Information und Analyse

Wir sind nicht indonesisch, wir sind nicht australisch, aber wer sind wir?

03. Oktober 2006

Watch-Indonesia! Interview mit Joaquim Fonseca (Russo), Yayasan HAK

Joaquim Fonseca ist langjähriger Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Yayasan HAK und ist seit 19.09.2006 Berater für Menschenrechte der Regierung unter José Ramos-Horta. Das Interview wurde geführt von Monika Schlicher am 13.09.2006 in Dili, Osttimor.

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Unruhen in Comoro, Dili, 1. Juni 2006

Foto: Maria Tschanz

Joaquim Fonseca (JF): Als Ramos-Horta die Regierung vor ein paar Wochen übernommen hatte, war er hoffnungsfroh, dass die Bevölkerung ihr eine Chance geben würde, heute scheint er desillusioniert. Die Herausforderungen für die Regierung sind sehr groß und sie wurden von Ramos-Horta unterschätzt: vor allem muss für die Menschen Sicherheit spürbar werden und Recht und Ordnung müssen wieder hergestellt werden. Große Versprechungen, die nicht einzuhalten sind, nähren nur die Frustration.

WI: Was versprechen Sie sich davon, Regierungsberater für Menschenrechte zu werden?

JF: Ich hoffe, den Blick der Regierung auf die momentane Krise um die Perspektive der Menschenrechte zu ergänzen. Wir brauchen politische Kommunikation und Transparenz. Ich möchte mich dafür einbringen, das Recht auf politische Partizipation in den Regierungsprogrammen besser zu verankern, damit die Menschen sich von diesem Prozess nicht länger ausgegrenzt fühlen.

WI: Was sind Ihrer Meinung nach die grundliegenden Probleme der politischen und gesellschaftlichen Krise, in der sich Osttimor heute befindet?

JF: Es wurde aus Fehlern nichts gelernt. Es gab keine Bemühungen der Gesellschaft dabei zu helfen, wie mit der Gewalt, die sie in der Vergangenheit erlebt hat, umzugehen. Weder gab es einen ausreichenden Prozess der Vergangenheitsaufarbeitung, noch gibt es Gerechtigkeit. Unser Justizwesen ist in einem desolaten Zustand. Das Ergebnis ist, dass viele denken, sie könnten Häuser anzünden und dann einfach davon spazieren.

Mit Ausnahmen von einigen wenigen haben alle Osttimor als Nation für gegeben genommen. Doch was sind die Grundlagen unserer Nation, was lässt jemanden aus Baucau, oder jemanden aus Ermera sich dieser Nation zugehörig fühlen? Wir sind keine homogene Gesellschaft, es gibt im Grunde genommen nicht DIE osttimoresische Kultur. Die den Kulturen in unserem Land inne wohnenden Werte wurden nicht dazu benutzt, die Nation zusammenzubinden. Es ist wichtig zu betonen, dass wir uns von Indonesien unterscheiden. Wir sind nicht indonesisch, wir sind nicht australisch, aber wer sind wir? Wir definieren uns bislang darüber, was wir nicht sind. Der nach Innen gerichtete Diskurs fehlt. Unser Präsident Xanana Gusmão betont gerne, dass es unsere portugiesische Kolonialvergangenheit ist, die uns vom Rest des Archipels unterscheidet. Das wird meiner Meinung nach unserer Kultur nicht gerecht, noch genügt es als Grundlage zum Aufbau einer Nation. Unsere Lokalsprache Tetum hat als Verkehrssprache im ganzen Land Akzeptanz gefunden, damit unterscheiden wir uns von Indonesien. Wir können Bahasa Indonesia nicht als Nationalsprache wählen. Sprache ist ein Element der Identitätsstiftung. Bahasa Indonesia war für den Aufbau der Nation in Indonesien ein Glücksgriff. Unglücklicherweise wird zu politischen Zwecken die portugiesische Sprache überbetont. Mari Alkatiri führte jüngst im Zentralkomitee der Fretilin aus, der von der Partei als identitätsstiftend 1974 eingeführte Begriff „Maubere“ für das Volk Osttimors sei ein soziales Konzept und nicht ideologisch gemeint. („Maubere“ steht für „einfache Leute“ – das Gros der Bevölkerung, vergleichbar der Einführung und Deutung des Begriffes „Marhaen“ durch Indonesiens Unabhängigkeitsführer und ersten Präsidenten Sukarno, Anm. d. Red.) Ich erwiderte, Identität ist ein Prozess und nation-building kann nicht parteispezifisch bestimmt sein.

WI: Major Alfredo Reinado ist jüngst mit einer großen Gruppe Gefolgsleute aus dem Gefängnis spaziert und entzieht sich der Gerichtsbarkeit. Ex- Innenminister Rogerio Lobato und Ex-Premierminister Mari Alkatiri stehen unter Hausarrest, doch ein Fortgang in der Anklage gegen die Minister ist nicht zu beobachten. Viele kritisieren die Ungleichbehandlung und in der Bevölkerung wächst die Sympathie für Major Reinado und seine Courage. Wie ist die Position des Generalstaatsanwaltes, woran krankt es?

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Graffiti in Suai, 2007

Foto: Monika Schlicher

JF: Generalstaatsanwalt Loguinos Monteiro ist in einer schwachen Position. Alle warten auf den Untersuchungsbericht der Kommission der Vereinten Nationen zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen im Mai und Juni diesen Jahres. Dieser Bericht, der zu Ende Oktober erwartet wird, wird Aufklärung bringen. Gehen wir davon aus, dass sie zu dem Ergebnis kommen werden, dass alle in der politischen Führung des Landes beteiligten Personen involviert waren. Eine Lösung kann es nicht sein, gegen alle Anklage zu erheben. Doch wie steht der Generalstaatsanwalt dann da, wenn selektiv nur einige Schlüsselpersonen vor Gericht gebracht werden? Ich gehe davon aus, dass es zu einer Amnestieregelung kommen wird. Alle Bemühungen bislang, die Vergangenheit aufzuarbeiten, mündeten in einem politischen Kompromiss. So wird es auch diesmal sein. Sie werden sich darauf verständigen, dass es besser sein wird, einander zu vergeben und nach vorne zu blicken.

WI: Wie wird die Bevölkerung reagieren, wenn erneut niemand zur Verantwortung gezogen wird?

JF: Ich glaube nicht, dass die Menschen spontan und in einer destruktiven Weise reagieren werden. Aber wir können sicher sein, dass die involvierten Politiker und die verschiedenen Gruppierungen keine Gelegenheit ungenutzt lassen werden, die Bevölkerung für ihre politischen Ziele und Zwecke einzuspannen und aufzustacheln. Wenn unsere politische Führung nicht die Courage aufbringen wird, Fehler einzugestehen und einzuräumen, dass man Gesetze gebrochen hat, wird die Krisensituation anhalten und sich keine Sicherheit für die Bevölkerung einstellen. Wir brauchen Politiker, die sich um das Wohlergehen unseres Landes und seiner Menschen sorgen. <>

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