Information und Analyse

Garuda in Turbulenzen

22. März 2005

Von Alex Flor

Lord Krishna rides Garuda King of Birds

Krishna flog mit Garuda. Er überlebte.

Ein riesiger Adler diente in der indonesischen Sage dem Helden Arjuna als Reittier. Schnell und sicher trug Garuda ihn durch die Lüfte. Heute ist der Vogel weniger exklusiv. 8 Mio Passagiere transportierte Garuda im vergangenen Jahr – wenngleich nicht immer schnell und sicher. Garuda Indonesia ist die staatliche Luftfahrtgesellschaft Indonesiens. Und wie es scheint, ist Garuda an der Vogelgrippe erkrankt. Im September erlag ein Passagier auf dem Weg nach Amsterdam der Krankheit Garudas. Munir, der bekannteste Menschenrechtler des Landes wurde an Bord einer Garudamaschine mit Arsen vergiftet. Er starb wenige Stunden vor der Ankunft in Amsterdam.

Kollegen, Freunde und einst von Munir vertretene Opfer von Menschenrechtsverletzungen demonstrierten am Montag vor der Firmenzentrale von Garuda im Herzen Jakartas. Sie forderten, das Unternehmen möge Verantwortung übernehmen und sich aktiv an der Ermittlung im Mordfall Munir beteiligen. Bislang hatte sich Garuda in dieser Sache wenig kooperativ gezeigt. Dabei gilt inzwischen als gesichert, dass führende Mitarbeiter der Airline eine tragende Rolle in dem Mordfall spielten. Einer von ihnen ist Airbuspilot Pollycarpus. Seit vielen Wochen konzentriert sich der Verdacht des unabhängigen Fact-Finding-Teams, das auf Druck von Nichtregierungsorganisationen ins Leben gerufen wurde, auf seine Person. Pollycarpus hatte Munir wenige Tage vor dessen Abreise nach Amsterdam angerufen und erzählt, dass er zufällig in der selben Maschine fliegen werde. Pollycarpus leugnet diesen Anruf, kann aber nicht erklären, wie seine Handynummer in den Speicher von Munirs Telefon gelangen konnte. Auf der Teilstrecke von Jakarta nach Singapur arbeitete Pollycarpus nicht als Pilot, sondern als Kabinenpersonal in der Business Class. Scheinbar großzügig bot er Munir an, von der Economy Class in die Business Class zu wechseln. Munir akzeptierte. Die tödliche Dosis Arsen, der Munir wenige Stunden später auf dem Weiterflug nach Amsterdam erliegen sollte, wurde ihm in einer Mahlzeit oder einem Getränk zugeführt, das ihm in der Business Class gereicht wurde. Pollycarpus hatte offenbar die Aufgabe, sicherzustellen, dass Munir auf dem richtigen Platz sitzt.

Pollycarpus ist kein Einzeltäter. Er begründete seinen Flug nach Singapur später damit, dass er als Sicherheitsoffizier gerufen wurde, weil eine Garudamaschine in Singapur ein technisches Problem am Fahrgestell hatte. Sonderbar, dass Pollycarpus dieses Problem in wenigen Nachtstunden zwischen seiner Ankunft am späten Abend und seiner Rückreise mit der Frühmaschine nach Jakarta gelöst haben will. Sonderbar auch, dass der Auftrag für diesen Einsatz erst über eine Woche später geschrieben wurde und nicht wie üblich vom Operational Director, sondern vom Garuda-Vizepräsidenten für Unternehmenssicherheit, Ramelgia Anwar, unterzeichnet wurde. Zahlreiche weitere Ungereimtheiten deuten darauf hin, dass bei Garuda mehrere Personen auf mittlerer und höchster Ebene in die Mordpläne eingeweiht waren und sich aktiv an deren Umsetzung beteiligten.

Jedes andere kundenorientierte Unternehmen würde auf solch einen Verdacht hin wohl alles in Bewegung setzen, um den Schaden in Grenzen zu halten. Nicht so bei Garuda. Es habe seit Munirs Tod keine signifikante Veränderung im Passagieraufkommen gegeben, erklärte ein Sprecher des Unternehmens. Anlass, sich zufrieden zurückzulehnen, besteht jedoch selbst dann nicht, wenn man die Richtigkeit dieser Bemerkung unterstellt. Die Flüge von Garuda sind im Schnitt nur zu 60% ausgelastet – weit unterhalb des internationalen Durchschnitts von 87%. Das Unternehmen befindet sich mit 845 Mio US$ tief in den roten Zahlen. Aufgrund dieser verheerenden Unternehmensbilanz wechselte der Minister für Staatsunternehmen, Sugiharto, letzte Woche kurzerhand das gesamte Management aus. Der drohende Ansehensverlust wegen des Mordes an Munir war in diesem Zusammenhang allerdings kein Thema.

Dennoch gibt es Hinweise, dass sich die neue Unternehmensspitze ihrer Herausforderung bewusst ist. Nachdem Pollycarpus nach wochenlanger Verzögerung am Samstag endlich offiziell als Verdächtiger benannt und in Untersuchungshaft genommen wurde, lässt sich kaum mehr verhindern, dass sich der Verdacht auf andere leitende Mitarbeiter des Unternehmens ausweitet. So zeigte sich der neu bestellte Generaldirektor am Montag offen für ein Gespräch mit einer von den Demonstranten benannten Delegation. Ihr gegenüber sicherte er zu innerhalb von 14 Tagen eine Verbindungsstelle einzurichten, an die sich das unabhängige Untersuchungsteam, die Ermittlungsbehörden und die Öffentlichkeit jederzeit wenden könnten. Des weiteren werde er veranlassen, dass eine mit zwielichtigen Argumenten verschobene Rekonstruktion des Tathergangs in einer typgleichen Maschine ebenfalls innerhalb der nächsten 14 Tage durchgeführt werde. Die Verkündung dieser Kooperationsbereitschaft wurde von den Demonstranten mit Beifall bedacht.

Gesetzt den Fall, der Tathergang könnte mit Hilfe des neuen Managements tatsächlich aufgeklärt werden, so bliebe dies jedoch nur ein erster Schritt. Weiterhin offen bliebe die Frage nach den Hintermännern der Konspiration mit Angestellten von Garuda und deren Motiven. Verschiedene Hinweise lenken den Verdacht in Richtung des Geheimdienstes BIN. Der derzeitige Hauptverdächtige Pollycarpus ist beispielsweise in Besitz einer Pistole, für die er über einen von BIN ausgestellten Waffenschein verfügt. Sollte sich dieser Verdacht erhärten, wird die neue Führungsspitze von Garuda zu klären haben, in welchem Ausmaß das Unternehmen vom Geheimdienst unterwandert ist. Nur wenige Fluggäste werden bereitwillig darüber hinwegsehen, dass ihre persönlichen Daten möglicherweise über die Buchung eines Flugtickets direkt in die Computer des Geheimdienstes wandern.

Solange die Frage der Hintermänner nicht eindeutig geklärt ist, gibt es für Pollycarpus keinen sichereren Aufenthalt als die Untersuchungshaft. Erst kürzlich wurde er auf einem Motorrad fahrend auf freier Strecke von einer schwarzen Limousine gerammt, so dass er im Straßengraben landete. Glücklicherweise kam er mit ein paar Schrammen davon. Der Fahrer der Limousine beging Fahrerflucht. Es drängt sich der Verdacht auf, dass jemand versuchte, den in Bedrängnis geratenen Pollycarpus um die Ecke zu bringen, bevor er gegenüber den Ermittlungsbehörden auspackt.

Die Zusammenhänge derart komplizierter Fälle aufzudecken war eine der Stärken Munirs. Aber Munir wird nie mehr einen Fall aufdecken. <>

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