“Das Jahrhundert des interreligiösen Dialogs”

Qantara.de, 15. Oktober 2015

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religionspolitische Fragen prägen Buchmesse
 

qantaraJulia Suryakusuma spricht in ihrer Muttersprache. Die indonesische Schriftstellerin hat sich seit dem 11. September 2001 viel mit dem Islam beschäftigt. “Seitdem wird der Islam oft mit Terrorismus gleichgesetzt. Plötzlich stand auch Indonesien in diesem Zusammenhang”, berichtet sie. Dann sagt sie einen Satz auf Englisch – als wolle sie sichergehen, dass ihn auch jeder Zuhörer versteht: Der Islam sei mit der Demokratie “very compatible”, sehr gut vereinbar.

Das Podium “Questions of Faith in Islam” (dt. Glaubensfragen im Islam) ist eines von vielen auf der Frankfurter Buchmesse, das sich mit Themen rund um Religion, interkulturellem Dialog und Meinungsfreiheit befasst. Die “politischste” Buchmesse seit langem hatten die Organisatoren im Vorfeld angekündigt.

Der diesjährige Ehrengast Indonesien steht dabei immer wieder im Fokus. Seit 1998 gilt in der nach Einwohnern viertgrößten Nation der Welt die Meinungs- und Redefreiheit, doch noch immer beklagen Menschenrechtler eine mangelnde Aufklärung der Vergangenheit, etwa des Massakers an Mitgliedern und Sympathisanten der Kommunisten Mitte der 1960er Jahre.

Auch die Gewalt gegen religiöse Minderheiten sei zuletzt wieder angestiegen, sagt die Co-Geschäftsführerin der Menschenrechtsorganisation Watch Indonesia!, Basilisa Dengen. Der Islam sei in dem südostasiatischen Land hingegen sehr vielfältig, betont Schriftstellerin Suryakusuma.

Überhaupt, der Islam. Bereits die Gastrede des indisch-britischen Schriftstellers Salman Rushdie auf der Eröffnungspressekonferenz lenkte den Blick auf das Spannungsfeld zwischen Islam und Meinungsfreiheit. Der Iran hatte seinen geplanten Nationalstand abgesagt, als Rushdies Auftritt angekündigt wurde – worauf der Autor wiederum mit einem Plädoyer für die Meinungsfreiheit reagierte.

Eine Begrenzung der Meinungsfreiheit sei nicht nur Zensur, sondern ein Angriff auf die menschliche Natur, so Rushdie, den seit 1989 eine Fatwa mit dem Tode bedroht. Ayatollah Khomeini hatte seinen islamischen Richtspruch damit begründet, dass Rushdies Buch “Die satanischen Verse” (1988) “gegen den Islam, den Propheten und den Koran” gerichtet sei.

Rushdie ist nicht der einzige bekannte Buchmessen-Gast zum Thema. Am Freitag spricht Hamed Abdel-Samad über sein umstrittenes Buch “Mohammed. Eine Abrechnung”. Auch gegen den deutsch-ägyptischen Politologen gab es bereits Mordaufrufe. Sein neuestes Werk, in dem er der Gewalt im Islam auf der Spur ist, erntete teils vernichtende Kritiken, hat jedoch soeben Platz 1 der Bestsellerliste des “Spiegel” erreicht.

Zwischen den Promis dominieren die gemäßigten Töne. Der Historiker Wolfgang Benz warnt vor Hetze gegen den Islam, der «in Europa seit langem heimisch ist». Kritik am Islam beruhe oftmals nicht auf Sachkenntnis, führt er aus: Gewalttäter missbrauchten die Religion und handelten nicht in ihrem Namen.

Auch der albanische Journalist Mustafa Nano sieht keine Gefahr eines “Zusammenpralls der Kulturen”. “Die Mehrheit sind keine Extremisten – weder die Mehrheit der Muslime noch die Mehrheit der Christen”, sagt er. Auf dem Podium namens “Der Islam gehört zu Europa. Der Balkan als europäisches Zuhause für Muslime” gibt es mehr Anregungen als Angst. “Mazedonien könnte ein Beispiel geben für das Zusammenleben von Christen und Muslimen”, meint der kosovarische Maler Ramadan Ramadani. Rund 40 Prozent der Bevölkerung des Balkanstaats sind Christen, etwa 17 Prozent Muslime – in keinem anderen europäischen Staat ist die Größe zweier Religionsgruppen so nah beisammen.

Die religiöse Freiheit biete die Chance, ein Land gemeinsam zu gestalten, sagt Ramadani. Dafür müssten die europäischen Muslime allerdings mehr zuhören, meint Dzevad Hodzic, Professor für Ethik in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. “Nur wer hinhört und die Meinungen anderer akzeptiert, wird fähig zur Selbstkritik.” Das Beispiel Bosnien beweise unterdessen, dass ein Miteinander möglich ist. Hodzic: “Ich denke, das 21. wird das Jahrhundert des interreligiösen Dialogs.” (KNA)

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