Entscheidet sich Ost-Timor für die Separation?

junge Welt Interview, 13. August 1999

Interview mit Raimund Kern, Missio

Entscheidet sich Ost-Timor für die Separation? jW sprach mit Raimund Kern, stellvertretender Leiter der Auslandsabteilung von Missio Aachen (Das katholische Hilfswerk Missio Aachen unterstützt Ortskirchen in Afrika, Asien und Ozeanien)

jungewelt-logoF: Sie waren kürzlich auf Ost-Timor. Was waren Ihre Aufgaben?

Ich habe die beiden apostolischen Administraturen Dili und Baucau besucht. Dort hatte ich Gelegenheit, mit Bischof Carlos Belo, dem Friedensnobelpreisträger von 1996, und mit dem Bischof von Baucau, Basilio do Nascimento, zu sprechen. Missio fördert in Ost-Timor Projekte im Bereich der Ausbildung von kirchlichem Personal. Mein Anliegen war es, ein Zeichen der Solidarität zwischen der Kirche in Deutschland und der Kirche auf Ost-Timor zu setzen. Zum anderen wollte ich die Situation in dieser von der Weltöffentlichkeit vernachlässigten Region kennenlernen.

F: Im August sind die Ost-Timoresen aufgerufen, über eine begrenzte Autonomie innerhalb Indonesiens zu entscheiden. Richtet sich das Ergebnis der Volksbefragung gegen die Lösung, dann wird unter UN-Aufsicht der Weg zur Unabhängigkeit beschritten. Wie ist die Situation vor der Entscheidung?

Ich bin zwar froh, daß die indonesische Regierung den Ost- Timoresen endlich die Chance gibt, frei über ihre Zukunft zu bestimmen. Doch die am 5. Mai diesen Jahres in New York unter Vermittlung der UN zwischen der ehemaligen Kolonialmacht Portugal und Indonesien ausgehandelten Vereinbarungen wurden von Jakarta nicht umgesetzt.

Die Lage für die Bevölkerung in Ost-Timor ist furchtbar. Fast täglich werden Menschen von proindonesischen Milizen entführt oder gar ermordet. Indonesien hat sich aber verpflichtet, vor den Wahlen eine Atmosphäre ohne Gewalt und Einschüchterung zu garantieren.

F: Wer rekrutiert und bewaffnet die proindonesischen Milizen?

Diese Milizen setzen sich mehrheitlich aus Ost-Timoresen und nicht, wie manchmal angenommen, aus von der Regierung angesiedelten Javanern zusammen. Die indonesischen Sicherheitskräfte rekrutieren die Milizionäre teilweise mit Gewalt, aber auch mit Geld. Militär und Polizei arbeiten ganz offen mit ihnen zusammen. Die Milizen patrouillieren sogar auf den Straßen ungestört und schüchtern mit grausamsten Mitteln die Bevölkerung ein. Waffen und Ausrüstung stammen von der Armee beziehungsweise von der Regierung. Jakarta kommt seiner Verpflichtung, diese Kräfte zu entwaffnen, nicht nach.

F: Ist unter solchen Bedingungen überhaupt eine freie und faire Abstimmung möglich?

Die Volksbefragung mußte ja vom 8. auf den 30. August verschoben werden, weil die Voraussetzungen für eine freie Wahl nicht gegeben waren. Viele Ost-Timoresen hoffen aber darauf, daß zumindest am Tag der Befragung die Lage ruhig bleibt. Mittlerweile haben sich die Abstimmungsberechtigten registrieren lassen. Was ein besonders großes Problem bei den etwa 50.000 Binnenflüchtlingen war.

Indonesien versucht, den Ausgang der Volksbefragung noch immer gewaltsam zu beeinflussen. Beobachter sprechen von mindestens 150 Menschen, die in diesem Jahr schon getötet wurden. Die meisten davon sind Opfer proindonesischer Milizen. Die tatsächliche Zahl der von Sicherheitskräften und Milizen Ermordeten dürfte aber noch höher liegen.

F: Ist die UN-Mission in Ost-Timor, die UNAMET, angesichts dieser Situation dazu in der Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen?

Wiederholt kam es zu Angriffen proindonesischer Milizen auf die unbewaffnete UNAMET, die eine bedeutende und schwierige Aufgabe übernommen hat. Wichtig ist: Die internationale Präsenz hat zur Folge, daß die an der UN-Mission beteiligten Staaten jetzt auch aus Eigeninteresse ihr Augenmerk auf die Entwicklung in Ost-Timor richten.

Die Vereinbarungen von New York sehen neben den offiziellen UN-Beobachtern auch inoffizielle Beobachter vor. Das ist gut. Je mehr internationale Beobachter anwesend sind, desto größer ist die Chance für eine friedliche Abstimmung. In Zusammenarbeit mit Watch Indonesia haben Missio Aachen, Misereor und das Diakonische Werk die Entsendung von zehn Beobachtern nach Ost- Timor finanziert, um den Friedensprozeß zu unterstützen. Von der Regierung in Berlin dagegen ist diesbezüglich wenig getan worden. Ich habe den Eindruck, da wird auf die engen wirtschaftlichen Beziehungen zu Indonesien Rücksicht genommen. Indonesien ist ein bedeutender Absatzmarkt für die deutsche Wirtschaft.

F: Die rot-grüne Regierung präsentiert sich gern als Verteidigerin der Menschenrechte. Wo bleibt da das Engagement für den Frieden in Ost-Timor?

Viele setzen Hoffnungen in die neue deutsche Politik und hier besonders auf Außenminister Fischer. Zahlreiche Menschenrechts- und Hilfsorganisationen haben Fischer um seine Unterstützung für den Friedensprozeß in Ost-Timor gebeten. Während des deutschen EU-Vorsitzes sind tatsächlich einige Appelle an die Regierung in Jakarta verfaßt worden. Die Worte zur Lage in Ost-Timor scheinen zu stimmen, aber die Taten hinken noch hinterher.

F: Was droht, wenn der Friedensprozeß scheitert?

Es gibt drei mögliche Zukunftsszenarien. Zum einen könnte sich die Mehrheit der Ost-Timoresen frei oder unfrei für die begrenzte Autonomie, das heißt für einen Anschluß an Indonesien, entscheiden. Dann hat Jakarta das Problem Ost-Timor nach international gültigem Recht gelöst. Doch ich vermute, es würde in diesem Fall noch für lange Zeit Konflikte auf der Insel geben. Das indonesische Militär könnte dann noch härter gegen die Bevölkerung vorgehen.

Die Entscheidung für die Unabhängigkeit hingegen brächte massive wirtschaftliche Probleme mit sich. Ost-Timor ist wenig entwickelt. Allerdings haben die ehemalige Kolonialmacht Portugal und die EU insgesamt für diesen Fall ihre Unterstützung bei der Entwicklung der Region angekündigt.

Der schlimmste Fall aber tritt ein, wenn die Abstimmung wegen der massiven Gewalt nicht stattfindet. Ich wage nicht vorauszusagen, was dann geschieht. Ich hoffe, der internationale Druck bleibt dauerhaft so stark, daß eine faire Volksbefragung und damit eine dauerhafte, friedliche Lösung durchgesetzt werden kann.

Interview: Jörg Hilbert

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