Der Untergang der Waldmenschen

Berliner Zeitung, 13. Oktober 2009

In West-Papua wird der letzte große Regenwald Südostasiens abgeholzt. Naturvölker verlieren ihr Land und ihre Kultur

Frank Nordhausen

BerlinerZeitungDEKAI. Knapp eine Stunde dauert der Flug von Wamena im Hochland West-Papuas bis in die Tiefebene. Die alte Propellermaschine ächzt über dichten, unberührten Dschungel. Als sie landet, halten die Reisenden den Atem an. Wo vor zehn Jahren eine winzige Graspiste im Wald war, setzt das Flugzeug nun auf einer gewaltigen Rollbahn auf, auf der man auch einen Jumbojet herunterbringen könnte. „Was ist denn hier los“, fragt Roland Garve entgeistert.

Garve ist nicht zum ersten Mal in West-Papua. Der 54-jährige Mann aus Lüneburg ist wieder unterwegs zu den letzten Naturvölkern. Seit 25 Jahren reist der Zahnarzt in die entlegensten Ecken der Welt. Für die Völkerkundemuseen in Leipzig und Dresden sammelt er Ethnografica, und mit seiner Filmkamera dokumentiert er die Kulturen der Naturvölker, bevor sie endgültig verschwunden sind.

Von seinen rund siebzig Expeditionen haben ihn fast zwanzig nach West-Papua, den Westen Neuguineas, geführt. Eine Reise in dieses Land kann wie ein Trip in die Steinzeit sein. Die Insel ist die Heimat der Papuas, eines der ältesten Völker der Erde – Menschen mit schwarzer Haut und krausen Haaren, deren Männer ihre Blöße traditionell mit Penisröhren bedecken.

Am Flughafen in Dekai warten viele Papuas in der heißen Sonne. Die Männer tragen Shorts, Sonnenbrillen und Digitaluhren und telefonieren mit dem Handy. Manche haben sich noch einen Federkranz auf den Kopf gesetzt und sehen damit ziemlich exotisch aus. Aber nur wenige Kilometer entfernt im Dschungel sollen noch Stämme existieren, die mit der Moderne gar nichts zu tun haben.

„Es gibt weltweit noch etwa hundert isolierte Naturvölker“, sagt Garve. „Fast alle leben im Amazonasgebiet oder hier in West-Papua.“ Am Kiosk des Dschungel-Airports holt er Limonade für seine kleine Expedition aus drei Deutschen und zwei Papuas. Er sagt: „Ich begreife nicht, wozu man den riesigen Flughafen braucht, mitten in der Wildnis.“ Garve hat Dekai ganz anders in Erinnerung. „Genau hier sind wir 1989 nach einem mörderischen Dschungelmarsch angekommen. Ringsum war Sumpfregenwald. Nur um die kleine Missionsstation trafen wir Menschen an, die Hosen und T-Shirts trugen. Im Wald lebten sie wild und nackt. Und jetzt baut man Landebahnen und Straßen!“

Statt Dickicht Handymasten

West-Papua hat sich dramatisch verändert. Das Natur- und Naturvölkerparadies ist extrem bedroht. „Vor 25 Jahren war die Insel noch zu neunzig Prozent von Regenwald bedeckt“, sagt Garve. „Seither wird der Dschungel an den Küsten abgeholzt und den Papuas ihr Land gestohlen.“ Nur der feuchtheiße Süden, der riesige Asmatsumpf, galt bislang als intakt. Und zwar, weil es nur wenige Landstriche gibt, die für Menschen derart lebensfeindlich sind. „Da sind nur Bäume, Moskitos, Blutegel und Schlangen“, sagt Garve. „Wer will dort leben außer den Waldpapuas?“

Noch vor sieben Jahren stieß der Lübecker hundert Kilometer entfernt im Dickicht zufällig auf ein Volk, das noch nie mit der Zivilisation Kontakt hatte – die Din. Ihre Entdeckung war eine Weltnachricht. Heute stehen in Dekai Holz- und sogar Steinhäuser. Es gibt Brücken über die Bäche, viele Läden. Auf den breiten, asphaltierten Straßen sind Mopeds unterwegs. Handyfunkmasten ragen in den Tropenhimmel.

Mit einem Pick-up geht es zur Polizei- und Militärstation, neuen Flachbauten, die so überdimensioniert wirken wie die gesamte Anlage von Dekai. Der zuständige Beamte will die Reisepässe und die Erlaubnis zum Besuch dieser Gegend sehen. Garve fragt, was um Himmels willen in Dekai geplant sei. „Das wird die neue Provinzhauptstadt“, erwidert der aus Bali stammende Polizist. „Jetzt leben in Dekai 4 000 Leute. Bald werden es dreimal so viele sein. Von hier aus wird das Land entwickelt. Wir bringen den Waldmenschen die Zivilisation.“ Er selbst wolle so schnell wie möglich wieder fort aus diesem entsetzlich unzivilisierten Land. „Nicht mal eine Klimaanlage gibt es hier.“

Es ist kein Zufall, dass fast alle Polizisten und Soldaten in West-Papua von anderen Inseln stammen. Das Gebiet von der Größe Frankreichs wurde 1962 von Indonesien annektiert. Mit einer gezielten Einwanderungspolitik werden seither Indonesier aus den übervölkerten Inseln Java oder Sulawesi angesiedelt, sodass die Papuas in Gefahr sind, zu einer Minderheit im eigenen Land zu werden. Gegen die Besatzung flackern immer wieder blutige Aufstände auf, die dann ebenso blutig niedergeschlagen werden. Weil West-Papua als Krisenregion gilt, lässt die Regierung in Jakarta seit 2003 keine ausländischen Journalisten einreisen. Nur sporadisch werden Details bekannt über die Bedrohung der Ureinwohner und ihrer Umwelt.

Bis zum Fluss sind es dreißig Minuten auf einer breiten Schotterpiste, die man vor nicht allzu langer Zeit durch den Urwald legte. Hier und da rauchen noch die Stümpfe gefällter Urwaldriesen. „Unglaublich“, ruft Garve. „Das sieht ja so schlimm aus wie am Amazonas!“ Rechts und links der Straße wird gerodet und gebrannt. Alle 500 Meter kreuzen schnurgerade, endlos erscheinende Querstraßen, die den jungfräulichen Regenwald zerschneiden und in Quadrate teilen. „Für die Ölpalmen“, sagt Harry, der Papua-Führer.

Auch am schlammbraunen Brazza liegt das Ufer entwaldet da, im Fluss dümpeln zwei Stahlschiffe. „Hier gab es vor 25 Jahren ein paar Hütten, ringsum nur dichte Vegetation“, sagt Garve. Jetzt ist ein Betonkai mit Wellblechhalle in den Urwald geklotzt worden – Hafenanlagen für die neue Stadt. „Das muss für die Palmölindustrie sein“, vermutet Garve. „Das wird den Naturvölkern der Gegend den Todesstoß versetzen.“

Wie eine Spinne sitzt Dekai, der Vorposten der Zivilisation, im Asmat. Das Gebiet, auf Karten noch als intakter Regenwald ausgewiesen, wird in wenigen Monaten jener Monokultur weichen, der in den letzten zehn Jahren bereits die Tieflandregenwälder Borneos und Sumatras zum Opfer fielen – den Ölpalmen, die im Westen als „nachwachsender Rohstoff“ für Biodiesel gelten. Noch steht in West-Papua der letzte große zusammenhängende Regenwald Südostasiens. Aber schon kaufen Palmölkonzerne in großem Stil Land auf, um es abzuholzen. War West-Papua vor zehn Jahren noch zu 80 Prozent von Wald bedeckt, sind es heute nur noch 42 Prozent. Die Menschenrechtsorganisation Watch Indonesia befürchtet, dass es in zwölf Jahren keinen Tieflandregenwald mehr geben wird. Täglich stechen Schiffe in See, beladen mit wertvollem Tropenholz, meistens nach China. Die Papuas aber leben vom intakten Wald und pflegen ihn – wird er vernichtet, verlieren sie ihre Lebensgrundlage.

In den folgenden Tagen erlebt der Völkerforscher Roland Garve, was das neue „Zivilisationszentrum“ Dekai für den Asmat und seine Bewohner bedeutet. Auf dem Brazza werden Holz und Dschungelfrüchte zur Küste, Reis, Coca Cola, Benzin, Mopeds und Zement nach Dekai geschafft. Die Zivilisation greift sich den Wald und seine Bewohner. Welchen Nebenfluss man auch ansteuert – in den Siedlungen am Brazza, Kolff, Eilanden oder Garang leben Papuas, die Lumpen tragen und furchtbare Hautausschläge haben. Sie erzählen immer wieder die gleiche traurige Geschichte.

Aus dem Baumhaus vertrieben

Im Dorf Baygon, zwei Tagesreisen von Dekai entfernt, stehen achtzehn Pfahlbauten in Reih und Glied nach indonesischer Bauweise. Ein Dutzend Papuas eilen herbei. Die Frauen tragen Baströcke und Halsketten aus Tierzähnen, die Männer Turnhosen und T-Shirts. Es sind Leute vom Volk der Korowai, die die weißen Fremden zur Übernachtung in ihr Männerhaus einladen. Im Innern ist es wie eine traditionelle Papuahütte gestaltet, mit Feuerstelle, Muschelketten und Krokodilschädeln auf den Balken. Steinbeile hängen an den Wänden. Am Abend lassen sie das Rauchrohr herumgehen, wie ihre Ahnen.

Die Männer berichten, dass sie eigentlich tief im Wald „ganz oben auf dem Baum“ wohnten und bis vor kurzem noch nie einen weißen oder „gelben“ Mann – einen Indonesier – gesehen hätten. Doch vor fünf Monaten seien Soldaten gekommen und hätten befohlen, ihre Baumhäuser zu räumen, am Fluss neue Hütten zu bauen und Hosen anzuziehen. Man habe ihnen gedroht, sagt ein junger Papua: „Euch passiert dasselbe wie anderen Korowai weiter im Norden. Die wurden geschlagen, als sie nicht gehen wollten.“ Außerdem habe man ihnen Reis und Hühner versprochen. Aber es habe nur ein Mal Reis, Hemden und Turnhosen gegeben. „Seitdem sind wir hier. Aber im Dschungel war es viel besser.“

Jakarta sieht den Regenwald als ungenutztes Land, das man für Palmen und Siedler benötigt. Die Nationaldoktrin besagt zudem, es gebe keine Naturvölker, sondern nur mehr oder weniger zivilisierte Indonesier, und der erste Schritt zum „Zivilisierten“ ist die Turnhose. Auch deshalb werden die Menschen aus dem Wald geholt. Nicht nur in Dekai. „Überall werden die Papuas zwangszivilisiert – eine kulturelle Kolonisierung, die von der Weltgemeinschaft ignoriert wird“, sagt Garve.

Noch immer warten die Papuas in Baygon und anderswo auf Reis und Hühner. Sie waren einmal stolze Jäger. Jetzt wirken sie müde, traurig und von Krankheiten gezeichnet. Ihr Jagdrevier und ihre heiligen Stätten liegen Tagesmärsche entfernt. Sie beobachten, wie „gelbe Menschen“ mit Booten kommen, um Bäume zu schlagen und Krokodile zu jagen. Hilflos sehen sie zu, wie Fremde das Land ihrer Ahnen nehmen – und zerstören. „Früher“, sagt der junge Korowai, „war überall Wald. Aber die Regierung will keinen Wald.“ Er überlegt: „Sie mag keine Papuas.“ <>

Stark gekürzter und bearbeiteter Auszug aus dem neuen Buch von Roland Garve und Frank Nordhausen: „Laleo – Die geraubte Steinzeit“, Ch. Links Verlag.

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