Osttimor: Xanana brach mit seiner Partei

Neues Deutschland, 13. April 2002

Unabhängigkeitsführer geht bei der Präsidentschaftwahl eigene Wege

Von Monika Schlicher

Neues-DeutschlandRund 430.000 Osttimorer sind am Sonntag aufgefordert, ihre Stimme zur Wahl des Präsidenten an einer der 933 Wahlstationen im ganzen Land abzugeben. Der Sieger scheint schon festzustehen: der charismatische Unabhängigkeitsführer Xanana Gusmão. Seinem einzigen Gegenkandidaten, Francisco Xavier do Amaral, Vizepräsident der Verfassunggebenden Versammlung und Vorsitzender der von ihm wiederbelebten sozialdemokratischen Partei ASDT, werden wenig Chancen eingeräumt. Dennoch verfolgen die Osttimorer die Wahl mit großem Interesse. Allein 72 nationale Gruppen haben sich beim Unabhängigen Wahlkomitee der UN-Übergangsverwaltung UNTAET zur Wahlbeobachtung registrieren lassen, 35 internationale Beobachtermissionen werden zugegen sein.

Für die Bevölkerung Osttimors ist Xanana Gusmão der unumstrittene nationale Führer, seine Popularität ist vergleichbar mit der Nelson Mandelas in Südafrika. Im Ausland hat sich der 55-jährige ehemalige Guerillaführer den Ruf eines besonnenen und um Ausgleich bemühten Politikers erworben. 1988 rief Xanana, um der gewandelten Form des Widerstands Rechnung zu tragen, den Nationalen Widerstandsrat Osttimors ins Leben, ein breites, offenes Bündnis, das alle Gruppierungen vereinte, die für das Selbstbestimmungsrecht der Osttimorer eintraten. Verbunden damit war sein Austritt aus der Befreiungsfront Fretilin. 1992 wurde er von Indonesiens Truppen gefangen genommen und in einem Schauprozess zu lebenslänglicher Haft verurteilt und dann zu 20 Jahren begnadigt. Im Zusammenhang mit dem von der UNO 1999 zur Lösung des Osttimor-Konfliktes durchgeführten Referendum stellte ihn die indonesische Regierung zunächst unter Hausarrest und entließ ihn erst nach dem Unabhängigkeitsvotum. Als nationale Integrationsfigur ist Xanana für das junge Land von unschätzbarem Wert. Doch immer wieder zögerte er, sich der Aufgabe als Staatsoberhaupt zu stellen, und verwirrte Bevölkerung und UNO-Vertreter mit seinem Zickzack-Kurs. Er sei müde und wolle sich nach den Jahren des Kampfes seiner jungen Familie und seinen Hobbys widmen. Immer wieder ließ er sich bitten. Wiederholt betonte er dann im Wahlkampf, er sehe sich lediglich als Sprachrohr der Interessen der Bevölkerung in einem demokratischen Osttimor.

Der politische Machtkampf scheint weniger zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten ausgetragen zu werden als vielmehr zwischen Xanana und der Befreiungsfront Fretilin. Der Bruch mit seiner früheren Partei ist inzwischen offen zu Tage getreten. Xanana hat sich von neun kleineren Parteien zur Präsidentschaftswahl aufstellen lassen – eine Kandidatur für die Fretilin schlug er aus. Beharrlich widersetzte er sich der Forderung nach einer Parteizugehörigkeit als Voraussetzung für eine Kandidatur. Auf den Wahlzetteln am Sonntag sind denn auch nur Name und Bild der beiden Kandidaten aufgeführt, kein Parteisymbol. Die Fretilin verkörpert in Osttimor wie keine andere Partei den Widerstand gegen die indonesische Fremdherrschaft. Bei der Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung am 30. August letzten Jahres verfehlte sie mit 55 von 88 Sitzen nur knapp die Zweidrittelmehrheit. Die Parteiführung hatte jedoch mehr erwartet. Auf der anderen Seite wird gerade die starke Dominanz einer einzelnen Partei als Hindernis für den Aufbau einer pluralistischen Gesellschaft gesehen. Mari Alkatiri, Generalsekretär der Fretilin, spricht Xanana jetzt wegen seiner Kandidatur für die kleineren Parteien die Rolle als nationaler Führer ab und warnt ihn vor einem schlechten Wahlergebnis. Die Bevölkerung wäre bisher davon ausgegangen, er sei Vertreter der Fretilin. Von der Aufstellung eines eigenen Kandidaten sah die Partei ab. Die Verfassung Osttimors gesteht dem Präsidenten ohnehin nur eine untergeordnete Rolle zu, die eigentliche Macht liegt beim Premierminister. Der wird nach der Umwandlung der Verfassunggebenden Versammlung in das erste Parlament Mari Alkatiri heißen. Die Wahl zum Präsidenten jedoch dürfte Xanana Gusmão sicher sein, die Wahlbeteiligung und die Anzahl seiner Stimmen werden Auskunft darüber geben, ob die Osttimorer ihm auf seinem Weg hin zu einem pluralistischen und demokratischen Osttimor folgen werden. Am 20. Mai soll Osttimor von der seit 1999 amtierenden UN-Übergangsverwaltung (UNTAET) in die Unabhängigkeit entlassen werden. <>

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