„Operation Wipe-out“: Ein gewolltes und geplantes Desaster

taz, 14. September 1999

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von Jörg Meier

In Osttimor wurden die Massenmorde und Massenvertreibungen von langer Hand vorbereitet und von hohen indonesischen Militärs organisiert

tazDie pervers kaltblütige Brutalität der vom indonesischen Militär gesteuerten Milizen auf Osttimor ist in den weltweiten Medien allgegenwärtig, die Zahl jedweder Opfer derzeit noch unabsehbar. Führer und Anhänger der Unabhängigkeitspartei CNRT werden sowohl auf ost- wie westtimoresischem Territorium systematisch liquidiert. Unbestätigten Angaben zufolge soll es bisher bereits 7.000 Tote gegeben haben.

Mehr als ein Drittel der 85.0000 Menschen, die vor der Bekanntgabe des Wahlergebnisses die Inselhälfte bewohnt haben, sind heimatlos. Viele Wahlteilnehmer sind augenscheinlich dazu gezwungen worden, schriftlich zu bestätigen, dass sie gegen ihren Willen beim Referendum vom 30. August die Option einer weitreichenden Autonomie unter Indonesien abgelehnt haben.

Nahezu sämtliche internationale Präsenz ist wie ein Schwarm lästiger Fliegen vertrieben worden. Von der australischen Luftwaffe nach Darwin evakuiert, entsetzt man sich dort unter Tränen, während die bodenlose Gewalt der Milizen in Timor weiter eskaliert. Zur Schmach der Vereinten Nationen patrouillieren proindonesische Milizen in vom UN-Compound entwendeten Unamet-Vehikeln. Selbst in der westtimoresischen Hauptstadt Kupang sind am Wochenende aus UN-Fahrzeugen heraus Angriffe gegen die wenigen verbleibenden Journalisten verübt worden.

Das ist kein unkontrollierbares Desaster, sondern eines, das von Elementen der indonesischen Regierung und des Militärs gewollt und geplant gewesen scheint. Und nicht zuletzt ein Desaster, dass die UN mehr als je zuvor in einem höchst zwielichtigem Licht in der Weltöffentlichkeit erscheinen lässt.

Hätte die Verantwortlichen daran wirklich Interesse gehabt, so wäre das Grauen dieser Tage durch eine frühzeitigere Analyse der politischen Realität in Osttimor und besonnenere Maßnahmen vielleicht zu verhindern, zumindest aber in Grenzen zu halten gewesen. Bereits Anfang Juli ist in Indonesien ein geheimer Report bekannt geworden, den das indonesische Komitee zur Durchführung und Sicherung der Volksabstimmung seinerzeit im Auftrag vom Ministerium für politische Sicherheit verfasst hat.

Dieser Bericht, dessen Authentizität von verantwortlichen Behörden abgestritten wird, zeichnet in indonesischer Amtssprache auf, was zu unternehmen sei, wenn die Opsi 1, also die Option der weitreichenden Autonomie, scheitern würde. Ob dieses Schreiben tatsächlich von besagtem Komitee erstellt wurde oder ein weiteres Einschüchterungsmanöver von Seiten des militärischen Geheimdienstes war, bleibt unklar.

Klar hingegen ist, dass dieser Bericht, ebenso wie die seit Monaten kursierenden Gerüchte des großen Wipe-out“, von niemandem ernst genommen wurden. Ein weiteres Indiz, das auf die sorgfältige Planung des gegenwärtigen Chaos hinweist, ist der Entstehungsprozess der proindonesischen Milizengruppen. Sicher hat es auch unter den Osttimoresen immer einige Befürworter der Integration mit Indonesien gegeben. Aber die Milizenorganisationen, denen die Hauptschuld des gegenwärtigen Chaos zugeschrieben wird, sind kein geschichtliches Phänomen.

Die erste dieser Milizengruppen, Besi Merah Putih (rot-weißes Eisen), wurde Ende Dezember 1998 gegründet. Weitere folgten, nachdem Indonesiens Präsident Habibie am 27. Januar dieses Jahres überraschend die Option einer Volksabstimmung über die Zukunft Osttimors verkündete. Viele der Rekruten dieser Milizenverbände, die sich mit Namen wie Aitarak (Dorn), Sakanur (Skorpion), Mahidi (Leben oder Tod für die Integration) schmücken, haben ehemals auf der Seite der Unabhängigkeitsbewegung gekämpft. Exemplarisch hierfür ist der Befehlshaber der Dili-Miliz Aitarak, Eurico Guterres. Im November 1991 war er einer der Teilnehmer der Demonstration, die auf dem Santa-Cruz-Friedhof in Dili ihr trauriges Ende in dem Massaker nehmen sollte, das Osttimor damals weltweit in die Medien brachte. Mit Geld, Macht, Privilegien und Waffen ausgestattet, ist er derweil zu einem Politikum geworden.

Eine Mixtur aus genannten Komponenten sowie Einschüchterung, Drogen und Alkohol, eingesetzt zur ideologischen Bekehrung von naiven, ungebildeten Elementen sozial niedriger Gesellschaftsschichten, hat diese Milizengruppen hervorgebracht. Viele wurden gar aus anderen Landesteilen Indonesiens herangezogen. Sie werden von den Initiatoren des gegenwärtigen Terrors lediglich als Mittel zum Zweck benutzt.

Indonesien ist ein Land der Gerüchte, aber vieles spricht dafür, dass die Drahtzieher dieser Milizengruppen Hardliner des indonesischen Militärs sind, die ihre Karrieren in Osttimor gemacht haben. In wie weit diese Leute vor Ort ihre Entscheidungen mit Jakarta abstimmen, lässt sich von außen schwer beurteilen. Sicher ist aber, dass Kiki Syahnakri, ehemaliger Befehlshaber des Militärs in Osttimor, und Zacky Anwar, ehemaliger Chef des Geheimdienstes, seit einiger Zeit Schlüsselpositionen innehaben. Zacky Anwar wurde Anfang vergangener Woche zum Leiter der Evakuierung aus Osttimor ernannt; Kiki Syahnakri ist seit Ausrufung des Kriegszustands mit der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung betraut.

Trotz einer Präsenz von mittlerweile 26.000 indonesischen Soldaten in Osttimor ist ein Zustand von Ruhe und Ordnung unter der Vorherrschaft des indonesischen Militärs nicht absehbar. Inoffiziell scheint die nahe Zukunft Osttimors besiegelt zu sein. Der „Wipe-out“ ist so gut wie erledigt, und ob der diplomatischen und logistischen Hürden bleiben noch einige Tage bis zum Eintreffen erster internationaler Friedenstruppen. Ihr Einschreiten ist nur noch von geringer Bedeutung. Es gibt keinen Frieden mehr zu erhalten. Das indonesische Militär hat seine Mission erfüllt.

Der Autor hat mehrere Jahre in Indonesien studiert und war Wahlbeobachter beim Unabhängigkeitsreferendum in Osttimor.

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