Information und Analyse

Verbreitung, Verlauf und Verharmlosung islamistischer Strömungen innerhalb indonesischer Gesellschaftsstrukturen

Information und Analyse, 30, Juli 2018

von Danang Supartono

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Schüler lernen in einer islamischen Schule (Pesantren)

Foto: Sven Hansen

Indonesien besitzt über 17.500 Inseln und ist somit der inselreichste Staat der Welt. Die Inseln wurden schon vor ca. 1,8 Mio. Jahren besiedelt. Verschiedene Königreiche, Religionen und Handelszentren haben die Regionen des Landes geprägt. Auch die Besetzung von Portugiesen, Niederländern und Japanern begleitete die Geschichte des Landes vor ihrer Unabhängigkeit, die am 17. August 1945 vom ersten Präsidenten Sukarno ausgerufen wurde. Einige erwähnenswerte Ereignisse sind der Indonesisch-Niederländische Krieg und der Putschversuch des Militärs 1965, wo viele Anhänger und Sympathisanten der kommunistischen Partei Indonesiens „PKI“ durch systematische Ermordung zum Opfer gefallen sind. Auch die Unabhängigkeit Osttimors von der portugiesischen Verwaltung 1975, die Weltwirtschaftskrise 1998, der Tsunami in Aceh 2004 und zahlreiche terroristische Anschläge prägen die politische Situation Indonesiens heute. Indonesien wird oft als Entwicklungsland angesehen und es besitzt eine vielfältige Flora und Fauna. Durch die Amtssprache Bahasa Indonesia (die im Jahr 1928 deklariert wurde) werden die unterschiedlichen Ethnien, die immer noch ihre eigene Sprache sprechen, verbunden. Auch am Bevölkerungswachstum mangelt es nicht. Es leben dort ca. 255 Mio. Menschen (Stand 2015). 89% davon sind Muslime, 9% sind Christen, 1% Hindus, 1% Buddhisten und es gibt auch eine kleine jüdische Minderheit. Somit ist Indonesien das größte muslimische Land der Welt, obwohl keine Staatsreligion existiert.

Die Bewohner Indonesiens besaßen keine „starre“ Religion. Sie war mehr eine Verbindung zwischen Naturreligionen und uns bekannten Weltreligionen. Es wurde als selbstverständlich angesehen, nicht einer einzigen Religion zugehörig zu sein. Die Vision des ersten indonesischen Präsidenten Sukarno war ein säkularer Staat mit dem Motto „Bhinneka Tunggal Ika“ (Deutsch: Einheit der Vielfalt). Weder die politische noch die gesetzliche Ebene sollte von Religionslehren beeinflusst werden. Der Glaube an „einen allmächtigen Gott“ ohne Religionszugehörigkeit wurde von der Gesellschaft akzeptiert. Seit der Macht Suhartos war jedoch die Religionszugehörigkeit im Personalausweis obligatorisch. Naturreligionen wurden bis zum Jahr 2017 nicht anerkannt. Bis heute wird das Judentum nicht als offizielle Religionszugehörigkeit akzeptiert.

In Indonesien werden neben muslimischen und christlichen auch alle Feiertage von anderen staatlich anerkannten Religionen öffentlich gefeiert. Dennoch steht durch die hohe Anzahl an Muslimen selbstverständlich der Islam in der Gesellschaft im Vordergrund. Der Islam ist auch im Alltag (von Nichtmuslimen) integriert: Der Muezzinruf als Wecker, islamische Einweihungen, islamische Hochzeiten, islamische Mode und alle Aktivitäten, die im Fastenmonat Ramadan stattfinden (z.B. in Einkaufszentren, in denen die Verkäufer*innen ein Kopftuch (Hijab) tragen und überall muslimische Lieder im Hintergrund zu hören sind). Viele Fernsehprogramme- und Sendungen richten sich nach den islamischen Feiertagen und Gebetszeiten. Es stellt sich hierbei die Frage: Von welchem Islam wird gesprochen, wenn man generell nicht über den Islam sprechen kann? Wie vorhin erwähnt gab es den kulturellen Islam (in Verbindung mit Naturreligionen) schon seit langer Zeit in verschiedenen Ausprägungen. Wir nehmen an, dass jeder ein Muslim ist, der sich so bezeichnet. Fast alle Muslime Indonesiens sind sunnitische Muslime.

Wer schon mal in Indonesien gelebt hat, weiß, dass der Status einer Person bezüglich seiner Religionszugehörigkeit zunehmend einen sehr hohen Stellenwert hat. Es ist heute nicht möglich, mit Personen anderer Konfessionen eine Ehe einzugehen. Die Relevanz der Religionszugehörigkeit wird dadurch bestätigt, dass viele Schulen, Einrichtungen, Läden und auch Parteien mit einer Religion gebrandmarkt werden. Neben der Religionszugehörigkeit wird man heutzutage viel häufiger nach der ethnischen Zugehörigkeit befragt. Es wird zwischen verschiedenen Gruppen (ethnisch, religiös oder beides) nicht nur die Spannung aufgrund von Hass und Diskriminierung erhöht, sondern auch das sogenannte racial profiling, das zur Selbstverständlichkeit wird. Der säkulare Staat kann nicht säkular praktiziert werden, weil Religionen, Kulturen und ethnische Gruppen nebeneinander, statt miteinander, leben. Es gab in den letzten Jahren eine Reihe von Vorfällen und Attentaten mit rassistischem Hintergrund.

Mundpropaganda verbreitet sich sehr schnell in einem Land mit über 250 Mio. Einwohner*Innen. Gewalttätige Auseinandersetzungen bei Demonstrationen haben mit der Zeit auf radikale Weise zugenommen, vor allem bevor Basuki Tjahaja Purnama („Ahok“), der ehemalige Gouverneur von Jakarta, wegen angeblicher Blasphemie zur Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Aufgrund der Geschichte wurde in Indonesien die islamische Religion lange Zeit auf moderate Weise praktiziert. Moderat soll nicht bedeuten, keinen Hijab (Kopftuch) zu tragen, oder den Akt vor der Ehe zu vollziehen. Das moderate Handeln geht einzig und allein aus dem Gewissen hervor und basiert auf gegenseitigem Respekt und Toleranz. Es gab und es gibt viele Muslime in Indonesien, die sich leicht bekleiden, Alkohol trinken, Drogen konsumieren, westliche Musik hören, andere Sexualitäten ausleben und nicht fünfmal am Tag beten. Lange Zeit wurde Indonesien mit der moderaten Lesart des Islams assoziiert. Es gibt aber auch viele Muslime in Indonesien, die mit dieser Liberalität nicht umgehen können. Diejenigen streben dann meist eine „Säuberung“ Indonesiens an. Z.B. gibt es viele Befürworter*innen für einen islamischen Staat, für die Aufhebung der Legalität homosexueller Handlungen oder für die Eheschließung von Männern mit bis zu vier Frauen (Polygamie).

Der Hijab war aus kultureller Sicht kein nationales Kleidungsstück für Frauen in Indonesien. Selbst die ehemalige Präsidentin Megawati Sukarnoputri trug keinen Hijab. Heutzutage tragen viele Frauen einen Hijab aufgrund von Gruppenzwang oder aus Respekt vor Muslimen. Es gibt mittlerweile für jede indonesische Tracht eine Hijab-Variante. In manchen Fällen wird aber auch ein Hijab getragen, um sich abends vor sexuellen oder religiös motivierten Übergriffen zu schützen. Das islamische Recht Scharia wird nur in der Provinz Aceh seit 2003 angewendet (Die Scharia ist keine einheitliche Rechtsform und wird je nach Staat unterschiedlich ausgeführt). Dort werden regelmäßig harmloses Zusammensein, unbeaufsichtigte und unverheiratete Jugendliche, sowie homosexuelle Handlungen und unehelicher Geschlechtsverkehr mit Stockhieben bestraft. Die Bestrafung findet vor einer großen Menschenmenge nach Geschlechtern getrennt in der Öffentlichkeit statt. Die einen Zuschauer*innen fordern mehr Hiebe, die anderen Zuschauer*innen filmen das Geschehnis und veröffentlichen die Videos z.B. auf Instagram. Unzensiert. Was in der Provinz Aceh passiert, kann nicht auf das ganze Land übertragen werden. Dennoch nimmt die Radikalisierung von Muslimen innerhalb des Landes zu. Eine große Anzahl von Moscheen werden von den Golfstaaten finanziert und so breitet sich insbesondere die wahhabitische Form des Islam schnell aus. Die Institutionalisierung der islamischen Religion ist in Indonesien in vielen Gebieten, Provinzen und Dörfern schon seit längerer Zeit fest verankert. Religion und Kultur verschmelzen miteinander, sodass nicht mehr unterschieden wird, welche Sitten und Bräuche aus kulturellen und welche aus religiösen Gründen ausgeführt werden. Und wie auch in Europa führt die Institutionalisierung der islamischen Religion zur Politisierung.

Islam, Bildung und Rassismus in Europa

Der Verlauf islamistischer Strömungen überträgt sich, teilweise über familiäre oder wirtschaftliche Beziehungen, auf viele Indonesier*innen, die sich im Ausland befinden (ca. 8 Mio.). In Deutschland leben über 16.000 Indonesier*innen. In Europa besitzt Deutschland den zweitgrößten Anteil an indonesischen Staatsbürger*innen. An erster Stelle stehen die Niederlande (1,8 Mio.), die aber auch ehemalige Kolonialmacht Indonesiens waren.

Die Bildung, insbesondere das Studium, ist in Indonesien meist für wohlhabende Personen zugänglich. (Der Staat unterstützt nur eine sehr kleine Anzahl an indonesischen Studierenden mithilfe von Förderungen oder Stipendium-Programmen). Außerdem hat ein Universitätsabschluss aus dem Ausland immer noch einen höheren Stellenwert. Daher werden viele junge Indonesier*innen ins Ausland geschickt, da dies oft günstiger ist und eine bessere Zukunft verspricht. Da in Deutschland die Studiengebühren nicht besonders hoch sind, kommen viele nach Deutschland. Leider wird kritisches Denken in Indonesien an Schulen nicht intensiv gelehrt. Und zu Hause werden viele Kinder verwöhnt. Es gibt viele Familien, die Bedienstete einstellen, um den Haushalt zu erledigen. Noch dazu kommt, dass generell für viele Leistungen kostengünstige Serviceangebote leicht zu finden ist. Daher ist es unüblich, dass junge Indonesier*innen selbstständig den Haushalt bewältigen oder bürokratische Aufgaben erledigen können. Diese jungen Leute kommen nach Deutschland und sind weit entfernt von ihrer Familie. Sie müssen lernen, von heute auf morgen selbstständig zu sein und zu agieren. Noch dazu kommt die Sprachbarriere. Hierbei muss erwähnt werden, dass die deutsche Sprache sehr viel komplexer ist als die indonesische Sprache. Wie viele andere Ausländer*innen erleben auch Indonesier*innen Rassismus und Diskriminierung in Deutschland.

Berlin: Suche nach Heimat mündet im konservativen Islam

In Berlin suchen indonesische Muslime etwas, das sie an das Zuhause erinnert. Seit ca. 20 Jahren gibt es nur eine indonesische Moschee (Al-Falah) in Berlin, die sich heute im Indonesischen Weisheits- und Kulturzentrum (IWKZ) befindet. Hier werden die Gebete und Predigten auf Bahasa Indonesia gehalten. Wie in zahlreichen Moscheen in Indonesien werden auch im IWKZ in den Freitagspredigten häufig Himmel und Hölle als Thema angesprochen. Die islamische Religion wird oft als Bestrafungsreligion dargestellt. Es werden Angst und schlechtes Gewissen unterbreitet. Dies führt zu einer höheren Unsicherheit und ungesundem Selbstbewusstsein, was viele indonesische Studierende ohnehin durch den Kulturschock bereits entwickelt haben. Eine Kombination aus dem geschwächten Selbstbewusstsein und dem Streben nach Anerkennung und Zugehörigkeit innerhalb einer Gruppe macht die Studierenden abhängig von den Personen, denen sie folgen. Weiterhin wird ein sexistisches Geschlechterrollenbild des Islam verbreitet, in dem Männer und Frauen bestimmte, getrennt vorgegebene Aufgaben übernehmen. Außerdem existiert eine sehr hohe Anzahl an IWKZ Anhänger*innen, die sich aufgrund von Gruppenzwang für den Hijab entschieden haben. Andere Ansichten, Sexualitäten und LGBTQ finden in dieser Moschee keinen Platz.

Viele IWKZ-Anhänger*innen wurden bereits gebrainwashed oder haben ihr Studium vernachlässigt und mussten deswegen wieder nach Indonesien zurückkehren. Noch dazu kommt, dass hinter der Finanzierung der Moschee die Partai Keadilan Sejahtera (PKS, dt. Partei für Gerechtigkeit und Wohlstand) steckt. Die PKS ist eine konservative und islamistische Partei und hat bei den Wahlen 2014 fast 8,5 Mio. Stimmen (6,79%) gewonnen. Damit belegt die PKS 38 von 560 Sitzen im Repräsentantenhaus. Die PKS war auch 2014 die meist gewählte Partei unter Indonesier*innen in Berlin. Es stellt sich nun die Frage, was bei den Präsidentschaftswahlen  im nächsten Jahr passieren wird.

Die IWKZ-Moschee hat nicht nur viele Anhänger*innen in der indonesischen Community, sie kooperiert auch mit anderen islamischen Verbänden in Berlin. Auch einige Angestellte und Diplomaten der Indonesischen Botschaft zu Berlin (KBRI Berlin) sowie Sympathisant*innen arbeiten mit der IWKZ-Moschee zusammen oder sind Teil des IWKZ. Man kann nicht generalisieren, dass alle Anhänger des IWKZ einen ultrakonservativen Islam verfolgen, jedoch befinden sich unter den Mitgliedern eine sehr hohe Anzahl an PKS-Sympathisant*innen, Jokowi- bzw. Präsidentengegner*innen, Ahok-Gegner*innen und Befürworter*innen eines islamischen Staates in Indonesien. Es werden von vielen Mitgliedern regelmäßig Hassbotschaften in sozialen Medien und WhatsApp-Gruppenchats verbreitet. Auch der Hass gegenüber anderen Gruppen und Religionen wird untermauert. Diese radikalen Strömungen übertragen sich schnell auf die Botschaft, auf die indonesischen Gesellschaftsstrukturen vor Ort und auch in ihre Umgebung.

In Berlin spielt aber auch die Nahdlatul Ulama (NU, dt. Wiedererwachen der Gelehrten) eine wichtige Rolle. Die NU wurde in Indonesien gegründet und ist die größte islamische Nichtregierungs-Organisation weltweit mit 94 Mio. Mitgliedern. In Berlin lehnen Mitglieder der NU viele Ansichten der IWKZ-Moschee ab. Dennoch besteht ein organisatorisches Verhältnis zwischen der NU und der IWKZ. Die NU verfolgt einen gemäßigten Islam und engagiert sich politisch gegen Extremismus und Terrorismus.

Die größte Gefahr innerhalb der Gesellschaftsstrukturen befindet sich in der Verharmlosung von radikalen Strömungen. Viele indonesische Studierende, die sich durch Einsamkeit, Kulturschock, Sprach- und Anpassungsschwierigkeiten diskriminiert fühlen, suchen in der IWKZ-Moschee gesellschaftlichen Schutz. Dort bekommen sie von ihren Familienmitgliedern, die sie im Ausland nicht kontrollieren können, Zustimmung. Das IWKZ verstärkt ihre Institutionalisierung, indem es unabhängig eine eigene Organisationsstruktur aufbaut. Es veranstaltet kulinarische Bazars und Sport-Events. Weiterhin werden kulturelle Darbietungen, wie z.B. der Saman-Tanz, als islamische Tänze präsentiert, obwohl sie ursprünglich keine sind.

Außerdem werden ethnische Gruppen wie KMB (aus Minangkabau) und Pasundan (aus Westjava), die eine große Anzahl an Befürworter*innen des ultrakonservativen Islam und viele PKS-Wähler*innen umfassen, vom IWKZ organisatorisch unterstützt. Sie hatten bereits öffentliche Auftritte, die auch von der Indonesischen Botschaft unterstützt wurden. Es ist jedoch unklar, ob und inwieweit die Indonesische Botschaft religiös motivierte ethnische Gruppen als ultrakonservativ oder sogar als extremistisch einstuft.

Die Spaltung der indonesischen Gesellschaft in ethnische Gruppen findet auch in Hinblick auf alle anderen Gruppierungen statt und ist ein negatives Zeichen gegen „Bhinneka Tunggal Ika“ (das Staatsmotto: Einheit in Vielfalt). Auch in Berlin ist unter den ultrakonservativen Muslimen der Aggressivitätsgrad so hoch, dass Minderheiten wie z.B. Christ*innen sich nicht trauen, ihre Meinung zu äußern, geschweige denn zum Thema Islamismus in der indonesischen Gesellschaft. Innerhalb der Indonesischen Botschaft gibt es auch radikalere Bewegungen des Islam, jedoch wird aufgrund der Immunität zwischen den Attachés und Diplomat*innen nicht strategisch dagegen angegangen.

Rekrutierung neuer Stipendiat*innen

Da auch beim Auswahlverfahren von Stipendien oder anderen Bewerbungen in Indonesien die Hintergründe der Bewerber*innen unsorgfältig analysiert werden, kommt es nicht selten vor, dass islamistisch oder ultrakonservativ geprägte Studierende, Praktikant*innen und Arbeitskräfte auf einfachem Wege von Indonesien nach Deutschland geschickt werden können. Dafür sind leider auch deutsche Institutionen wie das Goethe-Institut und Firmen wie VW verantwortlich. Außerdem ist zu erwähnen, dass Indonesier*innen als Muslime innerhalb der deutschen Gesellschaft viel weniger auffallen, da sie meistens nicht den arabischen Phänotyp besitzen. Der Islam hat in Deutschland bereits einen speziellen Ruf, daher sollte sowohl der Staat als auch die Politik gegen Extremismus vorgehen. In Indonesien würde man sagen „Das war schon immer so“ oder man würde nicht auf Konfrontationskurs gehen, um sein Gesicht zu bewahren. Das gäbe aber nur noch mehr Nährboden für den Extremismus.

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