Information und Analyse

Glückwünsche zum 69. Unabhängigkeitstag der Republik Indonesien

Information und Analyse, 17. August 2014

von Alex Flor

Hunderte Millionen Menschen in Indonesien und in aller Welt feiern heute den Nationalfeiertag der Republik Indonesien. Die Proklamation der Unabhängigkeit heute vor 69 Jahren beendete die über Jahrhunderte währende Kolonialherrschaft der Firma VOC (Vereinigte Ostindische Kompanie) und  des Königreichs Niederlande sowie die kurzfristige, nicht minder grausame, Besatzung seitens Japans gegen Ende des 2. Weltkrieges.

Babi-gulingGemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern Indonesiens verneigen wir uns vor den unzähligen Opfern und dem unermesslichen Leid, welches Kolonialismus und Gewaltherrschaft über das indonesische Volk gebracht haben.

Der 17. August 1945 war zweifelsohne ein Wendepunkt in der Geschichte, den es gebührend zu feiern gilt, wenngleich der Konflikt um die Unabhängigkeit seinerzeit noch mehr als vier Jahre andauern sollte, bis auch die ehemalige Kolonialmacht Niederlande 1949 sich zu deren Anerkennung gezwungen sah.

Die Säulen des neuen Staates waren die Verfassung von 1945 (UUD 45), das Staatsmotto »Einheit in Vielfalt« (Bhinekka Tunggal Ika), die Staatsphilosophie Pancasila und das Bekenntnis zur staatlichen Einheit.

Die Verfassung von 1945 garantiert die Religionsfreiheit.
Das Staatsmotto »Einheit in Vielfalt« steht für die gleichwertige Anerkennung aller Kulturen, Religionen und Sprachen des neuen Staates.
Die Staatsphilosophie Pancasila stand für die gleichberechtigte Anerkennung aller Religionen. Sie wurde als ausdrückliche Absage an eine Dominanz des Islam, der am weitesten verbreiteten Religion, verstanden. Auch christliche, hinduistische, buddhistische und andere StaatsbürgerInnen sollten sich als solche verstanden wissen.
Nur unter Berücksichtigung dieser drei Säulen war es überhaupt möglich, aus dem Vielvölkerstaat eine staatliche Einheit zu schmieden, welche die vierte Säule des neuen Staates darstellen sollte.

Die traurige Realität: ein »religiös Abtrünniger« als Komponist der Nationalhymne

Bei den heutigen Feierlichkeiten werden Abertausende die Nationalhymne »Indonesia, tanah airku« anstimmen. Die Hymne wurde von Wage Rudolf Supratman komponiert und symbolisiert die bereits genannten vier Säulen der Republik Indonesien.

Wage Rudolf Supratman war ein Patriot seines Landes. Aber Wage Rudolf Supratman gehörte der Ahmadiyyah an, einer Glaubensrichtung, die in Indonesien seit einigen Jahren brutal verfolgt wird. In Cikeusik, Banten, wurden Anhänger dieser Religion 2011 vor laufenden Kameras von einem aufgebrachten Mob brutal hingerichtet, während die Polizei tatenlos zuschaute.

Vertreter der Regierung und der Justiz Indonesiens bezeichneten die Ahmadiyyah als eine »abtrünnige Glaubensrichtung«. Staatspräsident Susilo Bambang Yudhoyono erklärte bereits 2007: »We must all take strict measures against deviant beliefs« (Wir alle müssen harte Maßnahmen gegen abtrünnige Glaubensrichtungen ergreifen).

Moscheen der Ahmadiyyah in Indonesien bleiben versiegelt. Opfer von Pogromen leben auf Lombok seit Jahren in Flüchtlingslagern. Mit lebenslangen schweren Behinderungen aufgrund der Übergriffe in Cikeusik Überlebende wurden als »Provokateure« zu Haftstrafen in gleicher Höhe wie die maßgeblichen Täter bestraft.

Möge beim Gedanken daran, dass Wage Rudolf Supratman, sich heute wegen seines Glaubens verstecken müsste, einigen derer, die heute stolz die Nationalhymne Indonesiens singen möchten, die Stimme im Hals stecken bleiben!

Musterland der religiösen Toleranz?

Auch deutsche PolitikerInnen müssen sich fragen lassen, welche Mitschuld sie an den tätlichen Übergriffen auf Andersgläubige in Indonesien teilen. Volker Kauder, Fraktionschef der CDU/CSU im Deutschen Bundestag, wird nicht müde, sein Engagement für verfolgte Christen in aller Welt zu unterstreichen. In Indonesien werden christliche Gemeinden seit Jahren daran gehindert, ihre Gottesdienste in der Kirche zu begehen. Ungeachtet höchstgerichtlicher Urteile weigern sich lokale Behörden die fraglichen Kirchen für den Gottesdienst freizugeben. Präsident Susilo Bambang Yudhoyono und seine Administration hüllen sich diesbezüglich in Schweigen.

Das hinderte Volker Kauder und weitere namhafte PolitikerInnen des Westens nicht daran, Indonesien als ein Musterbeispiel des harmonischen Zusammenlebens unterschiedlicher Religionen darzustellen. Im Mai 2013 wurde Susilo Bambang Yudhoyono gar mit dem »World Statesman Award for religious freedom« der Organisation »Appeal of Conscience Foundation« in New York ausgezeichnet.

Feierlichkeiten zum 17. August in Berlin

Seine Exzellenz, der Botschafter der Republik Indonesien in Deutschland, Dr. Ing. Fauzi Bowo, trat sein Amt erst Anfang dieses Jahres an, nachdem er als Kandidat für die Wiederwahl im Amt des Gouverneurs der Hauptstadtprovinz DKI Jakarta kläglich gescheitert war. Im Verlaufe dieses zum Teil schmutzig geführten Wahlkampfes spielten einige seiner Unterstützer die religiöse bzw. die ethnische Karte: die stimmberechtigten EinwohnerInnen Jakartas wurden aufgerufen, keinen Kandidaten zu wählen, der nicht selbst aus Jakarta stammte und dessen Vize ein chinesisch-stämmiger Christ war. Jakarta müsse islamisch wählen! Es ist nicht überliefert, dass sich der unterlegene Kandidat Fauzi Bowo von solchen Äußerungen distanzierte. Nach seiner Niederlage wurde er zum Botschafter in Berlin berufen.

Heute lädt seine Exzellenz Dr. Ing. Fauzi Bowo die indonesische Gemeinschaft zur Feier des Jahrestages in seine Residenz ein. Gemeinsam wird man die Nationalhymne singen und kaum jemand wird dabei an die unterdrückte Minderheit der Ahmadiyyah denken.

Hunderte von Gästen werden danach auf Kosten der Botschaft mit indonesischen Speisen und Getränken verköstigt werden. Alles garantiert halal (islamisch rein)!

Angesichts dessen fragen sich einige hier lebende Bürgerinnen und Bürger Indonesiens erneut, ob sie eigentlich als vollwertig gezählt werden. Indonesische Christen genießen zum Feiern von Festen gerne ein paar alkoholische Getränke – Tuak (Palmwein), Arak (Reisschnaps) oder einfach Wein und Bier. Für Hindus und Papua ist ein Festmahl ohne Schweinefleisch kein Festmahl, sondern eine Zwangsdiät. Warum sollten sie sich in einem Staat, der sich zur »Einheit in Vielfalt« bekennt, dem Ernährungskodex der muslimischen Mehrheit unterwerfen?

Babi Guling – gratis!

Ab 12.00 Uhr heute Mittag lädt eine Gruppe von »wahren IndonesierInnen« auf dem Tempelhofer Feld in Berlin zur Feier des indonesischen Unabhängigkeitstages mit original balinesischem Babi Guling (Spanferkel) – gratis für alle. Selbstverständlich sind auch alle eingeladen, die aus religiösen oder sonstigen Gründen (Vegetarier, Veganer) kein Schweinefleisch essen. Die Veranstalter bitten um das Mitbringen von Getränken, zu grillender Speisen und Musikinstrumenten. Grillgeräte (halal) für die Zubereitung stehen zur Verfügung.

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