Information und Analyse

Religiös motivierte Gewalt in Indonesien: zunehmender Fundamentalismus und die Frage der Gerechtigkeit

Information und Analyse, 13. Oktober 2016 

von Basilisa Dengen

Je weniger die Regierung in der Lage ist, ernsthaft für Gerechtigkeit zu sorgen, desto weniger kann sie das Problem des Fundamentalismus lösen

(Elga Sarapung) 

Elga Sarapung von Interfidei bei Watch Indonesia! im September 2016

Elga Sarapung von Interfidei bei Watch Indonesia! im September 2016

Foto: Watch Indonesia!

Am 26. September 2016 war Elga Sarapung von Interfidei bei Watch Indonesia! zu Gast. Sie informierte über die aktuelle Lage der Religionsfreiheit und Toleranz in Indonesien. In diesem Zusammenhang präsentierte sie die Arbeit und die Bemühungen des Institute for Interfaith Dialogue in Indonesia (Interfidei), welches sie zurzeit leitet. Interfidei arbeitet seit 25 Jahren zur Förderung des interreligiösen Dialogs in Indonesien. Anfangs fokussierte sich die Arbeit der Organisation auf die Stadt Yogyakarta. Nach den Unruhen in der Stadt Situbondo 1996 wurde Interfidei angefragt, ihre Aktivitäten auf andere Städte Indonesiens auszuweiten. [1] Interfidei begann damit in Manado, Pontianak, Kupang und Makassar. Aktuell ist ein landesweites Netzwerk von Aceh bis Papua etabliert.

Aktuelle Lage

Im Vergleich zu früheren Jahren gibt es keine bedeutsamen politischen oder gesetzlichen Veränderung bezüglich der Religionsfreiheit in Indonesien. Indonesien erkennt nur sechs offizielle Religionen an. In der Tat gibt es sehr viele andere Religionsgemeinschaften wie Ahmadiyah, Sikh, Baha’i und zahlreiche lokale Religionen wie Paramalim, Kaharingan, Marapu, Aluk Todolo, usw., die nicht als Religion anerkannt sind und weder Anspruch auf staatliche Unterstützung, noch auf Beteiligung an vom Staat geförderten Aktivitäten haben.[2] Im Fall von Übergriffen auf religiöse Minderheiten verhält sich die Polizei passiv und weigert sich Schutz zu leisten. Die Polizei empfiehlt den Minderheiten sogar ihre Aktivitäten zu beenden, um Konflikte mit Fundamentalisten zu vermeiden. Wie erklärt die Polizei diese Haltung? Die Fundamentalisten wären ihnen zahlenmäßig überlegen, lautet die Antwort.

Das Konfliktmuster verändert sich nicht. Die religiösen Minderheiten wie Ahmadiyah und Schiiten werden bis heute in ihrem Leben und der Ausübung ihres Glaubens eingeschränkt. Hunderte aufgrund ihres Glaubens vertriebene Familien leben seit Jahren in Flüchtlingslagern in Sidoarjo, Ostjava, und Lombok, Westnusatenggara.

Das andere Problem ist die wesentliche Rolle des MUI (Rat der Islamgelehrten), dessen diskriminierende Fatwas (nichtbindende religiöse Urteile) von der Regierung oft als Basis für neue Regelungen verwendet werden. Der islamische Fundamentalismus nimmt seit dem Ende des diktatorischen Regimes der „Orde Baru“ (Neue Ordnung) zu und verbreitet sich landesweit.

Ahmadis und Schiiten gelten nach Auffassung der sunnitischen Mehrheit Indonesiens als vom wahren Islam abgefallene Sekten. Aber auch die indonesischen Christen erkennen abweichende Lehren wie die der Zeugen Jehovas nicht an.

In der aktuellen Debatte über religiöse Diskriminierung steht häufig die Debatte über Minderheit und Mehrheit stark im Vordergrund. Tatsächlich stellen die Muslime mit knapp 90% die überwiegende Mehrheit der Gesamtbevölkerung Indonesiens. Dennoch sind in bestimmten Regionen andere Religionen dominant, beispielsweise die Hindus auf Bali oder die Katholiken auf der Insel Flores. In Gebieten wo der Islam die Mehrheit vertritt und die Fundamentalisten stark sind, wie etwa in Westjava, ist es schwierig eine Genehmigung zum Kirchenbau zu bekommen. Zur Vergeltung wird das Bauen von Moscheen in Gebieten mit christlichen Mehrheiten unmöglich gemacht. Elga Sarapung betont, dass das Spielchen Minderheit vs. Mehrheit in einer vielfaltigen Gesellschaft wie in Indonesien der demokratischen Entwicklung schadet. Gegen solche Probleme versuche sie immer, mit dem Prinzip der Gleichberechtigung anzugehen. Jeder Bürger hat das gleiche Recht wie die anderen, unabhängig von der Religionszugehörigkeit.

Was die rechtliche Lage angeht, gibt es sehr wenig Veränderung. Es herrscht Straflosigkeit. Täter werden nicht bestraft oder bekommen nur milde Strafen. Auf der lokalen Ebene gibt es zahlreiche verfassungswidrige Verordnungen. Die lokalen Regierungen begründen diese mit lokaler Autonomie, um ihre Hände in Unschuld zu waschen. Der Fall der Yasmin Kirche in Bogor ist dafür ein gutes Beispiel. Bis heute können die Gemeindemitglieder ihre Kirche nicht betreten. Jeden Sonntag demonstrieren sie vor dem Präsidentenpalast in Jakarta. Die Haltung des Dachverbandes der protestantischen Kirchen in Indonesien (PGI) verkomplizierte die Situation, da der PGI sich für die Verlegung der Kirche ausgesprochen hat. Diese Politik spaltete nicht nur die Gemeinde, sondern missachtet auch ein Urteil des Obersten Gerichts und das Gerechtigkeitsempfinden vieler Gemeindemitglieder.

Die zahlreichen lokalen Verordnungen, die sich meistens an der Scharia orientieren, beschränken die individuellen Freiheiten und diskriminieren Minderheitengruppe sowie Frauen. Das Innenministerium verfügt nach dem Gesetz über die Autorität, diese problematischen und diskriminierenden Verordnungen zu überprüfen und abzuschaffen. So wurden im Juni dieses Jahres ca. 3.000 lokale Verordnungen kassiert, darunter aber keine einzige der an der Scharia orientierten Regelungen.

Fundamentalismus

Wenn von Fundamentalismus gesprochen wird, hört man aus Indonesien vorwiegend über zunehmenden islamischen Fundamentalismus, sogar in der Stadt Yogyakarta, die gerne als Paradebeispiel für eine tolerante Stadt genannt wird. Elga Sarapung warnt jedoch auch vor wachsendem Fundamentalismus in den christlichen Kirchen. Die Christen in Indonesien sind nicht nur Protestanten und Katholiken sondern bestehen aus hunderten von Denominationen. Bemerkenswert sei die Entwicklung der evangelikalen Kirchen, die meistens aus den USA und Südkorea zur Missionierung nach Indonesien kommen. Es gibt unter dem Verband der Evangelikalen (Persekutuan Gereja-Gereja dan Lembaga-Lembaga Injili Indonesia) ca. 300 Denominationen und unter dem traditionellen Verband der protestantischen Kirchen (Persekutuan Gereja-Gereja di Indonesia, PGI) 89 Denominationen, darunter 21 charismatische Kirchen. Während der islamische Fundamentalismus Ende 90er Jahre nach dem Ende der Diktatur zu wachsen begannen, gehen die Anfänge des christlichen Fundamentalismus in Indonesien bereits auf das Ende der 1970er und den Beginn der 80er zurück. Studenten nahmen sich zu der Zeit Leute wie den in den USA berühmten Evangelikalen Billy Graham zum Vorbild und bildeten Gebetsgruppen in Universitäten. In Regionen, wo Christen die Mehrheit stellen, sind auch christliche Milizen zu finden.

Wie soll man mit dem Fundamentalismus bzw. fundamentalistischen Gruppen in Indonesien umgehen? Elga Sarapung sieht es als wichtig an mit solchen Gruppen immer im Gespräch zu bleiben. Nach dem Motto „Unterschiede überwinden“ versucht Interfidei an den fundamentalistischen Gruppen dranzubleiben und sich nicht nur unter den Gleichgesinnten zu bewegen. Begegnungen mit solchen Gruppen kann man auch als Gelegenheit erkennen, die anderen besser kennenzulernen und die eigene Haltung zu reflektieren. Der Dialog muss auch auf verschiedenen Ebenen stattfinden, nicht nur auf Führungsebene. Am wichtigsten sei aber das Problem der (Un-)Gerechtigkeit zu lösen. Fundamentalismus wächst dort, wo es keine Gerechtigkeit gibt. Je weniger die Regierung in der Lage ist, ernsthaft für Gerechtigkeit zu sorgen, desto weniger kann sie das Problem des Fundamentalismus lösen.

Papua

Wie ist die Lage in Papua? Interfidei arbeitet seit 2000 zu Westpapua. Die Organisation beschäftigt sich nicht direkt mit dem Problem des Militarismus in der Region, sondern mehr mit dem Thema ethnische Vielfältigkeit. Elga Sarapung erzählte von ihrer Erfahrung, wie Klagen über die Vernachlässigung der Bildung für indigene Papua von den Entscheidungsträgern wahrgenommen werden. In einer Diskussion über die Bewahrung der lokalen Sprachen fiel die Anregung zur Wiederbelebung dieser Sprache durch Integration in den Schulunterricht (Anm.: in anderen Regionen Indonesiens findet der Grundschulunterricht teilweise in der lokalen Sprache statt; red). Ein Regierungsvertreter meinte dazu, man sollte diesen Vorschlag nicht berücksichtigen, da dies nur zur Identitätsbildung beitrage und das Verlangen nach Unabhängigkeit verstärken würde.

Ein Konfliktpotential sieht Elga Sarapung in der Marginalisierung der indigenen Papua und der massiven Migration aus anderen Regionen Indonesiens. In größeren Städten findet man immer weniger indigene Papuas. In der Wirtschaft spielen sie kaum eine Rolle. Dies führt zu Spannungen und zunehmender Ablehnung der Migranten seitens der Indigenen. Mehr Dialog, Begegnungen und Austausch könnten dazu beitragen, diese Spannungen abzubauen.

Was wurde getan?

Der derzeitige Minister für Religionsangelegenheiten, Lukman Hakim, lud zu seiner Amtseinführung während des Fastenmonats Vertreter aller Religionsgemeinschaften, auch der Minderheiten, zum gemeinsamen Fastenbrechen ein. Dort wurde offen diskutiert und jeder hatte die Chance sich auszusprechen. Elga Sarapung begrüßte diese Initiative. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass ein Minister alle unterschiedlichen Religionsgemeinschaften eingeladen hatte. Sie bat den Minister darum solche Treffen regelmäßig stattfinden zu lassen. Doch die Erwartung war leider zu hoch. Es kamen keine weiteren Einladungen mehr. Der Minister war unter Druck von fundamentalistischen Gruppen, wie etwa FPI (Front Pembela Islam; Front der Verteidiger des Islam) geraten.

Auf die Frage was die religiösen Institutionen, insbesondere von MUI, zu einrer Verbesserung beigetragen haben, meinte Elga Sarapung, es möge zwar sein, dass es in dieser Institution viele gute Menschen gebe, aber nach außen seien leider keine Veränderungen erkennbar.

An den Universitäten gebe es mehrere Gruppen und Personen, die sich für das Thema Religionsfreiheit einsetzen (UI, UGM und viele islamische Universitäten). Das Problem liege mehr in den Schulen. Interfidei arbeite seit 2004 mit den Schulen zusammen, um die Kurrikula zu verbessern. Das eigentliche Problem liege aber im Bildungssystem begründet, welches die Lehrer dazu drängt sich mehr mit ihrer Zertifizierung und ihrer damit verbundenen Karriere zu beschäftigen anstatt sich einer Verbesserung der Unterrichtsinhalte und- methoden zu widmen.




[1] Die Unruhen in der Stadt Situbondo, Ostjava, begannen am 10.10.1996, als die Staatsanwaltschaft Saleh, ein Mitglied der islamischen Organisation Nahdatul Ulama (NU), wegen Blasphemie anklagte und fünf Jahre Haft forderte. Unzufrieden mit dieser Anklage lösten die im Gericht anwesenden Zuschauer den Prozess auf und stifteten Unruhe in der ganzen Stadt. In der Folge wurden 24 Kirchen, Schulen und Läden der chinesischen Minderheit in der Stadt und Umgebung niedergebrannt. Fünf Menschen starben. Saleh wurde in der Haft zu Tode geschlagen. Viele glauben daran, dass das Militär hinter diesen Unruhen stand. Nach Situbondo ereigneten sich im selben Jahr zwei Monate später, kurz nach Weihnachten, Unruhen in Tasikmalaya, Westjava und nach Neujahr in Sanggau Ledo, Westkalimantan, die Angst in der indonesischen Gesellschaft verbreiteten.  (http://www.insideindonesia.org/outbreak-of-rioting-tinder-box-or-conspiracy)

[2] Das Religionsministerium hat tatsächlich das Anliegen, ein friedliches Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen in Indonesien zu gestalten, indem es ein Peacebuilding Training für die Religionsgemeinschaften fördert. Dieses Programm gilt jedoch nur für die staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften. Ahmadiyah wird daher von solchen Aktivitäten ausgeschlossen. Elga Sarapung, die die Module bzw. Lernmaterial zu diesem Training vorbereitet hat, kritisierte diese Haltung, denn sie ist der Meinung, dass es gerade wichtig sei, die religiösen Minderheiten bzw. die Ahmadis miteinzubeziehen. 

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