Die Töchter der Hure

Südlink, Dezember 2017

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von Alex Flor

Endlich auf Deutsch: Eka Kurniawans Romandebut „Schönheit ist eine Wunde“

SuedlinkBereits 2002 erschien in Indonesien das Debut des Autors Eka Kurniawan, das nun unter dem Titel „Schönheit ist eine Wunde“ in deutscher Übersetzung vorliegt. Anhand einer über fünf Generationen reichenden Familiengeschichte führt der Autor durch die teils blutige Historie Indonesiens von den 1940er Jahren bis 1997, ein Jahr vor dem Ende der Suharto-Diktatur. Sie beginnt mit der Entführung einer Einheimischen durch einen niederländischen Plantagenbesitzer, der sie zu seiner Mätresse nimmt. Die Treue ihres Geliebten ist durch nichts korrumpierbar, sodass nach seinem Tod alle anderen Geister dem seinen unterlegen sind. Er belegt Dewi Ayu mit einem Fluch.

Dewi Ayu ist die Enkelin des Plantagenbesitzers und seiner Mätresse. Die japanischen Besatzer internieren sie und zwingen sie in die Prostitution. Gleichermaßen hübsch wie pragmatisch entscheidet sie sich nach der Befreiung, bei diesem Beruf zu bleiben. Sie wird zur „angesehensten Hure der Stadt“ und bekommt drei Töchter, deren Väter sie nicht kennt. Die Töchter heiraten Männer, die drei Machtsäulen der Gesellschaft verkörpern: das Militär, die Mafia der Kleinkriminellen (preman) und die kommunistische Partei. Ihre Lebenswege kreuzen sich im Unabhängigkeitskampf, im Madiun-Aufstand und bei den Massakern an Kommunisten, deren Geister später die Stadt belagern.

Der Kommunist Kliwon wirkt sympathisch, wenn er für Fischer oder Kleinhändler Partei ergreift. Seinen Dogmatismus und seine Weltfremdheit allerdings persifliert der Autor: So wartet er am 1. Oktober 1965 stur auf seine Zeitungen, selbst nachdem ihm Frau und Genossen mehrfach erklärten, dass es aufgrund der Machtübernahme des Militärs an diesem Tag keine Zeitungen geben würde. Er mobilisiert seine Anhänger*innen zu Demonstrationen, bleibt aber selbst zu Hause und wartet weiter auf die Zeitungen. Sein Schwager, der Militärkommandant, verhindert seine Hinrichtung, verhindert aber nicht, dass Kliwon für zehn Jahre in einem Lager der Gefangeneninsel Buru verschwindet.

Mit seinem anderen Schwager, dem Patron der Kleinkriminellen, verbindet den Kommandanten eine Hassliebe. Die beiden dulden Schummeleien beim Kartenspiel genauso wie Zusammenstöße ihrer Klientel. Bis eines Tages das Militär reihenweise Kriminelle erschießt und deren Leichen zur Abschreckung auf der Straße liegen lässt – eine Reminiszenz an die als „Petrus“ bekannte Kampagne zur Ausrottung der Kriminalität in den 1980er Jahren.

Der Autor kennt kaum Tabus. Da wird gevögelt, masturbiert, vergewaltigt, Inzest betrieben, defäkiert – und gemordet. Auch dem in der indonesischen Erzählkunst wie im realen Leben verbreiteten Glauben an Geister und Magie wird gibt Kurniawan breiten Raum. Nur die Religion lässt der Autor unerwähnt. Ein vierter Schwiegersohn Dewi Ayus als Imam der Moschee hätte den Roman vervollständigt. Das aber wäre ein Tabubruch zu viel gewesen.

 

Eka Kurniawan: Schönheit ist eine Wunde. Aus dem Indonesischen von Sabine Müller. Unionsverlag, Zürich 2017, 448 Seiten, 24 Euro.

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