Präsident Wahid zeigt sich machtlos

Neues Deutschland, 05. Januar 2000

Gewaltakte auf der ostindonesischen Inselgruppe forderten in einer Woche über 700 Opfer

von Alex Flor

Neues-DeutschlandTrotz eines massiven Militäreinsatzes gehen auf den ostindonesischen Molukken die Kämpfe zwischen Christen und Moslems weiter. Nach Armeeangaben kamen bei Unruhen auf der Insel Seram allein am Dienstag 17 Menschen ums Leben. Damit sind seit Ausbruch der Krawalle vor einer Woche über 700 Menschen getötet worden.

Die Molukken kommen nicht mehr zur Ruhe. Seit dem erstmaligen Ausbruch der Unruhen am Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan im Januar 1999 bis heute sind schätzungsweise 1.500 Menschen den Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Christen zum Opfer gefallen – über 700 allein seit dem erneuten Aufflammen des Konflikts vor einer Woche. Zehntausende verloren ihr Zuhause und suchen Zuflucht an vermeintlich sicheren Orten. Die Versorgung der Flüchtlinge mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe ist nach Angaben von Hilfsorganisationen wie “Ärzte ohne Grenzen” katastrophal. Nach offiziellen Angaben wurden bereits über 8.500 Gebäude zerstört, darunter 122 Kirchen und Moscheen.

Trotz eines im Mai geschlossenen Friedensabkommens flammten die Kämpfe immer wieder auf und breiteten sich zunächst von der Hauptstadt Ambon in die nähere Umgebung aus, bis schließlich auch benachbarte Inseln im Chaos versanken. Schauplatz der schwersten Zusammenstöße seit Weihnachten waren die Inseln Halmahera mit ca. 265 Toten und Buru mit ca. 125 Toten.

Das zahlenmäßig ausgeglichene Verhältnis zwischen Moslems und Christen auf den Molukken ist einzigartig für das mehrheitlich islamische Indonesien. Über viele Jahre hinweg dienten die Molukken der Regierung in Jakarta als Vorzeigemodell für das friedliche Miteinander der beiden Glaubensgemeinschaften. Doch der Schein trog. Einerseits waren die einheimischen Melanesier – zum überwiegenden Teil Christen – der Mehrheit der Indonesier aufgrund ihrer im Befreiungskampf gezeigten Loyalität zur Kolonialmacht Niederlande und der in den fünfziger Jahren folgenden Ausrufung einer unabhängigen Republik Südmolukken (RMS) schon immer suspekt. Zum anderen handelt es sich bei vielen der heute auf den Molukken lebenden Moslems um Zuwanderer aus anderen Regionen, die zum Teil eine dominierende Rolle in der lokalen Wirtschaft und Verwaltung eingenommen haben. Konflikte sind damit vorprogrammiert.

In einer emotional geladenen Atmosphäre werden belanglose religiöse Streitigkeiten schnell zum Auslöser für offene Gewalt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen. Die zeitliche Nähe von Weihnachten, Neujahr und Idul Fitri, dem Feiertag zum Ende des Ramadans, ist ein Zündstoff, den zur Explosion zu bringen ein kleiner Funke ausreicht. Wie viele andere Indonesier zeigte sich letztes Jahr auch der moderate Moslemführer Abdurrahman Wahid überzeugt, dass bestimmte Provokateure absichtlich diesen Funken geworfen haben. Die Spur, so glaubt er, führt nach Jakarta zu mafiaähnlichen Organisationen, die dem Umfeld des früheren Präsidenten Suharto zugerechnet werden. Als früherer Vertreter der oppositionellen Demokratiebewegung war Abdurrahman Wahid des öfteren selbst Zielscheibe gezielt geschürter Unruhen und Mordserien. Seit Oktober 1999 regiert er nun als demokratisch gewählter Präsident Indonesien, ist dabei aber auf die Duldung seiner Politik durch Gegenspieler aus dem Lager des alten Systems, des Militärs und der nationalistischen Kräfte angewiesen. Vor wenigen Wochen besuchte er zusammen mit Vizepräsidentin Megawati Soekarnoputri die Molukken, um eine Beilegung des Konfliktes zu fördern. Ist es Zufall, dass sich die Unruhen just nach diesem Besuch dramatisch verschärften?

Die Eskalation der Gewalt führt die Machtlosigkeit des neuen Präsidenten vor Augen. Noch weigert sich Abdurrahman Wahid, den Ausnahmezustand über die Molukken zu verhängen, der den Militärs freie Hand gäbe. Frühere Entsendungen zusätzlicher Truppen erwiesen sich als untaugliches Mittel, der Unruhen Herr zu werden. Die Konfliktparteien beschuldigten das Militär wechselseitig der Parteinahme. Wahllos in die Menge gefeuerte Schüsse führten nur zu zusätzlichen Opfern unter der Bevölkerung. Das Militär – inzwischen sind nahezu 10.000 indonesische Soldaten auf den Molukken stationiert – zeigt kaum Interesse an einer friedlichen Lösung. Bewohner berichten, dass sich Soldaten ein Zubrot verdienen, indem sie Gewehre verkaufen und sich Einsätze als Begleitschutz teuer bezahlen lassen.

Waren die Auseinandersetzungen noch vor einem Jahr hauptsächlich mit traditionellen Waffen wie Macheten und Speeren geführt worden, so überwiegen inzwischen Schusswaffen und Sprengsätze. Die christlichen Kirchen appellierten daher kürzlich nach einem Ersatz der indonesischen Militärs durch internationale Friedenstruppen. Die Moslems dagegen befürworten eine strikte Trennung christlicher und moslemischer Wohngebiete.

General Wiranto, Minister für Sicherheitsfragen und bis vor kurzem Oberbefehlshaber des Militärs, erteilte dem Einsatz von Blauhelmen eine Absage und sprach sich für diese zweite Option aus. Das mag objektiv betrachtet sogar als die realistischere Alternative erscheinen, wird aber dem Vorwurf der einseitigen Parteinahme durch das Militär weiteren Auftrieb geben. <>

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