„Dann stehen die Deutschen dumm da“

Neues Deutschland, 26./27. Oktober 1996

Interview mit Pipit Kartadidjaja, Watch Indonesia!

Neues-DeutschlandKurz vor Kanzler Kohls Abreise ist bekannt geworden, daß das Verwaltungsgericht in Jakarta die Haftstrafe für den Oppositionspolitiker Sri-Bintang Pamungkas bestätigen will.

Für uns ist die Verurteilung von Bintang Pamungkas von Anfang an nicht rechtmäßig, die Beschuldigung, er hätte auf einer Veranstaltung in Berlin Suharto einen Diktator genannt, ist unbegründet.

Muß Pamungkas, der nun auch für das Präsidentenamt gegen Suharto kandidiert, ins Gefängnis?

Erst muß noch über seine Berufung entschieden werden. Vor ein paar Tagen hat er mir geschrieben, dass das Berufungsgericht ihn möglicherweise verurteilen wird. Das heißt, er muß ins Gefängnis. Aber das hängt natürlich auch davon ab, ob sich Helmut Kohl für ihn stark macht.

Kohl hat sich bisher im Unterschied zu anderen deutschen Politikern nicht klar zu diesem Prozeß geäußert.

Wir erwarten da natürlich etwas mehr. Bintang hat auch einen entsprechenden Brief an den Bundeskanzler geschrieben. Darin hat er aber Helmut Kohl wegen der Übergriffe des Militärs am 27. Juli geraten, nicht nach Indonesien zu kommen, weil der Besuch als eine Legitimation jener Verfolgungen Oppositioneller aufgefasst werden kann. Übrigens haben die USA-Organisation Center for Human Rights im gleichen Sinne an Kohl geschrieben.

Wie ist die Situation der Demokratiebewegung nach dem 27. Juli?

In Jakarta ist die Lage weiter gespannt, man sucht immer noch nach Schuldigen, viele Menschen wurden verhaftet. Außerdem hat die Regierung einen Schießbefehl erlassen, d. h. Polizei und Militär können sofort auf Demonstranten schießen. Wir erwarten auch, dass es demnächst zur Gerichtsverhandlung gegen Muchtar Pakpahan, den Vorsitzenden der unabhängigen Gewerkschaft SBSI, kommt. Auf der anderen Seite bleibt die Opposition nicht untätig. So bereitet sich die Wahlbeobachtungskommission KIPP, deren Europarepräsentant ich derzeit bin, auf die Wahlen Anfang des nächsten Jahres vor.

Wie kann man in Deutschland die indonesische Demokratiebewegung unterstützen?

Wie im Falle Pamungkas durch politische und materielle Solidarität. Das ist in Indonesien sehr begrüßt worden. Auch die deutsche Wirtschaft könnte helfen: Wir halten es derzeit nicht für ratsam, in Indonesien zu investieren, weil sich die indonesische Wirtschaft in den Händen von Suhartos Familie und seiner Leute befindet. Und wenn Suharto eines Tages, vielleicht schon in ein paar Monaten, weg vom Fenster ist, dann wird seine Familie gejagt wie die des philippinischen Diktators Marcos, und dann stehen die Deutschen, die sich immer mit dem Suharto-Clan liieren, dumm da.

Fragen: Jochen Reinert

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