Buchbesprechung:
«Die Freiheit, für die wir kämpfen…» Osttimor in der Unabhängigkeit

Südostasien, Zeitschrift für Politik – Kultur – Dialog, Nr. 4/2011, www.asienhaus.de

von Ruth Streicher

soaOsttimor? Da war doch was. Vor beinah zehn Jahre wurde der kleine Halbinselstaat mit seinen rund eine Million Einwohnern offiziell unabhängig. Während eine erneute Welle der Gewalt im Frühjahr 2006 sowie ein Anschlag auf José Ramos Horta im Februar 2008 noch für Schlagzeilen sorgten, ist das Land mittlerweile fast gänzlich aus dem öffentlichen Diskurs in Deutschland verschwunden. Im Namen von Watch Indonesia! haben sich Henri Myrttinen, Monika Schlicher und Maria Tschanz dieser Leerstelle angenommen und sich in Osttimor auf die Suche nach den Fragen gemacht, die die Menschen dort aktuell beschäftigen – um sie für ein deutsches Publikum zu dokumentieren.

Herausgekommen ist ein politisches Lesebuch. Es überzeugt vor allem deshalb, weil es Menschen vor Ort ausführlich zu Wort kommen lässt und damit vermeidet, vereinfachte Antworten zu liefern. Neben ausführlichen Hintergrundartikeln zur politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, zur Vergangenheitsaufarbeitung und zum Umgang mit Veteranen, werden die Ansichten und Träume einzelner TimoresInnen in Lebensgeschichten vorgestellt.

So begegnen wir der 50jährigen Hausfrau Olinda, die 14 Kinder geboren hat, von denen nur die Hälfte überlebte. Für sie, die um das tägliche Überleben ihrer Familie kämpft und um die Zukunft ihrer Kinder bangt, hat sich mit dem politischen Umbruch nichts an der miserablen Ernährungslage geändert. Die junge NGO-Mitarbeiterin Luizinha hingegen engagiert sich nicht nur beruflich für Frauenrechte, sondern will auch privat ihre Kinder zu mehr Selbstvertrauen ermutigen. Auch wenn sich die Ideale der ehemaligen Widerstandskämpferin noch lange nicht verwirklicht haben, glaubt sie an eine Zukunft Osttimors jenseits von Nepotismus, Korruption und Ungleichheit.

Generationen- und Klassenunterschiede in Osttimor behandelt das Buch anhand konkreter Beispiele. Geschlechterrollen werden in diesem Zusammenhang besonders konsequent thematisiert. So erläutern die HerausgeberInnen in einem Beitrag, warum die Implementierung des neuen Gesetzes gegen häusliche Gewalt schleppend verläuft. Und lassen anschließend eine junge Haushaltshilfe zu Wort kommen, die Schläge ihres Mannes als legitimes Erziehungsmittel akzeptiert. Die Lebensgeschichte des jungen Olivio bietet da ein positives Gegenbeispiel: er setzt sich im Rahmen einer Männer-Organisation für den Abbau von häuslicher Gewalt gegen Frauen ein.

Fingerspitzengefühl beweisen die HerausgeberInnen auch bei der Auswahl der Beiträge zum Thema Vergangenheitsbewältigung. Hier kommen Problematiken zur Sprache, die in Osttimor lange unter den Teppich gekehrt wurden. Helena van Klinken berichtet über die Verschleppung von rund 4.000 osttimoresischen Kindern während der Besatzungszeit und beschreibt die heutige Suche nach Angehörigen, die bisher nur in seltenen Fällen von Erfolg gekrönt war. Auch Mitglieder der Organisation „Komitee 12. November“ schildern im Interview ihre Suche nach Verschwundenen. Sie hoffen, die Leichen der Opfer des Santa Cruz Massakers vom 12. November 1991 zu bergen, und ihre sterblichen Überreste den Familien zu übergeben und so ein würdevolles Begräbnis zu ermöglichen.

„Und doch verbindet die Menschen etwas,“ schreibt Victoria Kumala-Sakti in ihrem Kapitel zum Umgang mit der grauenvollen Vergangenheit, „es ist der Schmerz“. Im März 2010 stößt eine Baufirma bei den Aushebungen für das erste 5-Sterne-Hotel Osttimors am Rande der Hauptstadt Dili auf die sterblichen Überreste von neun Leichen, vermutlich Opfer der indonesischen Besatzung. Unzählige Menschen erscheinen zur Trauermesse, um für die Seelen der Toten zu beten. Zehntausende weiterer Leichen bleiben verschwunden. Auf der Messe entlädt sich auch der Zorn der Menschen über die Arroganz der politischen Elite und die fehlende Anerkennung ihrer Leistungen im Kampf für die Unabhängigkeit.

Den HerausgeberInnen ist mit „Die Freiheit, für die wir kämpfen“ eine umfangreiche Sammlung an authentischem Material zu den wichtigsten aktuellen Themen in Osttimor gelungen, die im deutschsprachigen Raum bisher seinesgleichen sucht und es verdient hat, jenseits eines kleinen Expertenkreises gelesen zu werden. <>

 



 

Henri Myrttinen, Monika Schlicher, Maria Tschanz (Hrsg.): «Die Freiheit, für die wir kämpfen…» Osttimor in der Unabhängigkeit – Ein politisches Lesebuch, Berlin, 2011, Regiospectra Verlag, 190 Seiten, ISBN: 978-3940-132-26-0, www.regiospectra.de

Das Buch ist für 18,90 € erhältlich bei Watch Indonesia!
www.watchindonesia.org/books.htm#Bestellcoupon

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