"In the Spotlight"

Repräsentatives Abbild

27. Juni 2003

http://www.watchindonesia.org/wp-admin/media-upload.php?post_id=4390&type=image&flash=0Ein recht genaues Abbild der öffentlichen Diskussion in Indonesien gab gestern die deutsche Presse. Eine dpa-Meldung, die heute in vielen Tageszeitungen zu lesen sein wird, befasst sich auf ganzen elf Zeilen mit der wahrscheinlichen Verlängerung der Militäroffensive in Aceh. Über die Lage in der Kriegsregion erfahren wir nichts. Inhalt der Meldung ist lediglich eine Äußerung der Präsidentin, die sich übrigens zurzeit auf einer Auslandsreise durch mehrere asiatische Staaten befindet.

In aller Ausführlichkeit widmet sich dagegen der Kölner Stadt-Anzeiger dem sexy Hüftschwung der Dangdut-Sängerin Inul. Vor einiger Zeit hatte bereits die Frankfurter Rundschau in großer Breite darüber berichtet. Ist es Zynismus, die Nachrichten über das Leiden der Bevölkerung in Aceh, über Zehntausende von Flüchtlingen, getötete Fernsehjournalisten und einen vom Militär unter Spionageverdacht festgenommenen amerikanischen Reporter zugunsten der Schmunzelstory über Inul zu unterdrücken? Einige mögen das so sehen. Tatsache ist, dass Inuls Hüftschwung die Gemüter in Indonesien seit Wochen erhitzt, während die militärische Großoffensive in Aceh ein in der Öffentlichkeit nur am Rande wahrgenommenes Thema ist. Während auch in Indonesien vor einigen Wochen Millionen von Menschen aus Protest gegen den Krieg im Irak auf die Straße gingen, erregt sich wegen des Krieges im eigenen Land kaum jemand. Damals war zu hören, man müsse Solidarität mit den islamischen Brüdern und Schwestern üben, die zu unschuldigen Opfern werden könnten. Für die islamischen Brüder und Schwestern in Aceh scheint das nicht zu gelten. Es drängt sich der Verdacht auf, dass nicht die Frage von Krieg oder Frieden, für oder gegen den Islam, sondern vielmehr die Existenz des richtigen Feindbildes ausschlaggebend für die Proteste war. Und ist nicht Inuls Hüftschwung eine Showeinlage, die eigentlich in Musikvideos amerikanischer Pop-Sternchen gehört, in Indonesien aber nichts zu suchen hat?

Vielleicht sollte Inul mal zu einem Auftritt bei der Truppenbetreuung im Kriegsgebiet nach Aceh reisen.

Alex Flor Watch Indonesia!


dpa, 26. Juni 2003
Indonesien will Offensive verlängern

Jakarta (dpa) Die indonesische Präsidentin Megawati Sukarnoputri erwägt eine Verlängerung der Militäroffensive in der Unruheprovinz Aceh. „Wir haben ursprünglich mit einer Dauer der Operation von sechs Monaten gerechnet. Wenn es nötig wird, werde ich das Parlament um eine Verlängerung bitten“, zitierte die Nachrichtenagentur Antara gestern die Staatschefin. Mit Beginn der Großoffensive gegen Rebellen der „Bewegung Freies Aceh“ am 19. Mai hatte die Regierung das Kriegsrecht über die Provinz an der Nordspitze Sumatras verhängt.

Kölner Stadt-Anzeiger.de, 26. Juni 2003
Hüften, die Indonesien durcheinander wirbeln
VON WILLI GERMUND

Doch Ex-Präsident Wahid und andere Politiker gehören zu den Bewunderern der Künstlerin.

Bangkok – Ohne die hautengen Lycra-Hosen wäre das Markenzeichen der Sängerin Inul Daratista nur halb so faszinierend. Wenn von den Bongos, den Flöten und den Tamburinen sanft das erste „Dang dang, dut dut, dang dut, dang dut“ erklingt, lässt die 24jähige Sängerin sanft ihre Hüften kreisen. Immer hitziger wird die Mischung aus arabischen, malaiischen und indischen Elementen – immer schneller wirbelt Inul Daratista über die Bühne und bewegt das Gesäß mit scheinbar rasender Geschwindigkeit. „Ngebot“ – der Bohrer – tauften die Anhänger die Schwindel erregende Nummer des kometenhaft aufsteigenden indonesischen Schlagerstars.

„Schmutziges Tanzen“, „teuflisch“ und „lustvoll“ nannte dagegen Indonesiens „Rat der islamischen Gelehrten“ die Vorführungen der 24-jährigen Inul Daratista, deren Künstlernamen zu allem Überfluss noch „Mädchen mit den Brüsten“ bedeutet. Dank ihrem „Ngebot“ tobt in Indonesien eine Kontroverse um die Frage, was auf der Bühne erlaubt sein soll und was nicht.

Indonesien erlebt seit Jahren eine islamische Wiederbelebung, die überwiegend auf den privaten Bereich beschränkt blieb. Islamische Gruppen setzten allerdings das Verbot von Alkoholverkauf während der Fastenzeit durch. Eine islamische Partei spielt im Parlament den Königsmacher. Aus dieser Ecke kommt auch Rhoma Irama, Indonesiens König des „Dangdut“, wie die vor allem bei Indonesiens Armen beliebte Musik heißt. Rhoma Irama, der außerdem noch islamischer Geistlicher ist und die mächtige Musikervereinigung „Malay Music Artist“ kontrolliert, schimpft: „Sie zerstört den sozialen Zusammenhalt und sie ermutigt illegalen Sex.“

Doch die verbalen Kanonaden ihrer Gegner können die Künstlerin mit dem verführerisch geschminkten Gesicht bislang nicht einschüchtern. „Ich tanze nicht erotisch, sondern voller Energie, gemischt mit traditionellen Elementen“, kontert die junge Sängerin, deren Stimme nicht besonders gut ist, „Indonesien ist ein demokratisches, kein islamisches Land. Es gibt viele Künstler, die viel vulgärer tanzen. Warum soll nur ich aufhören?“ Insgeheim dürfte sich Inul Daratista sogar über die Aufregung unter ihren konservativen Kritiker freuen. Die Kontroverse half der Künstlerin beim Aufstieg in den Schlagerhimmel.

Erst vor wenigen Monaten kam Ainur Rokhimah, wie Daratista richtig heißt, aus der ostjavanischen Provinz in die Hauptstadt Jakarta. Doch inzwischen wurden allein von ihren Fernsehauftritten schätzungsweise drei Millionen Video-Raubkopien verkauft. Vor einem Jahr noch trat die Künstlerin bei Hochzeitsfeiern für eine Gage von einem Euro pro Auftritt an. Nun verlangen ihre Manager dafür stolze 7000 Euro.

Der halb blinde Ex-Präsident Abdurrahman Wahid gehört ebenso zu ihren Bewunderern wie Taufiq Kiemas, Ehemann von Staatspräsidentin Megawati Sukarnoputri und die graue Eminenz Indonesiens, der oft zu ihren Auftritten kommt. Der 24-jährigen Frau aus einer Mittelklasse-Familie, die gut Englisch spricht, steht nur sogar eine politische Karriere offen. Parteien würden gerne ihre Popularität nutzen. Indonesiens Konservative stehen also offenbar auf verlorenem Posten. Der Grund, so Bre Redana, Chefredakteur der Zeitung „Sunday Edition“: „Inul bring den Dangdut, den die Leute in den Dörfern kennen. Sie werden das nie als moralisch korrupt empfinden.“ Schließlich widmet sich die Musik Problemen, die jeder kennt – zum Beispiel dem Eheleben. <>

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