»Wir sind nicht die Palmöl-Polizei«

Neues Deutschland, 02. September 2010

Von Antje Stiebitz, Kuala Lumpur

Der von der EU geforderte Nachhaltigkeitsnachweis hat beim Großproduzenten Malaysia seine Tücken

Neues-DeutschlandBerichte über Landraub, Menschenrechtsverletzungen und ökologische Zerstörung haben Palmöl in Europa in Verruf gebracht. Für Malaysia ist das Geschäft mit dem »Goldenen Öl« ein boomender Wirtschaftszweig, der dem Land Reichtum verspricht. Die Kritik von Nichtregierungsorganisationen ist der mächtigen Palmölindustrie ein Dorn im Auge. Doch Themen wie soziale Verantwortung und Umweltfreundlichkeit spielen für die Vermarktung eine zunehmend wichtige Rolle.

Geübt schlägt Karunakaran Gopal mit seiner langstieligen Sense zu. Das 20 Kilo schwere Fruchtbündel purzelt zu Boden, rollt ein Stück und bleibt schließlich liegen. Aus dem orange-roten Fruchtfleisch werden später vier Kilo Palmöl gepresst. 200 bis 300 Stauden schneidet der indischstämmige 65-Jährige täglich von den Ölpalmen. Dafür bekommt der Plantagenarbeiter monatlich 800 bis 900 Ringgit, rund 200 Euro. Ein normales malaysisches Monatseinkommen liegt zwischen 800 und 2000 Ringgit. Gopals Gehalt liegt zwar am unteren Ende der Skala, doch er profitiert von zahlreichen Vergünstigungen, die der Konzern United Plantations (UP) Berhad seinen Angestellten zukommen lässt. »Wohnen, Wasser, Elektrizität, der Besuch einer Kinderkrippe und die Schulbildung bis zur sechsten Klasse sind unentgeltlich. Das gleiche gilt für die medizinische Versorgung und das Altenheim«, erklärt der Vizepräsident des Unternehmens, Carl Bek-Nielsen, sichtlich stolz. Sogar Moscheen, Kirchen und hinduistische Tempel wurden gebaut. »Für alles ist gesorgt«, fährt Bek-Nielsen fort, »jede Plantage bildet eine kleine Welt für sich.« Trotzdem, wer kann, zieht in die Städte. Viele der Arbeiter kommen deshalb aus Indonesien, Bangladesch oder Thailand.

Musterplantage

Dem Unternehmen UP Berhad gehören auf der malaysischen Halbinsel mehrere Plantagen, rund 40.000 Hektar Land (hinzu kommt die gleiche Fläche auf Borneo/Indonesien). In dem grünen Meer von 5,6 Millionen Ölpalmen in Westmalaysia leben 15 000 Menschen, davon sind 6000 Plantagenarbeiter. UP-Plantagen gelten als besonders produktiv: Der Palmöl-Ertrag liegt mit sechs Tonnen pro Hektar weit über dem malaysischen Durchschnittswert von vier Tonnen. Auf 500 Schienenkilometern werden die geernteten Früchte gleich in die plantageneigenen Ölmühlen transportiert, gepresst und in der Raffinerie weiterverarbeitet. Die Schädlingsbekämpfung ist biologisch, die Ölmühlen arbeiten energieautark – Biogas-Anlagen sorgen für die Stromversorgung. Ein eigenes Forschungszentrum tüftelt daran, die Eigenschaften der Ölpalmen zu optimieren. Die Messlatte der sozialen Verantwortlichkeit liegt hoch, wird in Gesprächen immer wieder betont, das Management ist effizient und der Ölpalmenanbau ist zertifiziert, was gewisse Standards von Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit bescheinigen soll.

Fährt der dänischstämmige Bek-Nielsen mit seinem roten Jeep über das 6359 Hektar große Jendarata-Anwesen, winkt ihm jeder zu. Er spricht fließend Malaysisch und ist es gewohnt, dass man ihm zuhört. Selbst um vorbildliches Wirtschaften bemüht, ärgert er sich, wenn Palmöl durch Kampagnen von Umweltverbänden wie Greenpeace oder Friends of Earth stigmatisiert werde. »Das Image als Frankenstein-Frucht bleibt am Palmöl kleben und das ist unfair«, beklagt er. Dennoch räumt er ein, dass es in Sarawak (dem malaysischen Teil von Borneo) und Indonesien Probleme gibt. Doch für ihn seien das »schwarze Schafe« und er wolle nicht, dass der ganze Industriekomplex über einen Kamm geschoren wird.

Seit den 60er Jahren stieg die Palmölproduktion in Malaysia stetig. 2009 wurden in dem südostasiatischen Land 17,5 Millionen Tonnen erzeugt, 23 Prozent der weltweiten Öl- und Fettproduktion. Bis 2020 sollen die Erträge auf 25,3 Millionen Tonnen steigen. Herkömmlich hauptsächlich als Nahrungsmittel genutzt, aber auch als Zusatzstoff beispielsweise in Reinigungsmitteln oder Kosmetika verarbeitet, wurde es in den USA und in Europa als »grüner Treibstoff« entdeckt. Palmöl, hoffte man, könne dabei helfen, die Rohstoffkrise zu überwinden.

Druck auf Nomaden

Mit der Zehn-Prozent-Agrodieselvorgabe der Europäischen Union schien der Palmölindustrie ein gewaltiger Absatzmarkt gesichert. Doch auf der malaysischen Halbinsel gibt es kein zu erschließendes Land mehr. 55 Prozent des Bodens, schreibt eine Konvention vor, müssen bewaldet bleiben. Darum setzt der malaysische Palmölkomplex auf die Ertragssteigerung der Ölpalmen und auf die Expansion in Indonesien und Papua-Neuguinea.

Das Abholzen und Abbrennen von Tropenwäldern rief dort zahlreiche Umwelt- und Artenschutz-Organisationen auf den Plan. Sie sensibilisierten die Bevölkerung für die entstehenden Schwierigkeiten: Die indigene Bevölkerung, beispielsweise das Nomadenvolk der Penan, hat keine Wahl. Entweder sie beugen sich dem Druck der »Zivilisation« und passen ihre Lebensweise an oder sie gehen unter. Flora und Fauna werden radikal dezimiert und gewaltige Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) werden freigesetzt. Südostasiatische und europäische Aktivisten setzten gemeinsam Lebensmittelkonzerne und Supermärkte in Europa unter Druck und wirkten bis nach Malaysia. Insbesondere geriet die Bioenergie-Branche in Verruf.

Die Plantagen in Malaysia, erklärt Marianne Klute, Umweltreferentin der Menschenrechtsorganisation Watch Indonesia!, seien gut gepflegt. »Doch was in Indonesien geschieht, das ist pure Ausbeutung.« Nach Berechnungen von Watch Indonesia! sind in Indonesien rund 45 Millionen Menschen vom Wald abhängig. »Hier handelt es sich um die indigene Bevölkerung, um subsistenzwirtschaftende Bauern oder um Menschen, die von Honig leben – ihnen wird die Lebensgrundlage entzogen.« Die Palmölindustrie dagegen habe lediglich rund 4,5 Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Diese Zahlen, sagt Marianne Klute, lassen das oft genannte Entwicklungsparadigma fragwürdig erscheinen. Malaysische Konzerne, ärgert sich die Umweltexpertin, könnten nicht so tun, als hätten sie mit den Problemen in Indonesien nichts zu tun. Denn viele der malaysischen Firmen expandierten in Indonesien über Joint Ventures. Dass in Indonesien gewaltig investiert wurde, ist auch daran zu erkennen, dass das Land den jahrelang größten Palmölhersteller Malaysia inzwischen überrundet hat.

Die malaysische Palmölindustrie wird durch den 1990 gegründeten Malaysischen Palmöl-Rat (MPOC) vertreten. Er will das Öl zum führenden Pflanzenöl der Welt machen. Inzwischen hat der MPOC auch eine nachhaltige Agrarwirtschaft und die Erhaltung der Umwelt auf die Agenda gesetzt. »Die negativen Kampagnen der Nichtregierungsorganisationen«, sagt Yusof Basiron, Geschäftsführer des MPOC, »greifen uns an und wir antworten mit Nachhaltigkeit.«

Ein Werkzeug hierfür ist der 2004 gegründete Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO). Er umfasst die globale Palmölindustrie, vom Produzenten bis zu den beteiligten Banken. Auch einige Nichtregierungsorganisationen, beispielsweise die Umweltstiftung WWF, sind beteiligt. Gemeinsam handeln sie Standards aus, um das Palmöl auch weiterhin vermarkten zu können. Wer eine RSPO-Zertifizierung anstrebt, muss sich acht Prinzipien verpflichten: beispielsweise dem Grundsatz der Transparenz, der Erhaltung der Artenvielfalt oder der sozialen Verantwortung.

In Europa muss die Pflichtbeimischung von Biokraftstoffen ab 2011 als nachhaltig geprüft sein. Nach Angaben der Zertifizierungsfirma Sirim Qas zahlte ein Plantagenbesitzer mit einer Grundstücksgröße von 11.000 Hektar beispielsweise 40.000 Ringgit. »Ist die Zertifizierung erfolgt, gilt sie fünf Jahre, doch der Klient muss jährlich weitere Angaben machen«, erklärt Sarala Aikanathan in ihrem Büro in Kuala Lumpur. Früher engagierte sie sich selbst für eine Nichtregierungsorganisation, jetzt ist sie »Communication Officer«für den RSPO.

34 Unternehmen haben ihre Plantagen inzwischen zertifizieren lassen. Vor allem die Hauptakteure der malaysischen Palmöl-Industrie. 2,1 der jährlich insgesamt 17,5 Millionen Tonnen des malaysischen Palmöls sind inzwischen zertifiziert. Allerdings hat der RSPO im Falle von Verstößen keinerlei Handhabe. »Der RSPO ist freiwillig«, erklärt die resolute Aikanathan, »er ist eine Abmachung zwischen Geschäftsleuten. Wir sind nicht die Palmöl-Polizei.« Auch eine CO2-Zertifizierung, wie sie Europa verlangt, gebe es noch nicht.

Doch aus Sicht vieler malaysischer Produzenten ist die RSPO-Zertifizierung zu aufwendig und zu teuer. Für Kleinbauern – die nach Angaben der National Association of Small Holders Malaysia (NASH) rund 43 Prozent des Palmöls produzieren – ist es schwierig, ein Zertifikat zu erlangen. 80 Prozent von ihnen besitzen weniger als vier Hektar Land. Sie dächten ökonomisch rational, aber nicht profit-maximiert, erläutert NASH-Präsident Aliasak Ambia. »Die Kleinbauern sind arm, besitzen kaum Geld und leben von der Hand in den Mund.«

Vor diesem Hintergrund ist die Aussage von Carl Bek-Nielsen – beim Abendessen zwischen Hauptmenu und Dessert – reichlich zynisch. Wer nicht am Runden Tisch sitze, erklärte er, stehe eben auf der Speisekarte.<>

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