Neu im Vorstand – Interview mit Marianne Klute

BOS Deutschland, 01. April 2010

http://www.bos-deutschland.de/

Seit Mitte März ist Marianne Klute von Watch Indonesia! neues Vorstandsmitglied von BOS Deutschland e.V.

bosIm Vorstand von BOS Deutschland hat es einen personellen Wechsel gegeben. Die langjährige Schriftführerin Martina Wiesmayr hat sich aus der Vorstandsarbeit zurückgezogen, unterstützt BOS Deutschland aber weiterhin in ihrer täglichen Arbeit.

Der Vorstand hat Marianne Klute von der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Watch Indonesia! bis zur nächsten Mitgliederversammlung in seine Reihen aufgenommen.

Im folgenden lesen Sie ein ausführliches Interview.

BOS: Marianne Klute, erzählen Sie uns kurz etwas zu Ihrem Werdegang. Sie haben Chemie in Tübingen studiert, in den letzten Jahren aber sehr viel Zeit in Indonesien verbracht. Wie ist es dazu gekommen?

Marianne Klute: Ich bin mit meinem Mann, einem indonesischen Kollegen, 1984 nach Indonesien ausgewandert. 1999 sind wir aus familiären Gründen nach Deutschland zurückgekommen. Ich habe also fast 15 Jahre in Indonesien gelebt.

BOS_TeamBOS: Das heißt, Sie sprechen Indonesisch?

Marianne Klute: Ja, ich spreche und schreibe fließend Indonesisch und beherrsche auch die umweltrelevante Fachterminologie.

BOS: Wann und wie sind Sie in Indonesien auf das Schicksal der Orang-Utans aufmerksam geworden?

Marianne Klute: Auf das Schicksal der Orang-Utans bin ich bald nach meiner Ankunft in Indonesien aufmerksam geworden. Schon Mitte der 1980er Jahre haben wir in den Sommermonaten unter den verheerenden Waldbränden auf Borneo und Sumatra gelitten. Dann sind in der indonesischen Presse ausführliche Berichte über das erste Orang-Utan-Projekt auf Borneo von Frau Prof. Birute Galdikas erschienen, die mich fasziniert haben.

BOS: Und wann sind Sie dann das erste Mal auf BOS gestoßen?

Marianne Klute: BOS habe ich erst in Berlin kennengelernt, vor etwa acht Jahren, bei einem Vortrag an der Botschaft Indonesiens. Meine KollegInnen kannten BOS Deutschland schon vorher. Da sich in Deutschland nur wenige NGOs mit Indonesien beschäftigen, gab es von Anfang an Schnittstellen zwischen Watch Indonesia! als Menschenrechtsorganisation und BOS Deutschland als Tierschutzorganisation. Umweltzerstörung, besonders die Abholzung der Tropenwälder, vernichten nicht nur das Habitat der Orang-Utans, sondern auch die Existenz vieler Menschen. Und die meisten Verletzungen der Menschenrechte treten bei der Landnahme für Plantagen, im Umfeld von Holzeinschlag und Mining auf, stehen also in direkter Verbindung zur Umweltzerstörung.

Watch Indonesia! hat mehrfach mit BOS Deutschland kooperiert. Wir haben uns gemeinsam für ein Urwaldschutzgesetz eingesetzt, u.a. mit Protestaktionen vor dem Kanzleramt. Leider erfolglos; bis heute ist der Import von gestohlenem Tropenholz aus Indonesien nicht strafbar.

Intensiver wurde die Zusammenarbeit mit dem Agrokraftstoff-Boom („Bio“-Diesel-Boom). Unsere gemeinsame Presseerklärung „Kein Kahlschlag-Diesel in den Tank“ von 2006 hat als eine der ersten Warnungen vor den Folgen von „Bio“-Diesel eine große Öffentlichkeit erreicht. 2009 hat BOS Deutschland unsere Kampagne zur Befreiung eines Bauernführers aus dem Gefängnis tatkräftig unterstützt.

BOS: Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit BOS erlebt? Gibt es etwas, was Sie an der Arbeit von BOS besonders gereizt hat?

Marianne Klute: Die Zusammenarbeit mit BOS war immer sehr positiv, transparent und offen. An der Arbeit von BOS reizt mich insbesondere die Herausforderung, Naturschutz mit Menschenschutz zu verbinden. Es ist mir ein Anliegen, dass Naturschutz nicht auf Kosten der Bevölkerung geht. Und umgekehrt ist es wichtig, dass die Menschen die globale Bedeutung von Naturschutz erkennen und mit ihrem eigenen Wissen dazu beitragen können.

BOS: Was hat Sie motiviert, neben Ihrem Engagement bei Watch Indonesia! jetzt auch bei BOS Deutschland mitzuarbeiten?

Marianne Klute: Zum einen schätze ich die Arbeit von BOS Deutschland, zum anderen finde ich es wichtig, dass der neue Vorstand divers aufgestellt wird. Ich hoffe, mit meinen Spezialkenntnissen zu den Themen Umwelt, Menschenrechte und Indonesien eine Bereicherung für BOS Deutschland sein zu können. Die Rettung der Spezies Pongo wird ohne die Berücksichtigung indonesischer politischer Zusammenhänge nicht möglich sein.

BOS: Wie sehen Sie BOS Deutschland aktuell? Was halten Sie von den Vorwürfen, die in der Presse in den letzten Tagen erhoben worden sind?

Marianne Klute: Meiner Beobachtung nach hätten die Projekte der BOS Foundation auf Borneo ohne das Engagement von BOS Deutschland nicht überleben können. Da hat BOS Deutschland herausragende Arbeit geleistet. Die Vorwürfe in der Presse zielen auf zwei Problempunkte: Darf oder muss eine Naturschutzorganisation mit der Industrie, bzw. in diesem Fall mit den Palmölunternehmen, kooperieren, welche das Habitat der Orang-Utans zerstören? Ich denke, das muss prinzipiell geklärt werden, obwohl mir auch bewusst ist, dass das Leben von individuellen Orang-Utans gefährdet ist, sobald sie sich auf eine Plantage verirren und die BOS-Projekte eventuell auf den guten Willen der Plantagenbetreiber angewiesen sind.

Der zweite Vorwurf, dass Spenden nicht in die Projekte gelangt seien, scheint mir nach Prüfung der Finanzunterlagen nicht haltbar. Zu einem professionellen Transfer gehören verifizierbare Planungen und Abrechnungen des Projektdurchführenden, und solange diese nicht vorliegen, darf meiner Meinung nach keine Spende ungeprüft einfach so überwiesen werden. Soweit ich das beurteilen kann, hat BOS Deutschland bei der Vergabe der Spenden richtig und professionell gehandelt.

BOS: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für BOS beim Schutz der Orang-Utans?

Marianne Klute: Ohne Wald können die Orang-Utans nicht überleben. Daher muss die Entwaldung gestoppt werden. Da Palmöl, Tropenholz und Papier auf dem internationalen Markt stark nachgefragt werden, ist der Schutz der Orang-Utans ein Wettlauf gegen Wirtschaftsinteressen und Konsum. Als größte Herausforderung sehe ich eine Veränderung der indonesischen Wirtschaftspolitik, weg von der reinen Ausbeutung der Ressourcen hin zu einer produzierenden Wirtschaft, mit Chancen auch für Mittelstand und Kleinbauern. Im Endeffekt heißt das auch für uns Verbraucher ein Umdenken.

BOS: Wie stehen Sie zu Kooperationen von NGOs mit Unternehmen, um vor Ort Schutzgebiete zu realisieren und zu erhalten?

Marianne Klute: Kleine isolierte Schutzgebiete inmitten großflächiger Monokulturen sind aus ökologischer Sicht für den Schutz der Orang-Utans wenig sinnvoll. Sie können das Überleben der Spezies nicht garantieren. Ich bin mir bewusst, dass die Tendenz in diese Richtung geht, Inseln der Biodiversität zu schaffen, aber ich bezweifele ihren Erfolg.

Auf der anderen Seite wird es diese Inseln ohne den Druck von NGOs nicht geben. Dann ist es wichtig, dass Fachleute und die lokale Bevölkerung die zu schützenden Gebiete identifizieren. Es darf nicht sein, dass, wie bereits mehrfach geschehen, die degradierten und unfruchtbaren Böden den Naturschützern überlassen werden und auf den besseren Böden Ölpalmen stehen. Ein Dialog oder eine Kooperation mit NGOs sollte von Unternehmen nicht für Greenwashing missbraucht werden.

BOS: Worauf sollte BOS Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren besonders achten? In welche Richtung denken Sie, wird sich die Arbeit in den nächsten Jahren entwickeln?

Marianne Klute: Im Interesse der Orang-Utans müsste BOS sein Terrain ausweiten. Dies wird nur möglich sein, wenn BOS Alternativen anbieten kann, nicht nur einkommensfördernde Alternativen für die lokale Bevölkerung, die ja ihren Wald verliert, sondern auch für den Staat wirtschaftlich interessante Alternativen. BOS hat in den kommenden Jahren einen schwierigen Balanceakt zu bewältigen, zwischen dem aktiven Schutz der Orang-Utans und den Kräften, die für die Zerstörung ihres Habitats verantwortlich sind.

BOS: Vielen Dank für das Interview. Wir freuen uns sehr, dass Sie nun im Vorstand von BOS Deutschland mitarbeiten. <>

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