Presseerklaerung

Nachruf: Wir trauern um Pramoedya Ananta Toer

01. Mai 2006

6. Februar 1925 – 30. April 2006

Wir trauern um Pramoedya Ananta Toer. Der große Dichter Indonesiens ist gestern, am 30. April 2006, morgens um 9.15 Uhr, in seinem Haus in Utan Kayu in Jakarta verstorben. Bung Pram ist als freier Mensch von uns gegangen; seine besten Jahre wurden ihm jedoch, so sagte er oft, in der Gefangenschaft geraubt. Von den Holländern wurde Pramoedya wegen seines antikolonialen Denkens eingesperrt, von Sukarno wegen seines Buches „Hoakiau di Indonesia“ verhaftet, von Suharto 1965 wegen seiner Nähe zur kommunistischen Partei ohne Prozess vier Jahre ins Gefängnis gesteckt und schließlich zehn Jahre auf die Gulag-Insel Buru verbannt.

Pramoedya Ananta Toer

Foto: Marianne Klute

Die Erfahrungen seiner langen Unfreiheit haben viele seiner Bücher geprägt und den Menschen Pramoedya bis zuletzt gezeichnet. Doch trotz der Bitterkeit über erlittenes Unrecht vertrat er bis zu seinem Ende klar und deutlich seine politischen und ethischen Prinzipien. Bung Pram, weltweit als der bedeutendste zeitgenössische Autor Indonesiens angesehen und vielfach geehrt, hatte nicht mehr die Ehre, Träger des Literatur-Nobelpreises, für den er mehrfach nominiert worden ist, zu werden. Berühmt wurde er vor allem für seine Buru-Tetralogie (Garten der Menschheit, Kind aller Völker, Spur der Schritte und Glashaus), die während seiner zehnjährigen Verbannung auf der berüchtigten Gefangeneninsel Buru entstanden ist. Zahlreiche seiner Bücher sind in Dutzende Sprachen übersetzt worden. Seine historischen Romane und Werke eröffnen einen veränderten Blick auf die indonesische Geschichte und auf Wurzeln von Gewalt und Unterdrückung, von der hinduistischen Zeit über die Jahrhunderte holländischer Herrschaft bis hin in die Zeit der Bildung des unabhängigen indonesischen Nationalstaats. In den Jahren nach seiner Freilassung in den Hausarrest in Jakarta (1979) konnte er, so betonte Bung Pram immer wieder, nicht mehr kreativ schreiben. Doch immer wieder erschienen vorher unveröffentlichte Bücher, die, meist heimlich auf Buru entstanden, nach langen Jahren wieder auftauchten. So erschütterte er die Leser mit „Stilles Lied eines Stummen“ (Nyanyi Sunyi Seorang Bisu), in dem er als zum Schweigen Verdammter seine Stimme erhebt und die Wirklichkeit des Suharto-Regimes, wie sie sich in der Verbannung wiederspiegelte, dokumentiert. Sein zuletzt im Herbst 2005 erschienenes, Jahre vorher verfasstes, Buch „Jalan Raya Daendels – Jalan Raya Pos“ zeigt am Verlauf der wichtigsten Straße durch Java die Ähnlichkeiten zwischen dem Leiden der Menschen zur Kolonialzeit und der Gegenwart auf. Trotz seiner gebrochenen Kreativität war Pramoedya Ananta Toer bis zuletzt aktiv. Er trug Dokumente und Manuskripte zu einer Enzyklopädie der indonesischen Geographie, Gesellschaft und Wirtschaft zusammen, denn „die offiziellen indonesischen Landkarten und Daten sind zu 25% falsch“ . Für dieses Mammutwerk, das sich zu einem fünf Meter hohen Berg stapelt, muss ein Verleger noch gefunden werden. Das Schweigen brechen wollte er, nicht nur als Autor, auch als Mitbegründer der Stiftung zur Untersuchung der Massenmorde von 1965/66, Yayasan Penelitian Korban Pembunuhan (YPKP). Die Stiftung sammelt Daten und Informationen zu den Opfern der Massaker, mit denen die Suharto-Herrschaft begann. Pramoedya Ananta Toer ist 81 Jahre alt geworden. Am 6. Februar 2006 feierte er mit Hunderten von jungen Leuten seinen Geburtstag im Kulturzentrum Taman Ismail Marzuki in Jakarta. Watch Indonesia! hatte die Ehre, zu diesem Fest eingeladen worden zu sein. Bung Pram wirkte schmal und zerbrechlich, gezeichnet von Alter, Krankheit und Leid. Nichtsdestoweniger genoss er offensichtlich die Gemeinschaft mit der jungen Generation. In sie setzte er seine Hoffnungen auf ein besseres, demokratisches Indonesien, frei von Korruption und Gewalt. Bung Pram lebt für uns weiter, in seinen Romanen, Geschichten, historischen Werken und politischen Aussagen. Und natürlich auch in der Erinnerung an Begegnungen und Gespräche mit ihm, an Besuche in seinem kleinen Haus in Utan Kayu während des Suharto-Regimes, als er unter Hausarrest stand und allein der Besitz seiner Werke mit harten Strafen bedroht wurde, an seine erste Auslandsreise nach dem Ende der Suharto-Zeit und seine Lesungen in deutschen Städten und besonders an die lebhaften Diskussionen mit jungen Leuten in aller Welt, den Trägern seiner Hoffnung.

Marianne Klute, Watch Indonesia!

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