Osttimor – Überraschende Aktion Mandelas

Neues Deutschland, 29. Juli 1997

Treffen mit inhaftiertem Freiheitskämpfer
»Watch Indonesia!« spricht von positivem Signal

Von Veiten Schäfer

Neues-DeutschlandWidersprüchliche Entwicklung im Osttimor-Konflikt: Das sensationelle Zusammentreffen Nelson Mandelas mit dem eingekerkerten Führer der Befreiungsbewegung Xanana Gusmão fällt in eine Periode verschärfter Repression.

Im Konflikt um die von Indonesien seit 22 Jahren völkerrechtswidrig besetzte ehemalige portugiesische Kolonie Osttimor ist derzeit eine widersprüchliche Entwicklung zu beobachten. Einerseits verstärkt Jakarta seit dem Angriff eines Guerillakommandos auf einen indonesischen Militärkonvoi seinen Druck auf die Unabhängigkeitskämpfer. Menschenrechtsorganisationen berichten von zahlreichen Verhaftungen, darunter auch der des Guerillaführers David Alex, der am Tag seiner Gefangennahme unter unklaren Umständen getötet wurde.

Andererseits konnte der südafrikanische Präsident Nelson Mandela wenig später – am 15. Juli, wie erst jetzt bekannt wurde – mit Billigung des indonesischen Präsidenten Suharto im Rahmen eines Staatsbesuches mit dem inhaftierten Führer der osttimorischen Befreiungsbewegung Xanana Gusmão sprechen. Das zweistündige Troffen fand im Gästehaus Suhartos und unter Teilnahme des indonesischen Sonderbotschafters für Osttimor, Lopez da Cruz, statt. Mit Rücksicht auf die zur Zeit auf’ UN-Ebene laufenden Osttimor-Verhandlungen zwischen Portugal und Indonesien äußerte sich Mandela nicht zu den Inhalten des Gespräches. Der Presse gegenüber unterstrich er lediglich die Bedeutung des friedlichen Dialoges in solchen Konflikten.

Monika Schlicher von der Menschenrechtsorganisation »Watch Indonesia!« wertet die Umstände des Zusammentreffens Mandelas mit Xanana Gusmão bei allen Vorbehalten als ein positives Signal. Die Einladung des bis heute als »Terrorist« inhaftierten Gusmão in die Präsidentenresidenz sei für alle Indonesienexperten überraschend gekommen. Auch daß es mit Mandela eine Symbolfigur der Dritten Welt ist, die offenbar im Einverständnis mit Suharto das Thema öffentlichkeitswirksam aufgreift, mache Hoffnungen auf den allmählichen Beginn eines Friedensprozesses. Die portugiesische Presse sah schon im Juni Bewegung in den Konflikt kommen: Die neunte Verhandlungsrunde zwischen Portugal und Indonesien habe Mitte Juni erstmals die Möglichkeit einer »weitreichenden Autonomie« für Osttimor in Betracht gezogen, meldete »0 Independente« am 27. Juni.

Gerade wegen dieser Fortschritte – so Monika Schlicher – könne allerdings kaum Zweifel daran bestehen, daß Jakarta auch weiterhin energisch und mit Waffengewalt gegen die Unabhängigkeitskämpfer vorgehen werde. Wenn es einen Friedensprozeß in Richtung einer Teilautonomie geben sollte, wird die indonesische Regierung streng darauf bedacht sein, diesen unter Kontrolle zu halten. Ein weiteres Anzeichen dafür, daß der lange festgefahrene Konflikt wieder in Bewegung kommt, ist auch der Arbeitsbesuch des UN-Beauftragten für politische Angelegenheiten. Tamrat Samuel im Krisengebiet. <>

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