe strafbar, nur unter Einwirkung von physischer Gewalt und wenn tatsächlich eine Penetration erfolgt. Außerdem müssen umfangreiche Beweise vorliegen. Viele Frauen fürchten die Schande und das Gerede der Nachbarn und scheuen den Weg zur Polizei, auch, weil sie dort weiteren Belästigungen ausgesetzt sind. Gewalt im Haus wird weiterhin als Privatangelegenheit betrachtet, denn sie passt so gar nicht in das Bild der viel beschworenen Harmonie und des hoch bewerteten Familiendenkens. Gewalt im Haus war jedoch der Angelpunkt, an dem die neuen Frauengruppen ansetzen konnten, ohne direkt politisch Kritik zu üben und in Gefahr zu geraten, als subversiv zu gelten. Kalyanamitra wurde durch die Kampagne bekannt; hierher kamen immer mehr Frauen, die Diskriminierung und Gewalt erleben. Doch Krisenzentren wie Kalyanamitra und Mitra Perempuan, beide in Jakarta, sind mehr als Frauenhäuser: sie sind die wichtigsten Foren, die Diskriminierung auf Grund des Geschlechts öffentlich anklagen und die Frauen über ihre Rechte aufklären - und übernehmen somit eine Rolle, die anderswo staatlicherseits geleistet wird. Um die geprügelten und geschändeten Arbeitsmigrantinnen im Ausland kümmert sich seit Jahren die Frauensolidarität Solidaritas Perempuan. Die Aktivistinnen sind meist gebildete Frauen und Studentinnen. Sie erklären sich solidarisch mit den ungebildeten Mädchen vom Land, die ins Ausland exportiert werden, um für den Staat Devisen zu erwirtschaften. Hier werden Menschen wie Waren behandelt; für sie gelten die Menschenrechte nicht. Nur wenige der Fälle von jungen Indonesierinnen, die schwanger, misshandelt oder als Leiche heimkehren, erregen die Aufmerksamkeit der Presse. Meist handelt es sich um Selbstmord, der in der Regel als Haushaltsunfall kaschiert wird. Für die Arbeitsmigrantinnen gibt es keinerlei Schutz. Nur Solidaritas Perempuan kümmert sich um sie und stellt gleichzeitig den auf Profit und Export orientierten Wirtschaftskurs des Staates in Frage.

Frauen im Recht

In dem autoritär regierten Indonesien der Suhartozeit hatte der einzelne Bürger kaum Möglichkeit, Recht zu erhalten. Noch rechtloser sind bis heute die Bürgerinnen, denn sie sind vor dem Gesetz keine voll gleichberechtigten, eigenständigen Personen. Die Rechtssituation ist noch sehr verworren und unstimmig. Zwar sieht das Grundgesetz die Gleichberechtigung von Frau und Mann vor, eine Errungenschaft, die häufig mit der fehlenden Verankerung der Gleichberechtigung in anderen Rechtsbereichen kollidiert. Z.B. stufen das Ehegesetz, die Arbeitsgesetze und das Staatsangehörigkeitsgesetz Frauen als nicht gleichberechtigt ein. Auch bei den nicht-staatlichen Rechtshilfeorganisationen finden Frauen selten Verständnis, erst recht nicht, wenn sie Gewalt im eigenen Haus ausgesetzt sind. Aus dieser Notlage heraus gründete Nursyabani Katjansungkana, damals selbst Rechtsanwältin der Rechtshilfeorganisation LBH, 1995 die Assoziation Indonesischer Frauen für Gerechtigkeit, APIK. Bei APIK finden Frauen kostenlose Rechtsberatung, aber auch eine Verteidigerin vor Gericht. Die Juristinnen von APIK versuchen, eine Änderung des Ehegesetzes zu erreichen oder Einfluss auf das Frauenministerium zu nehmen.5 Besonders seit der Frauenkonferenz 1995 in Beijing, an der APIK-Frauen teilnahmen, rückt auch in Indonesien das Gender-Problem in den Blickpunkt der Entwicklungspolitik. Aus dieser ersten Rechtsorganisation sind eine Reihe anderer Frauenrechtsorganisationen entstanden, die mit zu den Aktivsten im Prozess der Demokratisierung zählen, etwa die Koalition Indonesischer Frauen für Gerechtigkeit und Demokratie, die am Tag vor Suhartos erzwungenem Rücktritt gebildet wurde.

Frauen und Mütter

Seit Ende 1997 stürzte die Wirtschaftskrise viele Indonesier und Indonesierinnen in tiefe Armut. Als Millionen von Müttern kaum noch die wichtigsten Grundnahrungsmittel kaufen konnten, geschweige denn die teure Milch für ihre Babies und Kleinkinder, gründeten Frauen in Jakarta die Gruppe Suara Ibu Peduli, die Stimme der besorgten Mütter. Die Gruppe kaufte mit Spendengeldern Milchpulver für die Frauen in den Slums, sie demonstrierte noch zur Suhartozeit gegen die Verteuerung und die Politik des Weltwährungsfonds. Sie begründeten ihre Aktivitäten mit ihrer Verantwortung als Mütter. Personell eng mit Suara Ibu Peduli verbunden ist das Frauenjournal Jurnal Perempuan, eine anspruchsvolle feministische Zeitschrift, die Anfang 1997 zum ersten Mal erschien. Jurnal Perempuan vermischt politische Analysen mit Literarischem und Kulturellem auf hohem Niveau. Zentrales Thema ist immer wieder Gewalt gegen Frauen. Trotz der kleinen Auflage hat die Zeitschrift einen großen Wirkungskreis; in ihr finden führende demokratische Feministinnen ein Forum. Die Zeitschrift beweist, dass Indonesiens Frauenbewegung sich längst von westlichen Vorbildern emanzipiert hat und dabei ihren eigenen, entschieden demokratischen Weg geht.

Klimax der Gewalt

Die Unruhen im Mai 1998 in Jakarta, die Suhartos Rücktritt vorausgingen, waren die Klimax der Gewalt gegen Frauen. Mitten in der Weltstadt vergewaltigten Provokateure Hunderte von meist chinesisch-stämmigen Mädchen und Frauen. Die Unruhen und Vergewaltigungen erscheinen wie ein letztes Aufbäumen der menschenverachtenden Politik der Suhartozeit. Die Gewalt überstieg jedes Maß, so dass die UN-Beauftragte Dr. Radhika Coomaraswamy nach Indonesien entsandt wurde. Die indonesischen Frauen- und Menschenrechtsgruppen verstanden die Massenvergewaltigungen als Angriff auf die Würde aller Frauen und solidarisierten sich in ergreifender Weise gegen Gewalt gegenüber Frauen und die Verletzung ihrer Menschenrechte. Besonders intensiv kümmerten sich das Tim Relawan und die Frauenhäuser Mitra Perempuan und Kalyanamitra um die Opfer und in gleicher Weise um die Aufklärungsarbeit. Die Gruppen wurden bedroht, die Opfer konnten nur äußerst vorsichtig und teilweise nur im Geheimen betreut werden, eine Aufklärung der Taten wurde immer wieder verhindert. Zwar wurde schließlich die Sondereinheit Kopassus für die Unruhen im Mai verantwortlich gemacht, doch aufgeklärt sind die Taten bis heute nicht. Ein offizielles Team untersuchte die Gewalttaten an Frauen, aber auch seine vorsichtig formulierte Bestätigung wurde von den Militärs vehement geleugnet, obwohl genug Beweise und Aussagen vorlagen, dass die Vergewaltigungen geplant und systematisch als Waffe eingesetzt wurden. Nach dem erzwungenen Rücktritt Suhartos schossen im ganzen Land viele hotlines und Krisenzentren aus dem Boden, die die Opfer staatlicher Gewalt und die Opfer der Entwicklungspolitik der Suhartozeit betreuen, eine Aufgabe, die noch Jahre erfordern wird. Das Schweigegebot war gebrochen; jetzt erst erfuhr die Bevölkerung, wie groß das Ausmaß der Gewalt im ganzen Land gewesen ist.

Frauen im Krieg

Frauen aus den Krisengebieten Ost-Timor, West-Papua und Aceh gaben Zeugnis von perversen Gewalttaten an unzähligen Opfern. Frauen in Ost-Timor waren schutzlos den schlimmsten Grausamkeiten ausgeliefert, sogar Babies wurden nach der Geburt umgebracht. Gewalt gegen Frauen in den so genannten Außeninseln trägt stark rassistische Züge. Traumaarbeit mit gefolterten und geschändeten Frauen in Aceh und West-Papua ist äußerst schwierig. Hier ist das Militär allgegenwärtig, die Täter sind Soldaten. Die Frauengruppen können bis heute nur selten direkt vorgehen. Zum einen können sie selbst ins Schussfeld gelangen, zum anderen lebt die traumatisierte Bevölkerung in keinem dieser Gebiete in Sicherheit, sondern unter Kriegsbedingungen. Die Gruppe Flower Aceh in Nord-Sumatra versucht daher mit Projekten gegen Frauenarmut, die Gewaltopfer materiell und seelisch aufzurichten und ihr Vetrauen zu gewinnen. Flower Aceh existiert seit elf Jahren, als die Provinz Aceh zur Sicherung der riesigen Gasvorkommen und der Großindustrie militärisches Operationsgebiet (DOM) wurde. Im Zuge der Vernichtung der 'sicherheitsstörenden Kräfte' wurden seither fast 40.000 Frauen zu Witwen gemacht oder allein gelassen, weil ihre Männer Opfer von Verschwindenlassen wurden oder fliehen mussten. Vergewaltigung und Folter waren die üblichen Methoden, mit denen die Soldaten den Frauen Geständnisse erpressen wollten. Traumaarbeit steckt erst in den Anfängen. Heute kommt die Arbeit in den Flüchtlingslagern dazu, denn Ruhe herrscht noch lange nicht in Aceh. Der Ruf nach einem Referendum hat wieder Militär in die Provinz gebracht. Auf der anderen Seite mehren sich die Stimmen der strengen Muslime, die Frauen an Haus und Schleier binden wollen. Flower Aceh gehört zu den Gruppen in Aceh, die den Demokratisierungsprozess mittragen. Ihre Ziele sind neben der Entwicklung der Zivilgesellschaft vor allem die Verankerung von Frauenrechten als Menschenrechte und die Gleichstellung von Frauen und Männern im öffentlichen und privaten Leben. Das versucht Flower Aceh durch Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit.

Frauen im Dialog

Die Mai-Unruhen 1998 haben viel ausgelöst: plötzlich war das öffentliche Schweigen gebrochen, die Diskussion um die Diskriminierungen von Frauen weitete sich auf viele Bereiche, die gesetzliche Stellung der Frau, Aspekte der Gesundheits- und Familienpolitik, gesellschaftliche und traditionelle Gewalt und Diskriminierung, und nicht zuletzt die negativen Veränderungen, die die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung für die Frauen bedeuten. Gruppen wie Solidaritas Perempuan, APIK und Kalyanamitra sind die Träger politischer Diskussionen bis in die Regierungs- und Parteiebene hinein. Sie sind es, die die vielen neuen Parteien und die neue Regierung drängen, gender-orientierte Sichtweisen und die Anliegen der Frauen in ihre Programme einfließen zu lassen, ein notwendiger Schritt, denn noch hat fast keine der Parteien überhaupt ein Programm. Partei- und Regierungspolitik muss sich nach Ansicht der kritischen Aktivistinnen an demokratische, nicht-patriarchalische Prinzipien halten und darf sich nicht gegen die Bevölkerung richten. Sie fordern eine Partizipation der Bürger und speziell der Bürgerinnen. Aus dem Hunger nach Meinungsfreiheit und nach Einhaltung der Menschenrechte sind viele neue Frauengruppen entstanden, der erste allgemeine Frauenkongress, initiiert von der Koalition Indonesischer Frauen für Demokratie und Gerechtigkeit, fand im Dezember 1998 in Yogyakarta statt. Der Kongress spiegelte die Vielfalt der Frauenbewegung wider und war "ein Triumph der Vielfalt Indonesiens über 33 Jahre staatlich kontrollierter Uniformität"6 Die offizielle Nationale Kommission gegen Gewalt gegenüber Frauen wurde gegründet und vom damaligen Präsidenten Habibie abgesegnet, ein Erfolg der engagierten und mutigen Arbeit der Frauenorganisationen. Ziel dieser Kommission unter Frau Prof. Sadli ist es zu erkennen, dass die von Staatsorganen verübte oder zugelassene Gewalt gegenüber Frauen ein integraler Bestandteil des autokratischen patriarchalischen Systems ist. Unter der heutigen Regierung hat die Anti-Gewalt-Kampagne der Frauen eine Chance, nicht zuletzt Dank der engagierten First Lady Indonesiens, Ibu Nur Wahid.

Frauen für Demokratie

Am Thema "Gewalt gegen Frauen" entwickelt und entzündet sich die kritische Analyse von staatlicher Gewalt als Mittel zur Kontrolle der Zivilgesellschaft. Der Demokratisierungsprozess wird im ganzen Land immer wieder durch angezettelte Unruhen gestört. Sie fanden ihren bisherigen Höhepunkt in der fast völligen Zerstörung Ost-Timors, in den Gräueltaten auf Ambon, in Aceh und West-Papua. Der Machtkampf ist noch in vollem Gange und fordert immer weitere Opfer. "Gewalt gegen Frauen richtet sich direkt gegen den Demokratisierungsprozess." folgert die Frauenrechtlerin Julia Suryakusuma. Aus diesem Verständnis heraus fordern indonesische Frauengruppen ein Ende der Gewalt. Besonders auffallend ist, dass auch Männer die Gewalt an Frauen als Teil einer autoritären Macht erkennen. Veranstaltungen zu Frauenthemen werden von Frauen und Männern gut besucht. Männer arbeiten auch in Frauengruppen mit. 'Frauenthemen' sind nicht an den Rand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung gedrängt, sondern äußerst aktuell: die direkte und indirekte Gewalt gegen Frauen wird als Manifestation von Staatsgewalt gegen alle Bürger und Bürgerinnen gesehen. Noch hat die neue Regierung einen schweren Stand gegen die alten Kräfte, noch immer beherrscht Gewalt das Leben vieler Indonesier und Indonesierinnen. Die Gewalt kann nur verschwinden, wenn die Demokratisierung voranschreitet. In diesem Prozess stehen Frauenorganisationen in vorderster Linie; sie engagieren sich aktiv für Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und Demokratie.

Anmerkungen:

1 Krishna Sen: Women on the Move, in: Inside Indonesia 58, April-Juni 1999

2 Zwar hat Indonesien auf Druck des Auslands die UN-Konvention gegen jegliche Diskriminierung gegenüber Frauen 1984 unterzeichnet, doch erst 2000 ratifiziert. Entsprechende Gesetze fehlen noch.

3 SARA steht für suku, agama, ras, antar golongan bzw. Etnie, Religion, Rasse, Gruppenzugehörigkeit. SAKRA wäre genauer mit dem K für kelamin, Geschlecht bzw. gender.

4 Nach dem noch gültigen Ehegesetz von 1974 ist nur die religiös geschlossene Ehe legal, und da die indonesische Staatsideologie Pancasila nur den Islam, den Hinduismus, den Buddhismus und das Christentum anerkennt, können Konfuzianer, Angehörige von Stammesreligionen, Atheisten und Partner unterschiedlicher Religionszugehörihkeit praktisch nicht legal heiraten. Die Ehe muss nach dem religiösen Akt nur noch registriert werden, wobei für Muslime das Religionsministerium zuständig ist, für die anderen das Standesamt. Die Form der Eheschließung bestimmt den Rechtsstatus in Familienangelegenheiten, z.B. bei Scheidung und Erbe. Viele Paare heiraten zusätzlich oder ausschließlich nach dem Ritus des Adat, das im Konfliktfall mit dem Gesetz kollidieren kann.

5 Julia I. Suryakusuma: Fighting violence against women, in: The Jakarta Post, 25. November 1998

6 Krishna Sen, 1999

Marianne Klute, Dipl. Chem., Mitarbeiterin von Watch Indonesia!, lebte lange in Indonesien und hat sich dort bei NGOs engagiert.

 
 
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