«Katastrophal» – Deutscher Beobachter zur dramatischen Lage auf Ost-Timor

KNA, 07. September 1999

kna BISTUMSPRESSE/Indonesien/Ost-Timor/Wortlaut
Im Auftrag deutscher Hilfswerke – Missio, Misereor, Diakonie und Indonesia Watch – waren neun Deutsche mit über 100 anderen Vertretern von Nichtregierungsorganisationen auf Ost-Timor, um den fairen Verlauf des Unabhängigkeitsreferendums zu beobachten. Entsetzt mussten sie nach der Bekanntgabe des Ergebnisses die brutale Gewalt pro-indonesischer Milizen miterleben. Der Leiter der deutschen Delegation, Volker Stapke, äußerte sich im australischen Darwin, nachdem er aus Dili ausgeflogen werden konnte, im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA):

KNA: Herr Stapke, erst Tage nach dem Beginn der brutalen Milizen-Gewalt konnten Sie aus Ost-Timor ausreisen. Wie war da die Lage?

Stapke: Bevor uns eine australische Militärmaschine ausgeflogen hat, konnten wir schon Tage lang praktisch nicht mehr auf die Straße gehen, weil es ein Ausgangsverbot gab und wir auf der Straße vor Überfällen der Milizen nicht mehr sicher waren. Wir erhielten aber Augenzeugenberichte, dass Häuser systematisch durchsucht und Leute entführt wurden, dass es gezielte Morde gab, dass Menschen, die sich zu Kirchen oder zum Internationalen Roten Kreuz geflüchtet hatten, auf Lastwagen abtransportiert worden sein sollen. Die Miliz kontrolliert zum Teil auch die Polizei und entscheidet, wer wo evakuieren darf oder auch nicht. Uns erreichten auch Berichte, wonach in Dili auch Flüchtlinge exekutiert werden und Leichen herumliegen. Was im Innern der Insel passiert, ist völlig unklar. Es dürfte noch erheblich schlimmer sein.

KNA: Mussten Sie selber Angst um Leib und Leben haben?

Stapke: Ja. Die ausländischen Beobachter wurden schließlich ganz gezielt attackiert, auch die Journalisten. In der letzten Nacht war fast ununterbrochen Gewehrfeuer um unser Haus herum zu hören. Noch in der Nacht wurden wir von Armee-Einheiten evakuiert.

KNA: Wie muss es denn weitergehen. Was fordern Sie von der internationalen Staatengemeinschaft?

Stapke: Der Druck, der aufgebaut wurde, ist mit Sicherheit richtig. Wenn die Gespräche, die immer wieder geführt werden, dazu beitragen würden, dass endlich bewaffnete Friedenstruppen nach Ost-Timor reinkommen, wäre das zu begrüßen. Ich sehe das im Moment aber leider noch nicht kommen. Die örtliche Bevölkerung hat das aber schon seit langer Zeit gefordert. Die Situation ist schon seit einiger Zeit katastrophal, sie verschlimmert sich jeden Tag. Wir wissen ja noch gar nicht, was alles passiert ist. Die Bevölkerung ist zu Hunderten und Tausenden in die Berge geflohen, niemand weiß von ihrem Schicksal. Das ist dramatisch. Wieder einmal, wie bei der Besetzung Ost-Timors durch Indonesien 1975, hat es die Staatengemeinschaft nicht geschafft, die Zivilbevölkerung zu schützen.

KNA: Sehen Sie nun eine besondere Rolle für den Vatikan?

Stapke: Der Vatikan könnte eine besondere Rolle spielen, über die Bischöfe, über den Friedensnobelpreisträger Belo noch mehr Druck zu machen. Aber das Hauptproblem ist die Sicherheitsfrage. Und diese Frage kann nur durch Sicherheitskräfte gelöst werden, die sich den Milizen und Militärs entgegenstellen können.

Interview: Thomas Winkel (KNA)

twi/cst/amo

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