Papua: Wälder, Menschen, Ausverkauf

Naturschutz im Saarland, Ausgabe 2/2011
Magazin des NABU Saarland e.V.

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2011 zum Internationalen Jahr der Wälder ausgerufen. Nach ihren Schätzungen gehen jährlich weltweit 130.000 km2 Wald verloren. Schuld daran sind die Umwandlung in Acker-, Weide- und Plantagenflächen, in Infrastrukturen und Siedlungen, aber auch die Nachfrage nach Tropenholz und Bodenschätzen. Laut IPCC gehen über 20 % der jährlichen anthropogenen, also vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen – mehr als die gesamten Emissionen des globalen Verkehrssektors – auf das Konto von Entwaldung und Walddegradierung.

logo_nabu_slMarianne Klute von Watch Indonesia! erläutert die Gründe für die ungebremste legale und illegale Abholzung der letzten intakten Regenwälder Indonesiens und die Zusammenhänge zwischen internationalem Rohstoffhunger und dem Ausbau der Agroindustrie in Papua.

Barbara Böhme: Marianne, als Du 2007 bei uns im Saarland warst, sprachst Du von Papua als „der letzten Front“. Wie sieht die Situation heute, vier Jahre danach, dort aus?

Marianne Klute: Papua ist die letzte Front der Holzindustrie, nachdem der Regenwald von Sumatra und Borneo so gut wie abgeholzt ist. Auf Sumatra ist der Wald in 30 Jahren Akazien- und Ölpalmenplantagen gewichen, auf Borneo sind heute alle erreichbaren Wälder verschwunden. Die Holzindustrie ist nach Papua abgewandert, das vor einer Generation noch zu drei Viertel mit intakten Wäldern bedeckt war. Seit den 1980er Jahren gibt es großflächige Holzeinschlagskonzessionen auf Papua. Das bekannteste Holz ist Merbau. Seit 2001 wird massiv eingeschlagen, 90 % davon illegal. Holzkonzerne aus Indonesien, Malaysia, Korea und China versorgen den Weltmarkt mit Tropenholzprodukten aus Papua. Für die einheimische Bevölkerung ist dieser Verlust mehr als nur Umweltzerstörung. Die meisten Einwohner leben im und vom Wald; er ist die Basis ihrer Existenz und ihrer Kultur. Nach dem Willen der indonesischen Regierung soll Papua seit 2007 für die Agroindustrie erschlossen werden. Agrarunternehmen kaufen in großem Stil Land in Papua auf, hauptsächlich für Palmöl. Gerade im Süden Papuas hat der Tropenwald mit den asiatischen Wäldern wenig gemein. Der Einfluss Austronesiens drückt sich in Flora und Fauna aus: es gibt Eukalyptuswälder, Trockenwälder und Savannen. Hier leben Baumkängurus. Im Vogelkopfgebiet schlägt gerade der Konzern Medco-Energy 45.000 Hektar intakten Regenwald ein.

Die weltweite Nachfrage nach billigem Palmöl für die Nahrungs-, Waschmittel- und Kosmetikindustrie hat Indonesien mittlerweile zum Weltmarktführer in diesem Sektor, zum drittgrößten globalen CO2-Emittenten und zu einem Hauptverursacher der Waldzerstörung gemacht. Wie sehen die weiteren Pläne der indonesischen Politik aus?

Papua ist die Region, in der die indonesische Regierung noch „ungenutztes“ Land vermutet. Das ist nur ein Teil der gesamten ehrgeizigen Pläne, die 2006 bis 2007 als Reaktion auf die Biospriteuphorie entstanden sind. Innerhalb kürzester Frist wurden die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Privatinvestoren geschaffen. Ziel ist der Ausbau der Plantagen bis 2025 auf 26 Millionen Hektar, davon 7 Millionen Hektar in Papua und 10 Millionen Hektar auf Borneo. Nach der Entwaldung wird häufig das Restholz abgebrannt, und jedes Jahr von Mai bis November liegen Sumatra und Borneo unter dicken Rauchwolken. Das schlimmste Feuerjahr war 1997, als die CO2-Emissionen aus Indonesien 30 % der globalen Emissionen ausmachten. Indonesische Umweltverbände beschuldigen die Plantagenunternehmen, für 80 % der Waldbrände verantwortlich zu sein. Auch die Bevölkerung rodet den Wald mit Feuer, hauptsächlich weil sie von den Megaplantagen von ihrem Land verdrängt wird und eine neue Existenz sucht.

Das Etikett des Umweltsünders will sich Indonesien trotz allem nicht anheften lassen. Es ist deshalb dem UN Waldschutzprogramm REDD beigetreten. Was darf man sich von dieser Initiative für den Schutz der Wälder und den Erhalt der Artenvielfalt erhoffen?

Wenig. Allein die Größenordnung der gegenwärtigen und zukünftigen Abholzungen für Palmöl und andere Agrarkommoditäten übertrifft sämtliche potenziellen REDD-geschützten Wälder. Emissionen können nur reduziert werden, wenn die Wälder wachsen. Es reicht nicht, ein paar Prozent von der Entwaldung auszunehmen. Auch zum Erhalt der Artenvielfalt bedarf es zusammenhängender Räume. REDD-Projekte sind nicht die Lösung. Andererseits bewirkt REDD ansatzweise ein Umdenken der indonesischen Umweltpolitik. Wenn nun auch der Forstsektor mitzieht und den Wald nicht nur monetär bewertet, wäre schon einiges gewonnen.

Nach dem Jahr der Biodiversität 2010 erklärten die Vereinten Nationen das Jahr 2011 zum Internationalen Jahr der Wälder. Was kann nach Deiner Einschätzung ein solches Mottojahr gegen die Zerstörung der Regenwälder Indonesiens bewirken?

Konkret fließen in Indonesien Gelder für Aufforstungsprogramme. Das hört sich weniger gut an, wenn klar wird, dass hauptsächlich Holzplantagen aufgeforstet werden. Dies kommt vor allem der Papierindustrie zugute. Ein Mottojahr kann im besten Fall Bewusstsein schaffen. Die Regenwälder Indonesien werden davon nicht profitieren, denn sie sind eine der wichtigsten Ressourcen, mit denen Devisen erwirtschaftet werden.

Aktuell wird in Deutschland wieder intensiv über das Thema Biokraftstoffe – Umweltschützer sprechen zutreffender von Agrokraftstoffen – debattiert. Was hat die Erfüllung der Klimaschutzziele in Deutschland mit der rasanten Zunahme der Waldzerstörungen in Indonesien zu tun?

Die Agrokraftstoffpolitik hat zur Folge, dass Indonesien seinen Palmölmarkt ausbaut. Ein Vorwand, denn tatsächlich geht nur ein kleiner Teil des Palmöls in den Tank. Meiner Meinung nach hat die Realität des „land grabbing“ und der Regenwaldzerstörung nichts mit Klimaschutz zu tun. Es geht um die Sicherung der Energieversorgung auf der einen Seite und um den Kampf um Wirtschaftsmacht auf der anderen Seite.

Der NABU Deutschland und seine zahlreichen Aktiven engagieren sich „für Mensch und Natur“. Was können wir hier in Deutschland und auch als Aktive im NABU dazu beitragen, die Waldzerstörung zu bremsen?

Ansetzen muss man an zwei Seiten: bei den Produzenten und bei den Konsumenten. Erst der hohe Konsum schafft die Nachfrage, die häufig die Verletzung von Menschenrechten zur Folge hat. Unser Verhalten ist daher von zentraler Bedeutung. Umweltverbände wie der NABU sollten aufklären. Sie sollten Effizienz, nachhaltige Technologien und ein Umdenken fordern. Ähnliches muss auch in Indonesien geschehen, das seine Ressourcen verbraucht, ohne an die Zukunft zu denken. Auf der Ebene der internationalen Politik müssen die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte gestärkt werden, das Recht auf Land, Nahrung, Wasser, Gesundheit, Bildung. Da kann der NABU informieren und politisch aktiv werden. <>

Das Interview führte Barbara Böhme, aktives Mitglied im NABU St. Ingbert und Sprecherin der Bürgerinitiative „Kein Strom aus Palmöl!“

Glossar:

REDD: Reducing Emissions from Deforestation and Degradation (Minderung der Emissionen aus Entwaldung und Waldschädigung)
IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change

 

Das gesamte Magazin finden Sie hier (PDF, 5,5 MB)

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