»Am Umgang mit Minoritäten zeigt sich, ob die Pancasila etwas taugt«, sagte der bekannte islamische Intellektuelle Ulil Abshar-Abdallah in Berlin. Nach Jahrzehnten des Missbrauchs durch die Neue Ordnung würde heute offen darüber gestritten, die Pancasila abzuschaffen, zu islamisieren oder zu revitalisiern. Zu der sehr gut besuchten Diskussion mit Ulil und dem katholischen Pfarrer Fidelis Waton hatten die Vereinigung indonesischer Studierender (PPI e.V., Perhimpunan Pelajar Indonesia) und die katholische Studentengruppe KMKI (Keluarga Mahasiswa Katholik Indonesia) am 20. Mai 2011 im Soupanova in Berlin eingeladen.
Aktuell ist Religion das heißeste Thema in Indonesien. Häufige Attacken gegen Kirchen, Gewalt gegen islamische Minderheiten wie die Ahmadis und offene Ablehnung der Shiiten zeugen davon, dass in der indonesischen Praxis Religion die gesellschaftliche und politische Ethik nicht positiv beeinflusst. »Je mehr die Religiösität zunimmt, umso größer wird die Intoleranz«, sagte Ulil. »Ich schäme mich für die schweren Menschenrechtsverletzungen an den Ahmadis.« Das Urteil des Verfassungsgerichts, das Verbot der Ahmadiyah, stehe im Einklang mit der Verfassung, kriminalisiere religiöse Abweichler, mit der Folge, dass diesen bis zu fünf Jahren Gefängnis drohen. Nach Ulils Auffassung zeigt das Urteil, das angeblich aus Gründen der nationalen Sicherheit gefallen sei, die Inkonsistenz der Pancasila mit Menschenrechten und Demokratie. »Die Pancasila hat die Bewährungsprobe nicht bestanden«, so Ulil. »Indonesien wird pluralistischer und gleichzeitig immer intoleranter.«
Romo Fidelis Waton, Pfarrer der Katholischen Studentengemeinde in Berlin, nannte die Geburt der Pancasila einen Kompromiss, der die große Herausforderung, die Integration der Minderheiten, benennt. Doch in der Realität seien viele Gruppen nicht in die Gesellschaft integriert und sogar ausgegrenzt: Bewohner von Inseln mit nicht-islamischen Mehrheiten wie Flores, Minderheiten wie die Chinesen. Auf die zunehmenden Angriffe gegen Kirchen agiere die Regierung nicht ernsthaft, was Fidelis Waton als Zeichen der Schwäche des Staates wertet.
Die Diskussion drehte sich um die möglichen Gründe
für
die Intoleranz und die misslungene Integration der Minderheiten.
Boni Hargens
warf Präsident SBY seine Sünden vor, andere Teilnehmer
glauben
in der zunehmenden Arabisierung einen der Gründe zu sehen.
Radikalislamische
Gruppierungen wollte Ulil jedoch nicht generalisierend verurteilt
sehen,
sondern nur diejenigen, die zu Gewalt greifen. Als
Lösungsansatz pocht
er in erster Linie auf Bildung, Bildung und noch mal Bildung.
Marianne
Klute von Watch Indonesia! wies darauf hin, dass die Frage der
Gewalt gegen
Minderheiten durchaus internationale Dimensionen habe, zumal
Indonesien
innerhalb der ASEAN Vorbildfunktion beanspruchen möchte. Die
Diskutierenden
tendierten jedoch zu der Auffassung, Indonesien müsse die Pancasila-Bewährungsprobe
selbst
lösen.
»In allen Gesprächen«, betonte der Staatssekretär, »wird auf die Einhaltung der Menschenrechte gepocht.« Kritisch zurückblickend, hätte eine Politik, die auf ein »schön, dass wir darüber geredet haben« hinauslief, nichts bewirkt. Das sei weiße Salbe gewesen. Mit dem neuen Konzept werden Menschenrechte in der Entwicklungszusammenarbeit verbindlich verankert. »Wir wollen damit bewusst Druck ausüben und wir führen einen Menschenrechts-TÜV ein.« Alle Maßnahmen sollen sich systematisch an Menschenrechten orientieren und werden vorab auf ihre Wirkungen hin geprüft. Das Menschenrechtskonzept wurde gemeinhin vom Fachpublikum begrüßt, Rückfragen kamen zur Umsetzbarkeit, Kohärenz und möglichen Zielkonflikten. Die Wirksamkeit des Konzeptes muss sich an der Realität messen.
Basri empfahl darüber hinaus, endlich den maritimen Sektor stärker zu entwickeln. Indonesien sei ein Inselstaat, Transporte zwischen den Inseln seien kompliziert und teuer. Statt in ein verbessertes Straßennetz müsse vielmehr in Transportkapazitäten zur See investiert werden. Es sei nicht einzusehen, warum landwirtschaftliche Produkte aus Nachbarländern für die Konsumenten deutlich billiger seien als Produkte des eigenen Landes.
Nebenbei räumte Faisal Basri mit Vorurteilen auf, die indonesische Wirtschaft sei vom Ausland dominiert. Selbst im »kommunistischen« Kambodscha sei der Anteil ausländischen Kapitals höher. Staatseigene indonesische Betriebe (BUMN) verfügten über ein im Vergleich mit Nachbarländern immenses Kapital. Sehr zu wünschen übrig ließen allerdings die Produktivität und die Erwirtschaftung von Gewinnen. Basri belegte dies mit einem Zahlenvergleich zwischen dem staatlichen malaysischen Erdölkonzern Petronas und seinem indonesischen Pendant Pertamina. Indonesien exportiere in großem Umfang Rohprodukte, bspw. Bauxit, während es die daraus hergestellten oder veredelten teuren Endprodukte, z.B. Aluminium, aus dem Ausland beziehen müsse.
Im Anschluss gab Ivan Al Hadar, Consultant und ebenfalls NGO-Aktivist, einen Überblick über die Millenium Development Goals (MDGs) und die damit verbundenen Herausforderungen für Indonesien. Al Hadar stellte ein Paket von Empfehlungen an die indonesische Regierung vor.
Eingeladen zu dieser Veranstaltung hatte die Vereinigung indonesischer Studierender (PPI e.V.) mit freundlicher Unterstützung der Botschaft der Republik Indonesien. Vorträge und Diskussion wurden moderiert von Pipit Kartawidjaja (Watch Indonesia!).
Die sehr gut besuchte Stadtführung und Ausstellung fand am 02. Juli 2011 im Panda Theater der Kulturbrauerei statt. Beim 1. Jakarta Berlin Arts Festivals vom 25. Juni bis 03. Juli 2011 präsentierten Dutzende von indonesischen Künstlern Theater, Musik und Poesie. Interessenten an Stadtführung und Ausstellung »Über-Leben in der Megacity Jakarta« wenden sich bitte an Watch Indonesia!.
Sachstand und Ziele der Entwicklungszusammenarbeit mit Indonesien erläuterte Brunhilde Vest, Leiterin des Referats Südostasien. Seit Juni ist Indonesien neben Mexiko, Brasilien, Südafrika und Indien ein sogenannter »Globaler Entwicklungspartner« von Deutschland. Gemeinsam möchte man sich den globalen Herausforderungen beim Klimawandel, der nachhaltigen Wirtschafsförderung und der Gestaltung globaler Entwicklungsagenturen stellen. Anschließend wurde die Ausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit mit den Teilnehmern des Ländergespräches, an dem für Watch Indonesia! Monika Schlicher teilnahm, diskutiert. Für die bilateralen Gespräche mit Indonesien wurde den BMZ-Vertretern u.a. mit auf dem Weg gegeben, sich für die Achtung der Religionsfreiheit einzusetzen und die Eskalation der religiös bedingten Gewalt zu verurteilen. Kritisch in den Blick zu nehmen sei der Friedensprozess in Aceh. Im Vorfeld der anstehenden Gouverneurs- und Landratswahlen ist mit einer Gewalteskalation zu rechnen, da es innerhalb der ehemaligen Unabhängigkeitsbewegung zu Spaltungen kam und ehemalige Kombattanten sich unversöhnlich gegenüber stehen.
Neben Interviews und Fachgesprächen nahm er auch an mehreren Konferenzen und Workshops teil. In den Gesprächen mit lokalen und internationalen NGOs, Regierungs- und BotschaftsvertreterInnen und UN-MitarbeiterInnen erörterte er die aktuellen politischen Entwicklungen in Aceh, Papua und Osttimor, die Situation der Menschenrechte, der Rechte von Frauen und den Umgang mit der belasteten Vergangenheit. In Aceh nahm er an der Dritten International Conference on Aceh and Indian Ocean Studies (ICAIOS) in Banda Aceh vom 25.-26.05.2011 teil. Im Fokus standen die aktuellen Entwicklungen in den Post-Konflikt und Post-Tsunami-Wiederaufbauprozessen sowie neuere Erkenntnisse der acehnesischen Geschichtsforschung. In einem vom Jakarta Foreign Correspondents Club organisierten Seminar in Jakarta legten Vertreter des indonesischen und des osttimoresischen Außenministeriums sowie der UN-Mission UNMIT ihre Ansichten zum aktuellen Stand der indonesisch-osttimoresischen Beziehungen und einem möglichen osttimoresischen ASEAN Beitritt dar. Kritischer ging es bei einem Workshop zum MIFEE-Projekt in Merauke (siehe auch Suara 3/2010) bei LIPI (Indonesisches Wissenschaftsinstitut) in Jakarta zu, wo die potentiellen sozialen und ökologischen Folgen des Projektes analysiert wurden. Thematisch ähnlich war auch der von Jasoil organisierte Workshop zu REDD+ und FPIC (Free, Prior and Informed Consent) in Manokwari, bei dem VertreterInnen lokaler NGOs die Auswirkungen dieser Prozesse mit Dorfältesten aus der Region diskutierten.
Am 27. Juli 2011 haben wir uns den Politthriller Balibo, der zum Zeitpunkt des Einmarsches Indonesiens in Osttimor 1975 spielt, angeschaut. Der Film erzählt die wahre Geschichte von der Ermordung von australischen Journalisten durch die über die Grenze von Westtimor aus vorrückenden indonesischen Truppen vor dem offiziellen Beginn der Invasion. Ein Verbrechen, das bis zum heutigen Tag keine juristische Aufklärung gefunden hat. Der Film schildert in beklemmender Weise die Situation in Osttimor kurz vor der Invasion und die Bemühungen von José Ramos-Horta, dem heutigen Präsidenten des Landes, die Macht der Medien zu nutzen. Erfolglos. Weitere Informationen: http://www.balibo.com/
An Hand von Länderbeispielen wird gezeigt, wie großflächige Monokulturen von Zuckerrohr in Brasilien und Ölpalmen in Indonesien Lebensräume in grüne Wüsten verwandeln. Die einhergehende Zerstörung von wichtigen Kohlenstoffspeichern wie Wälder, Savannen oder Moore führt den Anbau von Energiepflanzen ad absurdum. Folge des Biokraftstoffbooms ist die fortschreitende Ausbeutung von Land in ärmeren Nationen durch reiche Industrieländer. Trotz lauter werdender Warnungen treiben Regierungen und Lobbyisten den Welthandel mit Bioenergien immer weiter voran.
Deutsche Finanzinstitutionen, die Adressaten der Studie, haben
die Zerstörungen
mitzuverantworten. Am Beispiel der Sinar Mas Gruppe und von Bakrie
Sumatera
Plantations zeigt Marianne Klute von Watch Indonesia! auf, wie
diese von
Beginn an mit Gewalt und Landraub in Indonesien zu
Wirtschaftsmächten
wurden. Außerdem gibt der Beitrag einen Überblick
über
den aktuellen Stand der Ölpalmexpansion und die damit
verbundenen
ökologischen, sozialen und politischen Probleme. Auf den
Plantagen
herrscht Sklavenarbeit vor, wie Katrin Ansel von Misereor am
Beispiel Brasilien
demonstriert. Eine der Forderungen an die Banken ist daher,
Investitionen
in den Palmölsektor zurückzustellen, bis grundlegende
Rechte
in den Produzentenländern anerkannt und respektiert werden.
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