Streit über Ökosiegel für Palmöl

Frankfurter Rundschau, 05. September 2013

 

GIZ-Forum Greenwashing vorgeworfen / Konzerne Henkel, Unilever und Rewe dabei

von Oliver Ristau

Die Farbe des Protests ist grün. Hedwig Zobel rührt in einem Eimer mit Spülmittel, drückt Seifenschaum aus zwei Putzschwämmen. Die 62jährige Berlinerin von der Nichtregierungsorganisation (NGO) „Rettet den Regenwald“ protestiert gegen Palmöl, genauer: gegen die Gründung einer Organisation, die den nachhaltigen Anbau von Ölpalmen fordern will. „Für Palmöl wird Regenwald vernichtet“, ruft sie unter dem Getöse von Trillerpfeifen. Ein Ökosiegel zu vergeben für ein Produkt, für das artenreiche Urwälder abgeholzt wurden, sei ein Widerspruch in sich. „Das ist nicht nachhaltig. Das ist Augenwischerei – Greenwashing.“

Die Demonstration der NGOs wie Robin Wood und Urgewald zielt auf das „Forum Nachhaltiges Palmöl“. Die dem Entwicklungsministerium unterstellte Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat das Gremium diese Woche in Berlin aus der Taufe gehoben. Dort haben sich Industrievertreter organisiert, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz Produkte verarbeiten oder vertreiben, die Palmöl enthalten. Dazu zählen der Düsseldorfer Chemieriese Henkel, der das Öl aus den Kernen der Palmfrüchte zur Gewinnung von Waschmitteln einsetzt, der niederländische Lebensmittelkonzern Unilever sowie die Kölner Handelsgruppe Rewe. Rund die Hälfte der Produkte eines Supermarktes enthalten nach Branchenauskunft Palmöl, zum Beispiel Schokoriegel, Fertiggerichte, Margarine sowie Kosmetika und Putzmittel.

„Bis Ende 2014 wollen unsere Mitglieder nur noch Palmöl einsetzen, das zu 100 Prozent nachhaltig zertifiziert ist“, gibt Forum-Generalsekretär Daniel May die Ziele wieder. Derzeit sind es nach Branchenschätzung 20 bis 30 Prozent. May glaubt, dass das zu schaffen ist: „Die Mengen gibt es schon. Derzeit findet aber weniger als die Hälfte des weltweit zertifizierten Palmöls Käufer.“

Dass die Nachfrage bisher gering ist, liegt an einem Grundproblem. Ölpalmen wachsen weltweit fast ausschließlich auf Flächen, auf denen einst Regenwald stand. Das macht das Thema Nachhaltigkeit per se schwierig. „Wir können die Abholzung nicht rückgängig machen. aber jetzt dafür sorgen, dass die Bedingungen auf den Plantagen fair sind“, sagt May. Die Siegel unterscheiden sich etwa in der Frage, wie lange die Abholzung her ist. Das meist verbreitete Zertifikat ist das der Nachhaltigkeitsorganisation der Palmölindustrie RSPO (Roundtable on Sustainable Palmoil). Sie verleiht Ihr Gütesiegel an Plantagen, für die der Regenwald vor 2007 gerodet wurde.

Doch obwohl es seit Jahren auf vielen Produkten prangt, räumt RSPO-Präsident und Unilever·Manager Jan Kees Vis ein: „Bisher kann man vor Ort keine Effekte sehen.“

Ölpalmen wachsen weltweit fast nur auf Flächen, auf denen einst Regenwald stand

Im Gegenteil: Nach Auskunft der Umweltorganisation Greenpeace war von 2009 bis 2011 keine Branche stärker an der Abholzung von Regenwäldern in Indonesien beteiligt als die Palmölindustrie. Ein bedeutender Teil fiel dabei in den Verantwortungsbereich von Firmen, die das RSPO-Siegel in Anspruch nehmen, wie etwa die in Singapur ansässige Wilmar International. Den Unternehmen konnte Greenpeace auch Brandstiftung nachweisen. RSPO-Chef Vis weiß, dass es schwarze Schafe gibt, die das Siegel missbrauchen, will die Firmen aber nicht an den Pranger stellen und aus der Organisation ausschließen. „Das ist eine Gratwanderung, aber wir wollen die Unternehmen dazu bewegen, sich künftig anders zu verhalten.“

Die Probleme sind groß. So schwelen in Indonesien nach Aussage der NGO Watch lndonesia! rund 7000 ungeklärte Landkonflikte zwischen Palmölfirmen auf der einen sowie Indigenen und Bauern auf der anderen Seite. Der Druck auf die Wälder lässt nicht nach. „Trotz aller Nachhaltigkeitsbemühungen geht die Abholzung der Regenwälder weiter“, sagt Watch Indonesia!-Vertreterin Adriana Sri Adhiati. NGOs wie Robin Wood und Rettet den Regenwald wollen daher, dass Palmöl grundsätzlich geächtet wird. Doch auch das ist schwierig, da das Öl der Palmfrüchte das meist verbrauchte Pflanzenfett weltweit ist – vor Soja und Raps. Nach Ansicht der GIZ ist es „unmöglich vollständig zu ersetzen“.

Es ist aber nicht nur die Sorge um die Regenwälder, die die Palmöl verwendende Industrie in Europa umtreibt, sich um Nachhaltigkeit zu kümmern. Ab Ende 2014 gilt eine neue EU-Richtlinie zur Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln. Die Firmen müssen dann genau angeben, welche Öle in ihren Produkten stecken. Der Aufdruck „Pflanzenfett“ allein reicht dann nicht mehr aus. ♦

PRODUKTlON

Ölpalmen stammen ursprünglich aus Afrika. Sie wuchsen wild in Regenwäldern, wo konstante Temperaturen und Regenfälle für sie ein ideales Klima bilden. Weltweit werden heute in allen Tropengürteln Plantagen angebaut, für die Urwälder gerodet wurden. Nach Auskunft der Welternährungsorganisation wurden voriges Jahr 235 Millionen Tonnen Palmölfrüchte produziert, viermal so viel wie 20 Jahre zuvor, zwei Drittel davon in Indonesien und Malaysia. Daraus wurden rund 55 Millionen Tonnen Öl gewonnen.

Deutschland verbrauchte 2012 rund 1,5 Millionen Tonnen. Das Fruchtfleisch der Palmen liefert vor allem Speisefette für Lebensmittel, ist aber auch Rohstoff für Biodiesel.

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