Waruno Mahdi: Ich kann noch leben

Kompas, 10. September 2017

Übersetzung von Alex Flor, Watch Indonesia!

Berlin. Ich möchte einen Mann treffen, den zu interviewen mir sehr ans Herz gelegt wurde. Alex Flor, Geschäftsführer von Watch Indonesia!, dessen Büro hier in der Stadt beheimatet ist, sagte mir es gäbe sehr wenige indonesische ExilantInnen, die eine ihrer beruflichen Qualifikation entsprechende Arbeit fanden. Diesem einen, sagte er, sei es aber sehr gut gelungen seinen Weg zu machen.

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Praktisch allen ExilantInnen mit einem Hochschulabschluss aus den sozialistischen Staaten wurden ihre Zeugnisse nicht anerkannt, weshalb sie nicht auf einer ihrem Fachgebiet entsprechenden Stelle arbeiten können. Es war alles für umsonst. Der eine dagegen, den ich jetzt suchte, hat seinen Abschluss in Chemie in Moskau gemacht und konnte dennoch eine Stelle bei einer deutschen Forschungseinrichtung von Weltruf antreten: der Max Planck Gesellschaft. Diese Gesellschaft bedauerte so stark ihn zu verlieren, dass sie ihn an sich gebunden hat, nachdem er  schon das Rentenalter erreicht hatte. »Er ist gut integriert in seinem Umfeld. Er spricht mehrere Fremdsprachen fließend. Ich bin Deutscher, aber sein Deutsch ist besser als meines …,« lobte Alex. Nicht nur das. Neben seiner Qualifikation als Chemieingenieur ist dieser Mann auch bekannt als Sprachwissenschaftler und Experte für Kulturen malaiischen Ursprungs. Diese Kenntnisse trugen ihn bis zu Besuchen nach Indonesien. Er ist polyglott und kennt keine Kommunikationshemmnisse, um sich natürlich auf Indonesisch, auf Englisch, Deutsch oder Russisch mündlich oder schriftlich zu verständigen. Unter anderem kann er auch Texte erfassen, die slawischen Sprachen, auf Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Vietnamesisch oder Mandarin geschrieben sind. Nur bei Französisch bricht es ihm die Zunge.

Um diesen Mann zu treffen ertrug ich die Nadelstiche des Frühlingsnieselregens. Am Bahnhof Karl-Marx-Straße aus der U-Bahn gekommen versuchte ich mich gegen den heftigen Wind zu wehren und schleppte meine Füße in Richtung unseres Treffpunktes in der Wohnung einer aus Toraja stammenden Aktivistin, die mit einem jungen Deutschen liiert ist. Über die gewundene Treppe dieses alten, aber robusten Hauses in den dritten Stock gestiegen saß ich dem Mann gegenüber, den ich gesucht hatte. Das war er: Waruno Mahdi. Er saß mit dem Rücken zum Balkon, der auf die Richardstraße zeigte, wo Waruno vorhin unten an einem Straßengitter sein Fahrrad angeschlossen hatte. Wenn er aufrecht steht schätze ich seine Körpergröße auf 1,80 Meter. Seine Nase ist größer als die eines durchschnittlichen Indonesiers. Sein Gesicht erinnerte mich an Rock Hudson, den Anfang der 1960er Jahre von der Jugend umschwärmten Hollywood-Filmstar. Er hat 30 Jahre in Moskau verbracht. Bestimmt wusste er bestens Bescheid um die Schärfe des Konflikts zwischen Moskau und Peking, der gleichzeitig mit dem Kalten Krieg zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen Block stattfand. Und, ob er wollte oder nicht, hatte er sich sicher zu einem bestimmten Grad der einen oder anderen Seite zugewandt, vielleicht.

»Ich bin kein Kommunist,« sagte er mir ruhig in die Augen blickend. Ja, in dem kurzen Augenblick unseres Treffens glaubte ich, dass er kein Kommunist ist. Schon gar keiner der sektiererischen oder dogmatischen Sorte. Aber es war nicht von der Hand zu weisen, dass er rein äußerlich als ein Internationalist erschien. Ein Kind von Menschen aus aller Welt. Waruno wurde vor 72 Jahren in Bogor geboren. Aber von all diesen Jahren konnte er nur fünf in Indonesien genießen. Als Kleinkind von drei Jahren nahmen ihn die Eltern mit nach Singapur, wo der Vater als Diplomat tätig war. Auf die Rückkehr nach Indonesien folgte ein zweieinhalbjähriger Aufenthalt in Bangkok. Drei Jahre in Peking, ein paar Monate in Großbritannien und fast drei Jahrzehnte in Moskau und der sowjetischen Kleinstadt Woronesch, bevor er in der Erhabenheit eines Intellektuellen in Berlin strandete.

Erzählen Sie ein bisschen über das Leben in Moskau bis zum Entschluss nach West-Berlin zu fliehen.

Ich komme aus der Kleinstadt Woronesch südlich von Moskau, wohin man mich acht Jahre lang »entsorgt« hatte, und ich war der einzige Indonesier, der dort lebte. Rund 600 km von Moskau entfernt. Nachdem ich die Oberschule abgeschlossen hatte besuchte ich dort eine Hochschule. Nach fünf Jahren Studium und Abschluss geschahen die Ereignisse von 1965. Es ist eine lange Geschichte, warum ich nicht zurück nach Hause konnte. Während dessen wohnte ich weiterhin in Moskau. Aber die mochten uns dort nicht, weil wir nicht ihrer Gruppe (pro-Moskau orientierte indonesische StudentInnen und PolitikerInnen, MA) beitreten wollten. Moskau bildete eine Gruppe zur Aufnahme von Indonesiern, die nicht nach Hause konnten. Wir wollten nicht in Angst verfallen, falls unsere Identität als Indonesier dabei verloren gehen sollte. So war das.

Zu jener Zeit gab es circa 15 Gruppen. Unsere Gruppe war weder kommunistisch, nationalistisch, noch sonst etwas. Wir waren zu jener Zeit unpolitisch. Aber wir erlebten Zwang. So wurden wir »entsorgt«, in die Pampa geschickt. Manche zu zweit, ich alleine in die Stadt Woronesch. Anfangs arbeitete ich dort als Assistent an der Universität, später bekam ich keine Arbeit mehr. Ich hegte die Hoffnung, dass ich gehen könnte, wenn ich keine Arbeit hatte. [Aber] Ich konnte nirgendwohin. Am Ende wurde ich dort Hilfsarbeiter in einer Zementfabrik. Als Ausländern bekannt wurde, dass ich als Hilfsarbeiter in einer Zementfabrik arbeiten musste, legten sie in Moskau Protest ein. Letztlich bekam ich Arbeit als Ingenieur in einer Gummifabrik, ebenfalls in Woronesch. Wir verließen die Sowjetunion 1977, nachdem wir herausgefunden hatten wie man in den Westen gelangen konnte.

Wir standen damals unter Zwang. Wir wollten uns weder als pro-russisch noch als pro-chinesisch positionieren. Wenngleich Bung Karno (Staatspräsident Sukarno, d.Ü.) pro-chinesisch war, so war es für uns in der Sowjetunion zu gefährlich für China Partei zu ergreifen. Aber junge Leute aus Vietnam boten uns Schutz und bewegten uns zur Zusammenarbeit mit ihnen. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu diesen vietnamesischen Freunden. Sie unterrichteten mich in ihrer Sprache. Diese Vietnamesen waren sehr nett zu mir und nahmen mich überallhin mit. Sie nahmen mich damals wie einen ihrer Landsleute auf.

Aber zwischen 1975 und 1976 kam es zwischen Vietnam und China zum Zerwürfnis. Wir kamen zu dem Schluss, nicht länger hier bleiben zu können. Zu jener Zeit gab es einen Todesfall. Wenn jemand verstorben war, war es in der Sowjetunion üblich, dass sich alle versammeln durften, auch die in die Verbannung Vertriebenen durften dabei sein. Der Unglückstag wurde begangen wie ein heiliger Feiertag, an dem die verschiedensten Seiten teilnahmen. Ungeachtet ihrer politischen Einstellung oder der Achtung auf was auch immer, durften jeder und jede kommen. Die Gelegenheit dieser Zusammenkunft nutzten wir, die wir in alle Himmelsrichtungen zerstreut waren, um uns einer mit dem anderen geheim über verschiedene Probleme auszutauschen. Das war eine gute Gelegenheit. Bei einem Austausch per Briefwechsel wäre alles der Zensur zum Opfer gefallen.

Wir fassten den Beschluss das Land zu verlassen und in den Westen zu gehen. Wir beschlossen auch, wie wir dies zu bewerkstelligen hatten. Aber wie sollte dies geschehen, ohne dass die Russen Wind davon bekamen, dass wir alle in den Westen wollten? Also wurde der Aufbruch Grüppchen für Grüppchen geplant. Jeweils drei Leute zuerst. Im Abteil der Eisenbahnwaggons war jeweils Platz für drei Leute und wir konnten jede Menge Koffer und anderes Gepäck mitnehmen. Wir dachten darüber nach, wie wir uns ohne Pässe auf legale Weise Richtung Westen auf den Weg machen könnten. Zum Verlassen der Sowjetunion konnte man ein separates Ausreisevisum bekommen, das nicht in den Pass gestempelt wurde. Solche Visa wurden üblicherweise an Kommunisten, wie zum Beispiel aus Südamerika, erteilt, damit deren Regierungen nichts über den Aufenthalt in der Sowjetunion sehen konnten. Um nach Berlin zu kommen, mussten wir durch Polen und die DDR. Dort erzählten wir, dass uns die sowjetischen Freunde Visa erteilt hatten und binnen fünf Minuten durften wir einreisen.

Nachdem sie unsere Erklärungen gehört hatten, dachten die Bediensteten dieser beiden Länder sie müssten uns helfen, da wir ja über Ausreisevisa verfügten. Nachdem wir sie so ein bisschen übers Ohr gehauen hatten, durften wir einreisen. Von Studierenden aus Afrika wussten wir, dass es am Bahnhof Zoo keine Passkontrolle gab, wenn man mit dem Zug nach West-Berlin fuhr. Obgleich es am Checkpoint Charlie und allen anderen Grenzübergangsstellen Passkontrollen gab. Auch wer mit dem Flugzeug anreiste, musste durch die Passkontrolle. Das war offenbar absichtlich so gestaltet, damit diejenigen, die in den Westen flüchten wollten, ohne Pass einreisen konnten. Der Bahnhof Zoo lag im amerikanischen Sektor. So erreichten wir schließlich ohne Pässe West-Berlin.

In Berlin angekommen machten wir uns sofort auf Arbeitssuche. Danach beantragten wir Asyl. Damals durften Asylbewerber arbeiten. Heute ist das nicht mehr so. Also beantragten wir sofort eine Arbeitsgenehmigung und suchten eine Arbeit. Das war wichtig, um eine Unterkunft zu finden. Ohne Arbeit bekommt man keinen Mietvertrag. Nachdem wir eine Unterkunft gefunden hatten, schickten wir sofort einen Brief in den Osten, damit die nächste Dreiergruppe sich auf den Weg machen konnte. Nach rund eineinhalb Jahren befand sich unsere gesamte Gruppe im Westen.

Was war Ihre erste Arbeit?

Nachtwächter, einen Monat lang. Das Arbeitsamt war sauer, weil ich mir die Stelle selbst gesucht hatte. Das Amt kümmerte sich seinerzeit lieber um die Einheimischen und nahm es hin, dass Ausländer in der Arbeitslosigkeit verharrten. Einige Monate lang übernachteten wir in der Wohnung eines Indonesiers, der uns zuvor gebeten hatte ein paar Bücher mitzubringen, weil er selbst eine Zeitlang in der Sowjetunion studiert hatte. Wir brachten die Medizinbücher, die er sich gewünscht hatte. Als Ausgleich dafür stellte er uns Schlafplätze in seiner Wohnung zur Verfügung. Recht bald hatten wir dann unsere eigene Wohnung. Ich suchte weiter nach Arbeit und fand welche in einem Chemiewerk. Zehn Monate lang verdingte ich mich in dieser Fabrik als Arbeiter. Meine dritte Arbeitsstelle war dann an dem Institut, wo ich heute noch arbeite, dem Max Planck-Institut.

Wie kamen Sie an diese Stelle am Max Planck Instittut?

Der Hintergrund meiner Ausbildung in der Sowjetunion war Chemie. Ich habe mein Studium bis zum Abschluss absolviert. Ich bin Chemieingenieur. Anfangs wurden meine Fähigkeiten hier nicht anerkannt. Zufällig bekam ich die Stelle an diesem Institut, weil man einen Assistenten für eine sehr spezifische Tätigkeit suchte. Nämlich die Frage, wie oxidationsempfindliche Stoffe so weiterentwickelt werden können, dass sie nicht mehr an der Luft reagieren. Während meiner Zeit an der Universität in der Sowjetunion hatte ich auf diesem Gebiet gearbeitet. Es gab 20 Bewerber auf diese Stelle, größtenteils Deutsche. Einschließlich meiner selbst, gab es nur zwei ausländische Bewerber. Und der andere hatte immerhin in Deutschland studiert. So klein meine Chance auch gewesen war, konnte ich doch im Interview darlegen, dass ich über viel Erfahrung auf dem ausgeschriebenen Tätigkeitsgebiet verfügte. Sehr zur Zufriedenheit dessen, der mich interviewt hat. Am Ende bekam ich die Stelle.

Es wird Kritik geäußert, die besagt, dass soziale Sicherung korrumpiert. Sie mache Leute träge, selbstgenügsam und führe dazu, dass sie nicht das Maximum aus sich herausholen. Ein Teil der ExilantInnen in den Niederlanden beispielsweise machen keinen Gebrauch von den Möglichkeiten ihre Fähigkeiten bezüglich der Sprache und anderen Bereichen auszubauen. Es gibt welche unter ihnen, die sich offensichtlich nicht in die lokale Gesellschaft integrieren wollen. Es gibt auch welche, die nicht arbeiten wollen. »Warum sollten wir für Kapitalisten arbeiten, die über hunderte von Jahren Indonesien besetzt hielten?«, fragen sie. Es bleibt ihnen nur Sozialhilfe zu beziehen. Man könnte sagen, sie leben als Almosenempfänger. Wie kommentieren Sie das?

Ich stimme dieser Kritik zu. Ich bin kein Kommunist. Meine Gruppe in der Sowjetunion war nicht kommunistisch. Wir hatten viel Kontakt zu denen, aber unsere politischen Ansichten waren nicht dieselben. Ich stimme nicht mit denen überein, die in die Niederlande gegangen sind. Unter ihnen gibt es welche, die sagen, sie wollen nicht mit Kapitalisten zusammenarbeiten. Manche wollen bis heute nicht arbeiten. Aber sie beziehen dort Sozialhilfe. Als wir hier ankamen, haben wir sofort eine Arbeit gesucht und haben als was auch immer gearbeitet. Als Hilfsarbeiter. Was auch immer. Damit war das Geld, das wir bekamen, nicht der Erlös von Bettelei.

Integration ist extrem wichtig. Besonders die Freunde, die aus China kamen, erfuhren Probleme sich in die lokale Gesellschaft zu integrieren. Auch in China ist es ihnen nicht gelungen, sich zu integrieren. Der Grund dafür ist vielleicht ein (engstirniger) Nationalismus oder was auch immer das sein mag … ich verstehe das nicht. Aber für mich ist Integration eine Verpflichtung, ein Muss. Wir, die aus der Sowjetunion kamen, haben uns in der lokalen Bevölkerung integriert.

Erzählen Sie über Ihr Interesse an Sprachen!

Ich lerne und lehre keine Sprachen, sondern beschäftige mich mit Sprachtheorie. Daher befassen sich sehr viele meiner Veröffentlichungen mit Sprache. Ich untersuche Sprachgeschichte und die Kultur. Sprache, im vorliegenden Fall die indonesische Sprache, steht in engem Zusammenhang mit der Kultur. In Indonesien im Besonderen, in Südostasien im Allgemeinen.

Mein Interesse daran und meine diesbezügliche Arbeit begann schon, als ich noch in der Sowjetunion lebte. Als ich mich in Woronesch in der Verbannung befand, dachte ich darüber nach, woran ich arbeiten könnte. Ich überlegte. Ich besaß zufällig ein russisches Wörterbuch der madagassischen Sprache, die mit der indonesischen Sprache verwandt ist. Mithilfe dieses Wörterbuchs fand ich Besonderheiten der Sprache Madagaskars und vertiefte mich darin. Nachdem ich in Deutschland angekommen war, veröffentlichte ich diese Forschungsergebnisse in deutscher Sprache. Dieser Beitrag erschien 1988, rund zehn Jahre nach meiner Ankunft in Deutschland.

Später veröffentlichte den Beitrag auch auf Englisch. In der madegassischen Sprache fand ich einige Besonderheiten, und ich erläuterte, welche Besonderheiten ich da gefunden hatte. Ich selbst spreche nicht Madegassisch. Es ist unmöglich eine Sprache aus dem Wörterbuch zu lernen. Ein Journal in den USA bat mich einen Beitrag über die Sprache Madagaskars zu liefern. Es handelt sich bei diesem Journal um eine Art linguistische Enzyklopädie. Mein Artikel über die madegassische Sprache ergänzte diese Schriftenreihe.

Entschuldigen Sie bitte die Frage, aber haben Sie Familie?

Nein …! Ich kann nicht. Wie soll ich es sagen … Ich kann mich nicht auf eine Beziehung mit jemandem einlassen. Das geht auf meine Zeit in der Sowjetunion zurück. In der Sowjetunion wusste ich als Diplomatenkind darum, was die meisten Leute nicht wussten. Wir wurden permanent bespitzelt. Jeder Schritt von uns wurde bespitzelt. Tag und Nacht, bis zum Morgen. Hatte man eine Freundin wurde das beobachtet. Als ich Student war, gab meine Freundin zu, dass sie von der Partei beauftragt war, mich zu bespitzeln.

War ihr Leben nicht in Gefahr, wenn sie Ihnen das sagte?

Anscheinend nicht. Eigentlich hätte sie nichts erzählen dürfen, aber letztlich tat sie es trotzdem. Seit dieser Zeit und sogar bis nach Woronesch wurden immer wieder Leute geschickt, um mich zu bespitzeln. Alle Frauen, die eine Beziehung zu mir hatten, waren dazu beauftragt, wie es schien. In Moskau und in Woronesch. Daher fühle ich mich automatisch abgeneigt, sobald sich eine mir nähert. So ist das. Irgendwie schon außerhalb der gesunden Logik.

Eines Tages, als ich für ein Forschungsvorhaben, an einen bestimmten Ort geschickt wurde, begleitete mich jemand dorthin. Danach wurde ich ausgefragt, wie ich diese Frau fand, die mich begleitet hatte. Ich sei nicht an ihr interessiert. Sie sei zu schmal, sagte ich. Daraufhin wurden für mich fülligere Frauen gesucht, hahaha … Eine Frau bemühte sich dann, mich mit einer Dame bekannt zu machen. Und diese Dame entsprach exakt dem Typ Frau, den ich ihr zuvor [als meinen Geschmack] beschrieben hatte. Es war offensichtlich, dass diese Frau vom KGB oder wem auch immer darüber informiert war… Der sowjetische Geheimdienst hatte vermerkt: Waruno steht auf diesen Typ von Frau. Sucht nach einer Frau, wie er sie sich wünscht. Diese Frau gibt es noch. Sie lebt jetzt in den Niederlanden.

Seit dieser Zeit hatte ich noch Beziehungen zu ein oder zwei Frauen, aber diese Beziehungen basierten nicht auf gegenseitigem Vertrauen. Es war mir unmöglich, ihnen meine Wohnung anzuvertrauen. Und wenn schon das Vertrauen fehlt, kann ich auch nicht schlafen. Es ist tatsächlich außerhalb des logischen Empfindens. Ich leide also an einer psychologischen oder psychischen Krankheit [oder: Trauma?, d.Ü.]. Aber was soll’s? Wichtig ist, dass ich immer noch leben kann.

Ich habe fünf jüngere Schwestern. Vier in den Niederlanden, eine in Kuba. Letztere ist mit einem Kubaner verheiratet. Die beiden lernten sich während ihres Studiums in der DDR kennen. Sie haben in Leipzig geheiratet und haben ein Kind, das derzeit in Amsterdam lebt. In Bogor und Jakarta habe ich nur Cousins und Cousinen.

Sind Sie schon mal wieder nach Indonesien zurückgekehrt?

Erst zweimal. Nachdem ich im Jahr 2000 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen habe, reiste ich nach Hause. Eigentlich hatte ich gehofft weiterhin indonesischer Staatsbürger bleiben zu können. Im Auftrag von Gus Dur (Präsident Abdurrahman Wahid, d.Ü.) hatte der damalige Justizminister Yusril Ihza Mahendra sich in der indonesischen Botschaft in Den Haag mit der Diaspora derer getroffen, die seit Jahren an ihrer Rückkehr gehindert waren. Ich war einer der anwesenden Betroffenen. Als aber auf schöne Worte des Ministers keine weiteren Schritte erfolgten, fällte ich den Entschluss die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Genau drei Monate, nachdem ich meinen deutschen Pass erhalten hatte, starb mein Vater. Er starb in den Niederlanden. Weil er ein Träger des Guerilla-Ordens war, wurden die Überführung seiner Leiche nach Indonesien sowie die Reisekosten der Familie, einschließlich meiner selbst, aus der Staatskasse bezahlt. Das war das erste Mal, dass ich nach Indonesien zurückkehrte.

Das zweite Mal war ich als Teilnehmer eines Workshops eingeladen, der 2004 von der Universitas Indonesia veranstaltet wurde. Thema war damals die Übersetzung eines aus dem 15. Jahrhundert stammenden Manuskripts in malaiischer Sprache, welches Uli Kozok in der Region Kerinci ausfindig gemacht hatte. Zusammen mit anderen habe ich dieses Manuskript gelesen und ins Indonesische übersetzt. In dieser Schrift wurden noch keine arabischen Buchstaben verwendet. Auch keine Jawi-Buchstaben. Es war eine sehr alte Schrift. Der Text wurde letztlich in Singapur veröffentlicht. Der Redakteur war Uli Kozok. Er lehrt in Honolulu die indonesische Sprache. Er ist ein Deutscher mit großem Interesse an der Kultur der Batak. Wie auch an der Region Kerinci.

»… seit meine Mutter aus ihrer Wohnung in ein Altenheim umziehen musste, kann ich nicht mehr sagen, wo das Haus ist, in das ich heimkehren könnte. Bis Februar 1967 stand in meinem Reisepass geschrieben, dass ich in Indonesien zu Hause sei. Aber seit April 2000 steht in meinem Pass, ich sei in Deutschland zu Hause. Aber zwischen diesen beiden Daten konnte mir kein Pass darüber Auskunft geben.« So schrieben Sie in einem blog. Wenn Sie nach Indonesien reisen, bezeichnen Sie das als Heimkehr oder als was?

Nicht mehr als Heimkehr, sondern als Besuch. Ich habe keinen Ort mehr, an den ich zurückkehren könnte. Es ist hier dasselbe … Sich auf die Reise machen, ja gerne, wohin auch immer …

Bedauern Sie ein solches Leben führen zu müssen?

Ich bin Realist. Ich genieße das, was [mir] gegeben ist. Ich habe mich damit abgefunden. Zu genießen, was gegeben ist. Und etwas daraus zu machen, was sich vielleicht aus dieser Lage heraus machen lässt.

Vermissen Sie den Verlust Ihrer Heimat?

Ach … früher ja … aber nachdem ich nun zweimal zurück in der Heimat war, [muss ich feststellen, dass] das Land nicht mehr dasselbe ist, welches ich von früher kenne. Ich habe Zeit meines Lebens tatsächlich im Ausland verbracht. Die gesamte Zeit, die ich in Indonesien lebte, beträgt nur fünf Jahre. Von meiner Geburt bis zum Alter von drei Jahren. Danach brachte man mich ins Ausland. Lediglich in den Jahren 1962-63 lebte ich erneut in Indonesien. [Aber] ich bin geboren in Bogor. Ich bin ein Bürger von Bogor.

Was für eine Art Lebensstil führen Sie?

Was Essen betrifft, bin ich sehr vorsichtig. Ich trinke Kaffee oder Tee ohne Zucker, um einer Diabetes vorzubeugen. Ich vermeide Speisen, die viel Fett enthalten. Ich esse kein Schweine- oder Lammfleisch, weil es einen höheren Fettgehalt als Rindfleisch hat. Ich mache das alles, um meinen Beruf als Spezialist aufrecht erhalten zu können. Ich fahre nicht mit dem Auto. Ich fahre Fahrrad. Ich fahre bis zu einem Ort, wo ich mein Fahrrad unterstellen kann, um nicht nach Schweiß stinkend im Büro anzukommen. Nach Feierabend hole ich mir dort mein Fahrrad wieder ab und fahre nach Hause. Sommers wie winters fahre ich mit dem Fahrrad. Wenn es regnet, dann erinnere ich mich daran, dass ich aus Bogor stamme. Und wenn es Schnee und Eis gibt, dann bin ich wieder der Russe, hahaha … So ist das seit über 20 Jahren.

Zu meiner Zeit in der Sowjetunion habe ich viel getrunken. Auch Wodka. Aber nachdem ich von dieser Krankheit befallen bin, die mich leicht vergesslich macht, trinke ich keinen Alkohol mehr, nicht mal schwach prozentige Getränke. Ein Gläschen Wein, um schlafen zu können, kommt nicht in Frage. Nur einmal im Jahr, wenn ich mich mit Freunden treffe, gönne ich mir ein Glas Rotwein, Ansonsten kein Wein, kein Brandy, kein Wodka oder dergleichen. Dank meiner Disziplin des Alkoholverzichts kann ich immer noch arbeiten. Aber wenn ich eines Tages meine Arbeit verlieren sollte, werde ich vielleicht wieder anfangen zu rauchen und zu trinken, hahaha.

 

Berlin ist nicht diese Regenstadt Bogor. Aber vor den Fenstern der Wohnung dieses toraja-deutschen Pärchens fiel immer noch Nieselregen über die Stadt. Es war Zeit zu gehen. Ich folgte den Schritten Warunos die Treppe runter bis zu dem Straßengeländer, an das er sein Fahrrad angeschlossen hatte. Ich lief ein Stückchen nach Vorne mit einer kleinen Kamera in meiner Hand. Bereit zum Auslösen. Er verhüllte seinen Kopf unter einer Mütze und trat Wind und Regen trotzend in die Pedale. »Passen Sie auf sich auf. Auf Wiedersehen,« sagte er sich umblickend, als er an mir vorbei fuhr. Als er meinem Blick schon entschwunden war, begann mein Herz wieder zu klopfen als ich an seine Worte dachte. Dass er nicht mehr weiß, in welches Zuhause er heimkehren könnte, seit seine Mutter ihr Haus verlassen und in ein Altenheim umziehen musste …

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1 Kommentar

  1. […] Posted by perpustakaan19651966 on November 9, 2018November 9, 2018 ** dipetik dari hasil wawancara Martin Aleida dengan Waruno Mahdi     Waruno Mahdi: Saya Masih Bisa Hidup Opini Kompas 10 September 2016. oleh Martin Aleida. Yang saya buru adalah sarjana kimia lulusan Moskwa. Ia bekerja di lembaga penelitian Jerman yang terpandang: Max Planck Gesellschaft. Mantan direktur departemennya, Profesor Gergard Ertl, begitu simpati pada nasibnya sehingga memasuki usia pensiun dia masih dipertahankan. „Dia menguasai sejumlah bahasa. Jermannya lebih baik dari saya,” kata Alex.   Selain ahli rekayasa kimia, orang ini juga dikenal sebagai ahli bahasa dan kebudayaan rumpun Melayu. Kepintarannya membawanya berkunjung ke Indonesia. Dia seorang polyglot, tidak punya hambatan berkomunikasi dalam bahasa Indonesia, Inggris, Belanda, Jerman, dan Rusia. Dia juga memahami bacaan dalam rumpun bahasa Slavia, Perancis, Portugis, Spanyol, Italia, Vietnam, dan Mandarin. Saya Masih Bisa Hidup (pdf) Saya Masih Bisa Hidup (text) […]


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