Rote Flügel, Leid und falsche Hilfe

Neues Deutschland, 15. November 2005

Aktivisten aus Indonesien und Sri Lanka sehen Tsunami-Wiederaufbau kritisch

Von Jochen Reinert

Neues-DeutschlandSarath Fernando aus Sri Lanka und Dominggus Tobu aus Indonesien reisen derzeit – eingeladen vom Essener Asienhaus und der Berliner Menschenrechtsorganisation Watch Indonesia! – durch Deutschland, um elf Monate nach der Tsunami-Katastrophe über den Wiederaufbau zu informieren. Sie sparen dabei nicht mit Kritik.

Als Azhari, ein junger Dichter aus der indonesischen Provinz Aceh, nach dem 26. Dezember 2004 in sein Dorf zurückkehrte, war es von der Flutwelle vollständig verwüstet, unter den vielen Toten befanden sich Vater, Mutter und Nong, die kleine Schwester. Azharis Dichterfreund Martin Jankowski liest im Berliner Pfefferberg das einzige Gedicht, das sein ferner Kollege seit jenem Schicksalstag geschrieben hat, liest von roten Flügeln, die ein Reiher seiner Mutter lieh, um die toten Familienangehörigen zu umarmen. Azhari ließ sich von diesem schweren Verlust nicht beugen, in diesen Tagen baut er mit Preisgeldern und Spenden auf den Ruinen des Dorfes ein kulturelles Zentrum für die überlebenden jungen Leute.

Ähnliche Geschichten von Leid, Solidarität und Aufbauwillen gibt es an den zerstörten Ufern des Indik zu Tausenden. Doch nicht wenige der Hilfsmaßnahmen weisen nach Ansicht der Gäste in eine falsche Richtung. Dominggus Tobu von der Organisation Solidarität mit den Acehnesen (SEGERA) sieht beim Vollzug großangelegter Wiederaufbauprogramme in Aceh vor allem die Gefahr neuer Abhängigkeiten – sowohl für den Staat als auch für große Bevölkerungsgruppen. Bei einem nicht geringen Teil der Milliarden-Dollar-Hilfe für Aceh handele es sich um Kredite, die die riesige Auslandsschuld von 150 Milliarden Dollar vergrößern und deren Bedienung zu weiteren Abstrichen in Bildung und Gesundheitswesen führen würden, macht der junge Aktivist geltend.

Das unter dem Eindruck der Katastrophe beschleunigt ausgehandelte Aceh-Friedensabkommen bewertete Tobu positiv. Es biete Raum für mehr Demokratie und einen von Waffenlärm ungestörten Wiederaufbau. Angesichts von elf Milizen, die von den abziehenden indonesischen Militärs geschaffen wurden, blieben aber viele Unsicherheiten. Als ein Beispiel problematischer Hilfe führt Tobu die Lieferung von zehn Millionen Tonnen Saatgut von der Welternährungsorganisation FAO an. Dies helfe zwar kurzfristig, aber da man daraus kein neues Saatgut gewinnen könne, gerieten die Bauern in ungewollte Abhängigkeit. Auch der Bau oft privater Krankenhäuser und Schulen sei zweischneidig, vielfach seien die Ärmsten der Gesellschaft ausgeschlossen.

Sarath Fernando von der srilankischen Bewegung für nationales Land und Agrarreform (MONLAR) hält das gesamte Herangehen der Regierung seines Landes an den Wiederaufbau für problematisch. Die dank der internationalen Hilfe vorhandenen Ressourcen würden häufig für Infrastrukturvorhaben verwendet, die nicht an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert sind, meint der Sprecher des landesweiten, seit 15 Jahren von »Brot für die Welt« unterstützten Netzwerkes. Besonders heftig wendet er sich gegen Pläne der Regierung in Colombo, einen breiten Streifen an den Stränden für Tourismus- und sonstige Projekte freizuhalten und die Fischer, die bisher dort lebten, kilometerweit ins Hinterland zu verbannen. Die Fischer sollen in mehrstöckige Wohnblocks verfrachtet werden, was einen völligen Bruch mit ihrer bisherigen Lebensweise bedeuten würde. »Wir müssen sicherstellen, dass der Wiederaufbau nicht zu einer neuen Katastrophe für die Menschen wird«, betont MONLAR. Deshalb, so Fernando, müssten die Tsunami-Geschädigten nicht nur an den Aufbaumaßnahmen, sondern bereits an deren Planung beteiligt werden. Als Alternative zur staatlichen Wiederaufbaubehörde TAFREN, die von Geschäftsleuten mit Interessen im Tourismussektor dominiert wird, bereitet MONLAR derzeit mit Gleichgesinnten eine »Peoples Planning Commission« vor, die die Masterpläne der Behörden unter die Lupe nehmen und eigene Konzepte erarbeiten soll. »Wir brauchen eine Änderung des gesamten Herangehens«, bekräftigt der erfahrene Streiter gegen neoliberale Zugriffe auf Land und Wasser seiner Heimat.

»Die Solidarität mit den Tsunami- Opfern ist sehr willkommen«, ist sich Sarath Fernando mit dem Indonesier Tobu einig, »doch jetzt müssen die Spender auch darauf achten, dass die Hilfe an die richtige Adresse gelangt und allen Geschädigten wirklichen Nutzen bringt«. <>

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