Run auf Bio-Diesel tötet Orang-Utans

Financial Times Deutschland, 12. März, 2007

von Willi Germund (Samoja)

ftd-logoEs ist die Kehrseite des Kampfes gegen den Klimawandel: Die hohe Nachfrage nach Ölpalmen, die zur Gewinnung von Bio-Kraftstoffen dienen, führt in Indonesien zur systematischen Abschlachtung der Orang-Utans.

Anhänglich klammert sich Merin, ein junges Orang-Utan-Weibchen aus Borneo, an die Brust und greift nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist. Drei andere junge Artgenossen toben nebenan ausgelassen über den Urwaldboden und durch die Bäume. Wenn sie zu weit weg sind und die Betreuer nicht mehr sehen können, rufen sie mit leisem Piepen. Die 25-jährige Agnes Ferisa schreibt sorgfältig auf, was die Orang-Utans treiben. „Wir beobachten, wie weit sie sich wieder an das Leben im Wald gewöhnen“, sagt die indonesische Studentin.

Die Idylle in dem wiederaufgeforsteten, 2000 Hektar großen Samoja-Urwald in der Nähe der Stadt Balikpapan täuscht. „Wir haben gegenwärtig 800 Orang-Utans in unseren 18 Tierrettungszentren“, sagt Willie Smits, der holländische Gründer der Schutzorganisation „Borneo Orangutan Survival Foundation (BOS), „mehr als je zuvor in unserer Geschichte.“ Kaum hat er den Satz ausgesprochen, piepst sein Mobiltelefon mit einer alarmierenden Textnachricht. Die Leiterin des Zentrums Myaru Menteng in „Zentral Kalimantan“ bittet um dringende Hilfe.

Während der beiden vergangenen Wochen haben die Mitarbeiter dort 18 Orang-Utans eingesammelt. Die meisten wurden mit Machetenhieben verstümmelt, einige von Luftgewehrkugeln im Auge oder im Gesicht getroffen. Seit Tagen operieren Veterinäre die verletzten Tiere. Willi Smits stöhnt verzweifelt. „Die Firmen, die Ölpalmenplantagen betreiben, bezahlen die lokale Bevölkerung, damit sie Jagd auf die Orang-Utans machen“, sagt er.

Seit knapp 30 Jahren lebt der 50-jährige gebürtige Holländer, der dank seiner Tierschutzbemühungen in der Heimat geadelt wurde, in Indonesien. „Aber so schlimm wie gegenwärtig war es noch nie“, sagt Smits. Die UN-Umweltorganisation UNEP veröffentlichte gerade einen Alarmruf. „Notstand für die Orang-Utans“, lautet der Titel der Studie. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Zerstörung des Urwalds in Indonesien 30 Prozent schneller voranschreitet, als vor vier Jahren noch geschätzt – und dass die Orang-Utans, von denen es in Kalimantan etwa 50.000 und in Sumatra rund 6.000 geben soll, in dem gleichen Tempo aussterben.

Der „Waldmensch“- wie Orang-Utan übersetzt heißt – wird brutal abgeschlachtet, weil er in Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos, just in den Regionen in Höhen bis zu 500 Meter lebt, in denen der Run auf das „Grüne Gold“ eingesetzt hat. So nennt eine Studie von „Watch Indonesia“ die Ölpalmen. Seit 1999 wuchsen die Plantagen von drei Millionen auf 6,4 Millionen Hektar. Bis 2025 strebt Jakarta eine Anbaufläche von 26 Millionen Hektar an.

Riesige Nachfrage

Allein die weltweite Nachfrage nach Speiseöl dürfte laut Einschätzungen der Regierung von Indonesien in diesem Jahr von 32,5 Millionen auf 39 Millionen Tonnen klettern. Weil vor allem in Europa und den USA die Nachfrage nach Bio-Diesel steigt, rechnen Indonesiens Experten mit einem weltweiten Absatzplus von zwei Millionen auf 15 bis 16 Millionen Tonnen. Kalimantan wird neben Sumatra zum indonesischen Zentrum des Ölpalmenbaus, weil in den Regionen billig Land zu haben ist. Das PT Smart Konsortium, das eng mit chinesischen Firmen kooperiert, will laut „Watch Indonesia“ alleine eine Million Hektar Urwald entlang der Grenze zu Malaysia in Ölpalmplantagen verwandeln.

Die Orang-Utans, die rund 5.000 Bäume mit fressbarem Blätterwerk ihres Lebensraums im Kopf speichern, werden bei der Abholzung zusammen mit anderen Tieren systematisch in kleinen, verbleibenden Waldstücken zusammengetrieben. Dann beginnt die Treibjagd mit Macheten, Luftgewehren und Feuer. Affen, die entkommen, irren ziellos über baumlose Plantagen. Ausgezehrt und hungrig fressen sie die frischgepflanzten Ölpalmen. „Die Affen werden als Plage betrachtet“, sagt Smits.

Im „Eco Lodge“, dem auch für Touristen offenen Gästehaus im Samoja-Wald, holt Willie Smits Satellitenaufnahmen auf den Bildschirm seines Computers. Sie vergleichen geplante und bestehende Ölpalmenplantagen mit der Bodenbeschaffenheit. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der riesigen Anlagen liegt in Gegenden, die nicht für den Anbau des „Grünen Golds“ geeignet sind. Willie Smits: „Es ist offensichtlich, dass die Plantagen in diesen Fällen nur als Vorwand dienen, um den Urwald abzuholzen. Die Plantagenbesitzer besorgen sich mit korrupten Methoden gefälschte Papiere und machen einen riesigen Profit mit dem Holz.“ Das Öl, das im Westen zur Verringerung des Kohlendioxidausstoßes mit Diesel gemischt wird, bringt den Orang-Utans den Tod – und trägt zur Klimaerwärmung bei, weil ganze Wälder verschwinden.

Gefährlicher Job für Tierschützer

Smits wird nicht müde, den Vorwurf auch in der Öffentlichkeit zu erheben – und kann sich deshalb seines Lebens nicht mehr sicher sein. Erst vor vier Wochen schlug plötzlich eine Kugel 30 Zentimeter von seinem Kopf entfernt ein, als er abends auf einer Terrasse in der Hauptstadt Jakarta saß. „Es war nicht der erste Mordversuch“, sagt Smits, ein gelernter Mikrobiologe, „die Morddrohungen zähle ich schon gar nicht mehr.”

Denn der 50-jährige Tierschützer legte sich nicht nur mit mächtigen Unternehmern an. Indonesiens Tierhandelsmafia, die engste Verbindungen zum Sicherheitsapparat des Landes unterhält, hasst den Mann, dessen Organisation insgesamt 18 Tierrettungsstationen betreibt. Neben den Orang-Utans sind dort 50.000 Tiere untergebracht. Nach einem Gesundheitscheck sollen sie wieder in Freiheit entlassen werden.

„Wir haben aber oft nicht mal Geld, um sie in die Region zurückzubringen, aus denen sie stammen“, klagt Smits. Denn seiner Organisation geht das Geld aus. Rund 1000 Euro kostet es, um einen Orang-Utan ein Jahr lang zu pflegen. Doch die Mittel reichen gerade, um die 18 Zentren bis Ende Mai zu aufrecht zu erhalten. „Klar, wir machen an den Symptomen des Problems rum“, sagt Smits, ein hochgewachsener Mann mit dichtem schwarzen Haar, „aber außer uns tut es niemand.“ Bald, so scheint es, wird auch diese letzte Barriere gegen Plantagenbesitzer und Ausrottung verschwinden. Smits, der gerade seinen fünfzigsten Geburtstag feierte: „Ich habe plötzlich das Gefühl, dass alles um mich herum zusammenbricht.“ <>

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